Die Gaben des Geistes
Dr. John Thiessen
"Über die geistlichen Gaben will ich euch, liebe Brüder,
nicht ohne Erkenntnis lassen" (1. Kor. 12, 1).
Daß es in einem Gottesdienst der ersten Christen ganz anders
zuging als in einer streng orthodoxen, abendländischen Kirche oder in einer
tumultartigen schwarmgeistigen Versammlung, steht fest. Die ganze Gemeinde und
jedes Glied beteiligte sich an dem Gottesdienst, und wenn alles schriftgemäß
zuging, war eine vom Geist Gottes durch die Ehrfurcht gewirkte Ordnung da. Der
eine hatte ein Gebet, der andere eine Danksagung, der dritte einen Lobgesang,
der vierte eine Offenbarung. Und wo der eine den anderen höher achtete als sich
selbst, war ein wunderbares Zusammenwirken da zur Ehre Gottes und zur Erbauung
der Gemeinde. Die Wortverkündigung oder die Schriftauslegung waren die
Hauptsache, und das Wachstum der Gemeinde ein Bedürfnis.
Daß es aber nicht immer so gut ging und auch Überheblichkeit
unter den Dienern vorkam, wie auch Überbewertung der geistlichen Gaben über
das Wort, beweisen uns die paulinischen Briefe. Es ist im Grunde einer dieser
ungesunden Gemeindezustände gewesen, der die Ursache war, daß der Apostel
Paulus den ersten Korintherbrief schrieb an die an Gaben und Kräften reiche
Gemeinde.
Und wir sehen, daß es auch heute wie damals in Korinth nicht
der böse Wille ist, das Wirken des Geistes zum Eigennutz anzuwenden, sondern
vielmehr die Unkenntnis. Darum bemüht sich auch der Apostel in den drei
wunderbar aufeinanderfolgenden Kapiteln 12, 13 und 14 des 1. Korintherbriefes,
hierauf hinzuweisen; ja, er will nichts zurückhalten, was einigermaßen von
allgemeinem Nutzen sein kann.
Er zeigt uns, daß das geistliche Material in Kap. 12 in den
Schmelzofen von Kap. 13 muß, auf daß es an den Werten von Kap. 14 geprüft
werden kann.
Was sind nun geistliche oder Geistesgaben?
Das ist eine sehr wichtige und grundlegende Frage. Denn es
gibt noch immer Bibelausleger, die "Geistesgaben" ansehen als Gaben
des menschlichen Geistes. So etwas wie eine bei der Geburt mitgegebene Begabung
für etwas Besonderes. Sie vergessen, daß Geistesgaben nur da sind für die
Kinder Gottes, die Jesus Christus als ihren Herrn angenommen haben (1. Kor. 12,
2.3).
Geistesgaben haben nichts zu tun mit einer natürlichen
Begabung. Ein "Hellseher" ist etwas ganz anderes als ein Prophet. –
Geistesgaben haben auch nichts zu tun mit der gepflegten Erziehung unseres
Geistes. Durch Übung und Anstrengung kann jeder Mensch sich in einer besonderen
Linie entfalten, dies hat aber nichts mit dem Charisma des Geistes zu tun.
Geistesgaben sind nach 1. Kor. 12, 8 Geschenke des Heiligen
Geistes, und Er "teilt einem jeglichen das Seine zu, wie Er will" (1.
Kor. 12, 11). Der Gläubige hat nichts anderes zu tun, als dies Geschenk, dies
Charisma (Gnadengeschenk) anzunehmen. Selbstverständlich kann es auch abgelehnt
und andererseits mißbraucht werden. Es bleibt immer dem Betreffenden überlassen,
wie er damit umgeht. Dies müssen wir klar erkennen. Es ist wichtig für den
richtigen Empfang und Gebrauch der Geistesgaben.
Die meisten Fehler – auch in Pfingstkreisen – werden
dadurch gemacht, daß man nicht auf das Wort achtet. Durch diesen Fehler ist es
dem Bösen gelungen, das ganze Gebiet der Geistesgaben in Mißkredit zu bringen.
– Viele sagen: "Wir wollen nichts damit zu tun haben, das war für die
erste Christenzeit, wo die Wissenschaft und das Schriftstudium noch nicht so
weit vorgeschritten waren." Andere wieder versuchen mit Kunstgriffen etwas
herauszufordern, was mit Gottes Geist nichts zu tun hat. Wo liegt nun hier die
goldene Mitte? Nur da, wo wir uns an Gottes Wort halten! Und dies bezeugt uns
klar, daß auch heute noch der Heilige Geist, genau wie damals, Seine Gaben,
Seine Geschenke austeilt.
Paulus sagt deutlich (1. Kor. 13, 9): "Unser Wissen und
Weissagen ist Stückwerk", wenn aber der Herr kommt, wird das Vollkommene
da sein. Er wußte, daß die Geistesgaben bleiben werden, bis Jesus kommt. Der
Apostel zeigt uns, daß diese "Geistesgaben" von geistlich erzogenen
Menschen geistlich – das ist zur Ehre Gottes – gebraucht werden müssen,
sonst verlieren sie ihren Inhalt und Wert.
Ehe wir nun dazu übergehen, die einzelnen Geistesgaben zu
betrachten, sei noch auf das Besondere dieser Gaben hingewiesen. Paulus weiß
davon und schreibt in 1. Kor. 12, 7: "In einem jeglichen offenbaren
sich die Gaben des Geistes zu gemeinem Nutzen." Die geistlichen Gaben
werden also nicht gegeben, um damit eine Rolle zu spielen (Apg. 8, 18-23),
sondern zum "Nutzen" für die Allgemeinheit. Diese Geschenke des
Heiligen Geistes sind keine Geschenke an uns, sondern Geschenke in
uns; – sie sind vom Heiligen Geist hineingegeben in unsern Geist. Daher
sagt Paulus (1. Kor. 14, 14): "Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein
Geist ... " und (Vers 32): "... die Geister der Propheten sind den
Propheten untertan." Jeder Mensch hat seine besondere Persönlichkeitsprägung,
die von Gott für sein Gnadengeschenk benutzt wird (2. Petr. 1, 21).
Wir halten es für töricht, mit "Fasten und Beten"
eine bestimmte Gabe zu suchen und sie sozusagen von Gott erpressen zu wollen.
Die Gabe bezieht sich auf unsere ganze Person; Leib, Seele und Geist haben
Nutzen davon. Da diese Gaben sehr eng mit dem Leben und Streben der Gabenträger
verbunden sind, brauchen sie eine sorgfältige Pflege und Anwendung.
Und wie können wir nun die geistlichen Gaben in richtiger
Art und Weise zur Entfaltung bringen? –Wenn wir uns bestimmen lassen von der
Liebe Christi und uns richten nach dem Wort Gottes. Liebe und Wahrheit sind die
Voraussetzung für die rechte Entfaltung der geistlichen Gaben.
Wie viele Geistesgaben es genau gibt, ist nicht bekannt. Und
daß der Heilige Geist aus Seiner Fülle immer wieder andere Gaben gibt, wollen
wir nicht bezweifeln. Weiter gibt Er nicht nur für jeden Gläubigen eine Gabe,
sondern auch mehrere. In dem Leben des Paulus können wir mehrere Geistesgaben
entdecken, und es gibt bestimmt eine Weiterentwicklung, ein Vorwärtsschreiten
auf diesem Gebiet in bezug auf die Qualität und Quantität der Gaben. Das
Geistesleben pulsiert darin, wenn es gesund ist.
Wir wollen uns nun hier im einzelnen mit den neun Geistesgaben befassen, wie sie in 1. Kor. 12, 8-11 aufgeführt sind. Sie sind charakteristisch für das Gemeindeleben. Wir können sie vergleichen mit dem Bau und der Einrichtung eines Tempels. Darum nennen wir etwa die Gaben, "zu reden von der Weisheit" und "zu reden von der Erkenntnis" grundlegende, die Gaben, die dann folgen: der Glaube, Gesundmachen, Wunder tun, Unterscheidung der Geister, erbauende oder aufbauende Gaben. Die drei übrigen: die Gabe der Weissagung, der Zungenrede und Zungen auszulegen sind ausgestaltende Gaben.
Es herrscht jedoch im Hause Gottes nur ein Geist: der Heilige
Geist.
Was ist die Gabe "zu reden von der Weisheit"?
Es handelt sich hier um die wahre Sophia, die nicht aus einer
scholastischen oder gnostischen Schule stammt. Das Besondere an dieser Gabe ist,
daß sie uns die Geheimnisse Gottes in bezug auf Gott und Universum, Gott und
Menschheit, Gott und Weltvollendung durch Christus offenbart.
Der Apostel Paulus hatte diese Gabe in besonderer Weise, die,
wie Petrus anmerkte (2. Petr. 3, 15), auch allgemein anerkannt wurde. Denn
keiner der Apostel hätte uns die tiefen Wahrheiten so erschließen und das
Handeln der Weisheit Gottes mit dem einzelnen Menschen wie mit der gesamten
Menschheit, der Christenheit und Israel und dem ganzen Universum so enthüllen können,
wie es der Apostel Paulus in seinen Briefen getan hat. Das war keine
hellenistische Sophia, keine griechische Gelehrsamkeit, sondern Weisheit von
Gott. Wir wissen, daß die personifizierte Weisheit nach 1. Kor. 1, 30 Christus
ist. Die Gabe "zu reden von der Weisheit" wird sich mehr konzentrieren
um Christus als den König, im Gegensatz zu der Gabe "zu reden von
der Erkenntnis", die uns Christus als den Erlöser zeigt. Darum sind
dem Apostel alle diese Gaben zugeteilt worden. Sie sind grundlegend für die
Pionierarbeit im Evangelium. Es geht dabei um das Klarstellen der großen
Heilslinien in dem Plan Gottes.
Es handelt sich bei dieser Gabe "zu reden von der
Weisheit" nicht um die allgemeine Weisheit, die wir alle brauchen und nach
Jak. 1, 5 von Gott erflehen sollen, die Gott auch jedermann reichlich geben
wird. Es handelt sich auch nicht um eine Gelehrsamkeit, die durch jahrelanges
Studium erworben wird, sondern es geht um die Einsicht in Gottes Heilsplan (1.
Kor. 2, 6-8).
Die Gabe "zu reden von der Erkenntnis"
Es geht hier nicht um die Gabe, zu reden von Gottes
Vorsehung, Seinen Plänen und Seinem wunderbaren Wirken, sondern um die Gabe,
Menschen zur Gotteserkenntnis und persönlichen Heilserfahrung zu führen.
Diese Gabe ist sehr wichtig in bezug auf die Grundlegung der
Gemeinde sowie auf das Fundieren der Heilswahrheiten: Rechtfertigung, Heiligung
und Leibeserlösung.
Die Gabe des Glaubens
Im Grundtext steht nicht "der Glaube", sondern "Glaube".
Es handelt sich hierbei nicht um den allgemeinen, seligmachenden Glauben,
sondern um eine besondere Gabe, im Glauben Berge zu versetzen (1. Kor. 13, 2).
Diese Gabe wird charakterisiert durch ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott
und Seine Verheißungen. Männer und Frauen, die diese Gabe hatten, haben
Gebetserhörungen erlebt wie Elia im Alten Bund. Sie haben die Kräfte des
Himmels bewegt und die Elemente bezwungen. Was menschlich unmöglich war, ist
ihnen durch den Glauben geschenkt worden. Männer, die diese Gabe hatten, waren
u. a. Georg Müller in Bristol und Christoph Blumhardt in Möttlingen.
Die Gabe, gesund zu machen
Im Grundtext steht hier auch wieder eine wunderbare
Verdeutlichung: "Gaben des Gesundmachens" – also Plural. In
der Praxis hat sich dies auch bestätigt, nämlich daß es Menschen gibt, die
von Gott eine Gabe haben, Kranke zu heilen, und manchmal für bestimmte
Krankheiten. Also nicht Krankheit im allgemeinen Sinn, sondern
Krankheiten, die, menschlich gesprochen, unheilbar sind. Wie viele, die
vorgeben, diese Gabe zu haben, und sich als "Glaubensheiler" ausgeben,
besitzen jedoch nichts von dieser Gabe! Ihr Auftreten ist im Gegensatz zu dem
echten Gabenträger provozierend, herausfordernd und marktschreierisch, sie
probieren durch Suggestion und Auto-Suggestion – was auch eine Wirkung hat –
den Menschen, die vor dem Podium Schlange stehen, die Heilung einzureden. Nun
bilde dir ein, daß du gesund bist, und dann bist du gesund! Wenn dann noch die
Massen-Suggestion dazukommt und ein paar Leute anfangen, mit aufgehobenen Händen
durcheinander zu singen und zu beten und zu schreien, so kann eine Atmosphäre
der Ekstase eintreten, wobei sich Seelenkräfte entfalten, die in dem Körper
Impulse entstehen lassen, die Schmerzen und Nervenkrankheiten, besonders
eingebildete Neurosen, "zeitlich" vertreiben. Wir wollen noch gar
nicht reden von "teuflischen Heilungen", die auch bestehen, und
satanischen Einflüssen, die ganz gewiß sich offenbaren, wenn wir uns nicht eng
an das Wort Gottes halten. Professor Köberle sagt: "Manche ausposaunte
Wunderheilung ist eine starke seelische Erschütterung, die die
Schmerzempfindung vorübergehend gemildert hat oder ganz verschwinden ließ –
während der zerstörende Prozeß im Innern des Leibes unverändert
weitergeht." (Adolf Köberle: "Der Herr über alles", S. 132).
Jemand, der die Gabe hat, gesund zu machen, erfährt meistens
erst in der Praxis, wie Gott durch seinen Dienst Kranke heilt. Und gerade die demütige
Haltung und die Abscheu vor dem Sensationellen kennzeichnen ihn. Er
wird auch nie "Demonstrationen" mit seiner Gabe geben, aber wen er im
Namen des Herrn anspricht oder anrührt – denn die Handauflegung ist gar kein
"Muß" – wird geheilt. Für einen Mann oder eine Frau, die diese
Gabe besitzen, ist es wichtig, daß sie sich leiten lassen von dem Heiligen
Geist. Sonst kann die Gabe sich gegen ihn selbst richten, und anstatt andere zu
heilen, lädt er anderer Krankheit und Leiden auf sich.
Manchmal ist ein evangelistischer Dienst mit dieser Gabe
verbunden. Wir sehen das bei Philippus in Samaria (Apg. 8, 5.7). Damit soll
nicht gesagt sein, daß Philippus besondere "Heilungsversammlungen"
gehalten hat, wie diese nun von den "Glaubensheilern" in aller Welt
veranstaltet werden, sondern bei Philippus wurde die klare Predigt des
Evangeliums mit Wundern und Zeichen bestätigt, die er nicht propagierte, die
aber einfach darauf folgten.
Die Gabe, gesund zu machen, schließt die ärztliche und mittelbare Behandlung nicht aus. Sie hat einen ganz anderen Boden, von dem sie herkommt; sie hat zu tun mit einem unmittelbaren Eingreifen Gottes aufgrund der Erlösung durch Jesus Christus. Die mittelbare Heilung – durch Heilkräuter und Heilmittel – steht für den Gläubigen auch unter dem Segen Gottes, und wir können Gott dankbar sein, daß es Ärzte und Mediziner gibt, die ohne Unterschied mehr Erfolg in der Behandlung der Kranken haben als die Heilungskünstler, die im voraus sagen: "Alle Krankheit ist vom Teufel, auch alle Medizin", sich aber, wenn der Erfolg ausbleibt, fortmachen und die auf sie vertrauenden Kranken mit den bitteren Worten allein lassen: "Der Patient wurde nicht gesund, weil er nicht geglaubt hat!"
Die Gabe, gesund zu machen, verlangt ein gänzliches
Hingegebensein an den Willen Gottes. Die Gabe soll nicht aus nur menschlichem
Mitleid angewandt werden, sonst kann es sein, daß man durch diese Gabe
Heilungen heraufbeschwört und Leute heilt, die dann doch von Gott abfallen,
abtrünnig werden vom Glauben, so daß man schließlich sagen muß: "Es wäre
besser gewesen, der Betreffende wäre im Glauben gestorben." Da steht man
manchmal vor großen Problemen in dem Ratschluß Gottes und hat nötig, sich in
demütigem Gehorsam von dem Willen Gottes allein leiten zu lassen.
Die Gabe, Wunder zu tun
Das Wunder ist immer ein direktes Eingreifen Gottes, das die
Gesetze der Natur überhöht, beschleunigt oder aktiviert. Gerade das "Unmögliche"
ist die Grundlage für das Wunder.
Diese Gabe wird meistens den Aposteln gegeben oder dem
Pionier des Evangeliums. Petrus z. B. hatte diese Gabe. Er richtete den Gelähmten
an der schönen Pforte des Tempels, den gichtbrüchigen Aneas auf und erweckte
die verstorbene Tabea (Apg. 3, 1-8; 9, 32-43).
Daß diejenigen, die diese Gabe haben, auch achtsam sein müssen,
beweist wohl sehr deutlich das Leben des Mose. Er hatte die Gabe, Wunder zu tun,
das Wasser des Roten Meeres aufzuhalten und Wasser aus dem Felsen hervorzurufen.
Aber als er zum zweitenmal nicht auf den Felsen schlagen, sondern den Felsen
anreden sollte, tat er das nicht, sondern handelte wie früher: Er schlug
zweimal mit seinem Stabe. Wasser kam, aber Gottes Willen hatte er in diesem
Falle doch außer acht gelassen (4. Mose 20, 6-12). Das wurde Mose zum Gericht;
er durfte nicht in das Gelobte Land eingehen. Wir können uns deswegen auch nie
mit dem Erfolg, den uns die Gaben gebracht haben, vor Gott rechtfertigen. Der
Glaube sucht immer Gottes Willen zu tun. Hierbei hat man zu achten auf die Führung
des Heiligen Geistes, sonst kann man mit seiner Gabe zwar Wunder tun, bleibt
aber selbst vor dem Ziel stehen.
Die Gabe der Weissagung
"Wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse
...", sagt Paulus in 1. Kor. 13, 2. Damit hat er eigentlich in einem Satz
gesagt, was das Wesen der Weissagung ist, nämlich das Enthüllen von
Geheimnissen. Und zwar:
Geheimnisse im persönlichen Leben,
Geheimnisse im nationalen Leben,
Geheimnisse im Gemeindeleben,
Geheimnisse im geistlichen Leben,
Geheimnisse in bezug auf das Zukünftige.
Diese Gaben enthüllen also die Verborgenheiten, wodurch wir
tiefer in die Gnade hineingeführt werden. Sie erleuchten die Vergangenheit, die
Gegenwart und die Zukunft und haben auch einen dreifachen Segen. Sie bringen
Besserung, Ermahnung (Erziehung) und Tröstung.
1. Kor. 14, 3: "Wer weissagt, der redet den Menschen zur
Besserung (Erbauung) und zur Ermahnung und zur Tröstung." Wo diese drei
Elemente der Weissagung fehlen, da kann man ruhig sagen, daß die Weissagung
nicht vom Geiste Gottes war, sondern aus dem eigenen Menschengeist oder aus der
Seele stammte.
Manche meinen irrtümlich, daß man nur dann von Prophetie
reden kann, wenn die Weissagung sich auf die Zukunft bezieht.
Die Weissagung kam viel vor in der ersten Christenheit, und
in 1. Kor. 14 haben wir sehr klare Richtlinien, wie diese Gabe sich gut
entfalten kann und praktisch in dem Dienst der Gemeinde anzuwenden ist. Zu einem
gewissen Grad soll das ganze Volk Gottes ein prophetisches Volk sein, das will
sagen: ein Volk, das in die Geheimnisse Gottes eingeführt ist und wird. In
diesem Sinne meint auch Paulus in 1. Kor. 14: "Befleißiget euch der
geistlichen Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget."
Die Weissagung kann in einzelnen Botschaften zum Ausdruck
kommen, aber auch eine prophetische Rede sein, wie die des Petrus am
Pfingsttage. Die Weissagung kann von einer Offenbarung (Vision – Gesicht)
begleitet werden oder von einer symbolischen Handlung, wie bei Agabus, der den Gürtel
des Paulus nahm, sich Hände und Füße band und sprach: "Das sagt der
Heilige Geist: Den Mann, des der Gürtel ist, werden die Juden also binden zu
Jerusalem und überantworten in der Heiden Hände" (Apg. 21, 11).
Paulus stellt die Weissagung höher als das Reden in anderen
Zungen und gibt einen klaren Einblick in das Wesen dieser Gabe. Das ist sehr
wichtig; denn wenn auch die Weissagung in allen vom Geist Gottes gewirkten
Erweckungen vorkam, hat sie zuletzt fast ganz aufgehört, weil sie durch Mißbrauch
unglaubwürdig geworden ist, oder weil diejenigen, die diese Gabe hatten, nicht
genau wußten, wie sie damit umgehen, wie sie diese pflegen und anwenden
sollten, und vor allen Dingen, weil die Gemeinde die Weissagungen ungeprüft
hingenommen hat (dagegen 1. Kor. 14, 29; 1. Thess. 5, 21).
Es ist darum zu beachten: Der Weissagende ist kein
"Medium", das nun langsam oder plötzlich von einem Geist oder Gottes
Geist "besessen" wird, so daß er von einer außer ihm existierenden
Macht überwältigt wird und orakelartige Aussprüche von sich gibt, von denen
er selber später nichts mehr weiß. Wenn auch die Schriftstelle 2. Petr. 1, 21
von einem "Getriebenwerden von dem Heiligen Geist" redet und die
alttestamentliche Offenbarung des Geistes gebunden war an einen zeitlichen
Auftrag und ein zeitliches Amt, so war doch nie eine Entthronung der Person
damit verbunden. Es war kein "ekstatisches" aus dem Mittelpunkt Gerücktwerden,
sondern der Betreffende war sich immer seines Personseins bewußt. Es war aber
auch im Alten Testament ein "charismatisches Dienen". – Wir müssen
dies gut unterscheiden, da hier der wesentliche Unterschied liegt zwischen dem
Magischen, Okkulten, Spiritistischen, Satanischen – und dem Göttlichen. Bei
allem Nichtgöttlichen ist der Trancezustand, wobei das bewußte menschliche
Denken ausgeschaltet ist, immer die Vorstufe der Ekstase. Man kann solch einen
Zustand künstlich durch längeres Fasten oder ständig wiederholte
Gebetsformeln herbeiführen.
Es ist sehr wichtig, daß man das Wirken des Heiligen Geistes
klar unterscheiden kann von dem des Menschen, vom Seelischen oder gar Dämonischen.
Und das kann man nicht an den Randerscheinungen, sondern nur in dem Kern der
Sache, oder wie Jesus sagt: "An ihren Früchten sollt ihr sie
erkennen" – also nicht an ihren Gaben.
Nicht alles, was einem beim Beten, Loben und Danksagen einfällt,
ist direkt vom Geist eingegeben. Jeder sollte sich immer bewußt vor Gott
stellen und prüfen: Ist das nun Illumination (Beleuchtung) oder Inspiration
(Erleuchtung)? Ist es – auch wenn vom Geist Gottes erleuchtet – zuletzt doch
meine eigene Sphäre, mein "nous", der dies produziert? Oder ist es
eine klare Inspiration des Heiligen Geistes, der an mein Inneres appelliert und
mich beauftragt zum Reden oder zum Handeln oder auch – wie bei Philippus –
irgendwohin zu gehen? Kann man denn überhaupt in sich selbst einen deutlichen
Unterschied erkennen zwischen Erleuchtung und Beleuchtung?
Sicherlich, denn wo bliebe sonst die Verantwortung gegen Gott und Menschen? Daß
diese Sache nicht so ohne weiteres vor sich geht, beweist wohl der Rat, den uns
der Schreiber des Hebräerbriefes gibt, wenn er (5, 12) sagt: "Denn die ihr
solltet längst Meister sein, bedürfet wiederum, daß man euch den ersten
Anfang der göttlichen Worte lehre und daß man euch Milch gebe und nicht feste
Speise." Wörtlich: "Denn während ihr der Zeit nach solltet Lehrer
sein, habt ihr vielmehr nötig, daß man euch das ABC der Offenbarungswahrheit
Gottes beibringe."
"Feste Speise aber" – Vers 14 – "gehört
den Vollkommenen" (die die geistliche Reife erlangt haben); "sie haben
durch steten Gebrauch geübte Sinne und können Gutes und Böses
unterscheiden." Sie können unterscheiden, was von Gott gewirkt oder
aus eigenem Antrieb hervorgegangen, was "seelisch" und was
"geistlich" ist. Genau wie ein Musiker sein Ohr üben muß, um die Töne
deutlich und sauber voneinander unterscheiden zu können, um aus seinem
Instrument den reinsten Ton herauszuholen, so darf das Kind Gottes seine
geistlichen Sinne üben, um klar unterscheiden zu können, was vom Geist Gottes
inspiriert ist und was aus dem eigenen Geist stammt, ob es überhaupt etwas
reden oder tun und wann es dies tun und wie es dies ausführen
soll.
Wie viele Gabenträger brauchen auf diesem Gebiet eine
Belehrung, auf daß etwas Gutes bei ihrem Dienst herauskomme und das Ganze nicht
verläuft in ein unwahres Wesen, in krankhafte Phantasien und Exzesse. Wie nötig,
daß jede Gabe gepflegt und angewandt wird zum allgemeinen Nutzen. Aber wer
soll ihnen diese Unterweisung geben, wenn oft auch führende Männer in der
Gemeinde selber nichts wissen von dem Wirken des Heiligen Geistes in bezug auf
die Gaben, weil sie das diesbezügliche Wort Gottes nicht gebührend beachten? Weiter
kommt es vor, daß gerade die Weissager sich wenig oder nichts sagen lassen und
manchmal mit ihrer Gabe die Gemeinde beherrschen und ihren Fortschritt
abdrosseln.
Paulus gibt einige klare Linien an in bezug auf den
praktischen Dienst der Weissagung in der Gemeinde. Nicht nur stellt er das
Weissagen der Wirkung nach höher als das Zungenreden (1. Kor. 12, 2-4), er unterwirft
die Weissagung auch dem Urteil der Gemeinde. Er sagt in Kap. 14, 29:
"Propheten aber lasset reden zwei oder drei, und die andern lasset die Rede
prüfen."
Dieses Prüfen kann sich auf zwei Dinge beziehen:
Ob das Gesagte vom Geist ist. Dies ist es nur dann, wenn es mit dem Worte Gottes übereinstimmt!
Prüfen, was der Geist der Gemeinde zu sagen hat!
Zusammenfassend wäre hier festzustellen: Weissagen ist in
seinem Dienst, Sinn und Ziel daran gebunden, daß es Besserung, Ermahnung,
Erziehung und Tröstung bringt. Wird dieser Maßstab angewendet, dann fallen
alle "Weissagungen" dahin, deren Inhalt bloß aus leeren
Erbaulichkeiten oder wilden apokalyptischen Bildern besteht oder deren Sündenenthüllungen
nicht vom Bewußtsein der Solidarität getragen sind.
Weiter will Paulus nicht, daß wenn einer weissagt, ein
anderer, der auch eine Weissagung hat, dazwischen redet und womöglich
ein dritter, der ebenfalls eine Weissagung hat; dadurch würde das Ganze unverständlich.
Einer soll vielmehr auf den andern warten oder ihm den Vorrang geben. "Denn
Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens" (1. Kor. 14,
33). Das heißt, daß kein Gegensätzliches bei Gott ist, und so soll es auch in
der Gemeinde sein.
Und wie geht das nun in der Praxis? – Ist der Weissagende
nicht so voll Inspiration, daß er nicht mehr an sich halten kann, sondern eben
sprechen muß? Ist es nicht blasphemisch, zu denken, daß der Weissagende den
Heiligen Geist unter seiner Kontrolle hat? Läßt sich denn der Heilige Geist überhaupt
etwas vom Menschen vorschreiben? Paulus hat dies sehr fein herausgefühlt und
schreibt dann: "Die Geister der Propheten sind den Propheten
untertan" (14, 32). Er sagt nicht: der Geist Gottes, sondern: die
Geister der Propheten. Es ist also mein Geist, der unter der Inspiration
des Heiligen Geistes weissagt, oder, wie es zu Pfingsten hieß: "Sie
redeten, wie der Geist ihnen gab auszusprechen" (Apg. 2, 4). Es ist immer
der verantwortliche, bewußte Mensch, der aktiv ist, nicht ein
"Medium", dessen Bewußtsein beschlagnahmt ist. Deswegen kann ich,
wenn ich mich vom Geiste Gottes leiten lasse und nicht von meinen Gefühlen oder
Sympathien, genau wissen, wie und wie lange mein Dienst sein soll. Je ruhiger
dabei meine Person ist und je mehr ich in Demut und Glauben in der Gegenwart
Gottes bleibe, um so klarer wird mein Dienst sein.
Gerade wenn in einer Gemeindeversammlung zwei oder drei
Weissager an einer Offenbarung gemeinsam dienen, ist es so wichtig, daß der
eine auf den andern wartet, auf daß die Einheit im Geist bewahrt wird.
"Darum," sagt Paulus am Ende des 14. Kapitels im 1.
Korintherbrief noch einmal, "liebe Brüder, befleißigt euch des Weissagens
..."
Die Gabe der Geisterunterscheidung
Es handelt sich hierbei um etwas sehr Wichtiges, und mehr
denn je sollten wir in dieser Endzeit, wo die Verführung so groß ist, dankbar
sein für Männer und Frauen, die diese Gabe haben.
Jeder Christ sollte gewissermaßen eine Begabung haben, ein
sogenanntes gesalbtes Auge (1. Joh. 2, 20.27; 1. Kor. 2, 15), um zu
unterscheiden, was von Gott und was nicht von Gott ist. Auch gibt die Schrift
den Menschen allgemeine Maßstäbe in die Hand (1. Kor. 12, 2.3; 14, 1; 1. Joh.
4, 1-7; Matth. 7, 16). Es gibt jedoch noch eine Geistesgabe, die die Geister unterscheiden
kann. Unter diesem Wort "Geister" können wir vieles verstehen: Böse
Geister, verführende Geister, den eigenen Geist, Menschengeist, vor allem aber
Gottes Geist.
Das Besondere an dieser Gabe ist, daß durch die Gabe der Geisterunterscheidung enthüllt wird, aus welchem Hintergrund und unter welcher Tarnung das Nichtgöttliche sich offenbart. Die Gemeinde, die diese Gabe nicht besitzt, ist mancher geistlichen Gefahr ausgesetzt. Wie klar wußte Paulus in Philippi zu unterscheiden, daß der wahrsagende Geist bei dieser Frau, der sogar die Wahrheit in bezug auf Paulus und Silas ausrief, nicht von Gott war. Und er trieb diesen bösen Geist aus (Apg. 16, 16-18). Wie deutlich wußte Jesus aus dem Munde des Petrus die Stimme Gottes von der des Bösen zu unterscheiden! (Matth. 16, 23.) – Darum ist es notwendig, diese Gabe immer wieder neu zu erbitten.
Die Gabe des Zungenredens und der mancherlei Sprachen
Daß das Zungenreden keineswegs ein Kuriosum (etwas Seltsames
und Seltenes) gewesen ist, sagt auch Professor Karl Heim ("Gemeinde des
Auferstandenen", Seite 207). Es ist vielmehr bei allen großen Erweckungen
als ständige Erscheinung aufgetreten. So auch bei der Erweckung in Wales, bei
den großen Erweckungen in Westdeutschland, dann im 19. Jahrhundert und
besonders in unseren Tagen.
Paulus redete mehr in Zungen als alle andern und gibt große
Segnungen an, die darin liegen, die wir später nennen wollen.
Was ist nun das echte Zungenreden?
Das, was Paulus "glossolalie" nennt und in der
korinthischen Gemeinde viel vorkam, ist das deutliche Reden in einer nicht
gelernten Sprache unter Inspiration des Heiligen Geistes. Diese Sprache kann
eine menschliche oder Engelssprache sein (1. Kor. 13).
Dr. Friso Melzer sagt darüber in seinem Buch "Unsere
Sprache im Lichte der Christusoffenbarung" auf Seite 383: "Zungenrede
bleibt ein Ereignis zwischen dem Redenden und Gott. Nur der Redende, nicht aber
der Hörer hat Gewinn: Wer mit Zungen redet, der bessert sich selbst (V.
4)." Auf S. 385: "Er redet in einer Sprache, die der Sünde enthoben
ist, gleichsam in die Urverbundenheit des Kindes zurückgeht, das Worte der
Liebe stammelt und sich darin selig fühlt." Man muß also dieses
Zungenreden streng unterscheiden von dem "Plappern der Heiden", die im
Trancezustand unartikulierte Worte und Laute ausstoßen oder auch ein und
dasselbe Wort oder bestimmte Lautfolgen ständig wiederholen.
Es gibt viel sogenanntes Zungenreden in unseren Tagen, das überhaupt
nichts zu tun hat mit dem Zungenreden, von dem Paulus in 1. Kor. 12 und 14
spricht. Gerade jetzt, wo wieder eine neue Welle des "Zungenredens"
durch evangelische und katholische Kreise geht, wobei es sich meistens um künstlich
angewandte Methoden handelt, die keinen wahren Grund in der Heiligen Schrift
haben, müssen wir sehr vorsichtig sein! Denn es ist die List des Bösen, in
unseren Tagen eine Mischung hervorzurufen von Fleisch und Geist,
Seelischem und Geistlichem, Menschlichem und Göttlichem.
Wenn zuletzt eine solche Verwirrung entstanden ist, daß die
Leute sagen: "Ich glaube nichts mehr" – dann hat der Böse sein
Spiel gewonnen. Dr. E. Lubahn hat dies gut unterstrichen in seinem Büchlein
"Fromme Verführungen" (Seite 56).
Wir begegnen jetzt verschiedenen Methoden, um den Leuten das
"Zungenreden" beizubringen, da sie dies für das Kriterium für
die Geistestaufe halten. Wir wollen einige davon nennen:
"Christensen-Methode": Pfarrer Christensen propagiert diese Art, wobei es folgendermaßen zugeht: Der Gläubige muß Gott in einer Sprache preisen und verherrlichen, die er selber nicht spricht. Man muß zuerst die persönliche Sprache ausschalten und nun einfach anfangen zu "lallen". Am Anfang kommt es ihm fremd vor, aber dann muß er glauben, daß Gottes Geist dieses selbstgemachte Lallen in eine Zungensprache "umzaubert". – Nach allen Seiten scheint hier das menschliche Element durch.
Die "Papagei-Methode": Man sagt: Einem Kinde muß man auch die Worte vorsagen und sie nachsprechen lassen. So haben diese Verführer eine Liste Wörter, die sie immerfort wiederholen lassen, bis dann im kollektiven unterbewußten Seelenleben das Schwungrad auf Touren kommt und sie von selber anfangen zu "plappern". Von vielen wird hierzu das Wort "Halleluja" oder auch "Abba" (Vater) benutzt. Wenn Sie ein solches Wort schnell viele Male wiederholen, werden Sie verstehen, was ich meine, wenn ich hierbei an "Papageien" denke!
Eine andere Methode ist die: "Brother, let go!" (Bruder, laß dich gehen!). Hierbei kommt ein wildes Treiben zum Ausdruck, angeregt durch Händeklatschen und rhythmische Chöre, die ständig wiederholt werden und durch ihren besonderen Effekt die Leute direkt in das seelische Wesen treiben. "Laß dich gehen", heißt es dann, mach alle Bremsen los – und die Leute rollen sich auf dem Boden, und mit zitternden Händen und Schockbewegungen, weinend oder schreiend – aber manchmal auch heiter lachend – stammeln sie unartikulierte Laute, wie ein Betrunkener. Dies wird dann verdolmetscht als "trunken im Geiste" zu sein.
Eine weitere Methode ist die "Handauflegungs-Methode".
Bestimmte Personen meinen den Heiligen Geist vermitteln zu können. Sie
wollen den Platz des Herrn Christus – der doch allein der Täufer im Heiligen
Geist ist – einnehmen. Dies geschieht z. B. in der sogenannten, "Spätregen-Bewegung",
und es scheinen mir hier okkulte Bindungen und Verbindungen vorhanden zu sein.
Wenn die Leute unter Handauflegung sogenannter "apostolisch Begabter"
anfangen zu zischen, aus ihrer geistlichen Balance fallen, manchmal in tiefe
Bewußtlosigkeit, und dabei Laute stammeln, so ist dies doch sehr fragwürdig.
Wir könnten noch viele andere Methoden nennen, wobei sogar für
Geld ein Zertifikat, daß man die echte Zungengabe besitzt, verkauft wird. Doch
wir beschränken uns darauf zu sagen: Es ist möglich, einen Menschen, wenn er
sich nur gehen läßt, so lange zu rütteln und zu schütteln und ein bestimmtes
Wort im gesteigerten Tempo wiederholen zu lassen, bis er endlich in seinem
unterbewußten Seelenleben nicht mehr Herr über sich selbst ist und dann – in
einer Art Ekstase – mit ausgestreckten Händen, sich selbst berauschend,
gewisse Laute hervorbringt.
Von dieser Art des sogenannten Zungenredens wollen wir uns gründlich
distanzieren, denn das ist "Fleisch" und hat mit dem Geist Gottes
nichts zu tun. Die "glossolalie" aber, die uns im 1. Korintherbrief
ausführlich beschrieben wird und auch heute noch ihren Platz und guten Nutzen
in der Gemeinde hat, ist tatsächlich eine Sprache. Und wenn man als Fremder
diese Sprache auch nicht versteht, spürt man den artikulierten Wortlaut und
entdeckt einen Satzbau mit bestimmten Betonungen, Intervallen und Pausen (siehe
Karl Ecke: "Durchbruch des Urchristentums"). – Selbstverständlich
muß auch hier wieder der geistliche Sinn geübt werden, denn wenn jemand zum
ersten Mal in Zungen redet, so ist dies ein so gewaltiges Erlebnis für ihn, daß
er ganz davon hingenommen ist.
Wie geht nun gewöhnlich die Mitteilung dieser Gabe vor sich?
Das Kind Gottes, das sich ausstreckt nach geistlichen Gaben, sucht betend das
Angesicht des Herrn. Es kann dies sein in einer Gebetsstunde oder auch allein im
Kämmerlein. Gott ist nicht an Ort und Zeit gebunden. Die Hauptsache ist nur, daß
das Herz durch den Glauben gereinigt ist und die Person ein Herz und eine Seele
ist mit dem Volke Gottes, wie es von dem Pfingsttag heißt: "Sie waren da
zum Eins-sein", und "schnell" kam Gottes Geist, um diese
Glieder am Leibe Christi zu erfüllen.
Der Betende soll keine bestimmte Gabe vom Herrn erflehen,
sich aber offenhalten für das, was der Heilige Geist ihm geben will. Wenn es
nun die Gabe der Zungen ist, so wird es meistens so erlebt, als ob plötzlich
warme Ströme fließender Liebe den Beter durchströmen. Mehr und mehr wird das
Herz des im Gebet vor Gott Verharrenden so mit göttlicher Liebe erfüllt, daß
Schweigen bald unmöglich ist. Es drängt das Gotteskind von innen heraus zur
lauten Anbetung. Und jetzt fängt der Betende an, Worte auszusprechen, die ihm
zwar völlig fremd sind, aber vom Heiligen Geist eingegeben werden. Das
jubilierende Herz füllt den Mund mit lautem Lobpreis Gottes. Die Folge ist ein
nie gekannter Friede, eine tiefe, herzinnige Freude, redet er doch im Geist
Geheimnisse (1. Kor. 14, 2). Bei all dem ist das Bewußtsein des Gläubigen
keinen Augenblick ausgeschaltet. Das Ganze ist ein Erlebnis im Geist bei vollem
Bewußtsein. – Anfangs mag das Reden in Zungen noch etwas
"stammelnd" vor sich gehen, es wird sich aber immer mehr zu einer
"Sprache" vervollkommnen, wenn der Betreffende als Gotteskind
weiterhin im Gebet Umgang mit Gott pflegt und auch sonst in seinem Wandel
geistlich gesinnt ist.
Paulus war geübt im Zungenreden und weiß diese Vorgänge
fein zu deuten. Er sagt: der in "Zungen redet", spricht im Geist
Geheimnisse aus (1. Kor. 14, 2). Sein Verstand ist hierbei nutzlos, nicht
wertlos. Nutzlos, weil er sich selber reden hört, aber nicht verstehen kann,
was er sagt. Sein Verstand ist jedoch ganz klar und kann den hohen Wert dieses
Erlebnisses erkennen. Sogar die Erinnerung ist wach und kann manchmal bestimmte,
von dem in Zungen Redenden selbst ausgesprochene Worte behalten.
Hier kommen wir wieder auf den großen Unterschied zwischen
dem "ekstatischen Reden der Heiden" und dem "charismatischen
Zungenreden eines Kindes Gottes".
Das Kennzeichen des biblischen Zungenredens ist immer: es ist
vom Heiligen Geist in unserem Geist bewirkt. Denn in unserem Geist, nicht zu
verwechseln mit Intellekt, knüpft der Heilige Geist an.
Leider herrscht auf diesem Gebiet eine große Unwissenheit
– auch bei vielen Verkündigern des Evangeliums. Sie gehen dieser Materie aus
dem Weg mit dem Spruch: "Früher hatten die Leute keine Schulen, um die
verschiedenen Sprachen zu lernen und das Evangelium zu verkündigen, jetzt aber
wohl!" und beweisen damit, wie schlecht sie ihre Bibel kennen. Andere sind
wieder auf der anderen Seite in Irrtum verfallen und sagen: "Nun reden wir
in Zungen ... und ich vermute, meine Sprache ist chinesisch" – und sie
gingen nach China und kein Mensch, auch kein Chinese, verstand sie.
Trotzdem ist es, wenn Gott es so wollte, tatsächlich
vorgekommen, daß der Heilige Geist durch eine Person eine Botschaft gab in
einer Sprache, die er selber nicht verstand, die aber von anderen Anwesenden
verstanden wurde, genau wie es war am Pfingsttag, da sie sagten: "Wie hören
wir diese Galiläer in unseren eigenen Dialekten die großen Taten Gottes
preisen?" Aber die Pfingstpredigt des Petrus war dann doch in der für alle
verständlichen Sprache gehalten, und das ging ihnen durchs Herz, und 3000
bekehrten sich. "Der Glaube kommt aus der Predigt" (Röm. 10,
17) und nicht aus der Zungenrede.
In den Stellen 1. Kor. 14, 2.4.13.14.15.16.22 führt uns
Gottes Wort in die Mannigfaltigkeit des Zungenredens ein. – Es ist auffallend,
daß das Zungenreden nach 1. Kor. 14, 22 ein Zeichen für die Ungläubigen ist.
Denn in manchen Pfingstkreisen hat man diese Schriftstelle verdreht und gesagt,
daß das Zungenreden ein Zeichen dafür ist, daß der Mensch mit dem Heiligen
Geist erfüllt ist, was den Sinn dieses paulinischen Satzes gar nicht trifft.
Sonst wäre Paulus mit sich selbst im Streit.
Weiter unterscheiden gewisse Pfingstkreise das Zeichen und
die Gabe des Zungenredens. Das Zeichen soll sein: Wenn ein Mensch nur
einmal wenige unbestimmbare Laute ausgestoßen hat, dann liege darin der Beweis,
daß er getauft sei mit dem Heiligen Geist. Die Gabe jedoch sei dort, wo der
Mensch immer in Zungen reden kann. Man sieht, zu welch merkwürdiger
Begriffsspaltung man kommen kann, wenn man sich nicht an das Wort Gottes hält.
Das Zungenreden ist also eine Gabe, ein Charisma des Heiligen
Geistes, und hat seinen großen Wert und guten Platz im Gemeindeleben, wenn
diese Gabe geistlich gebraucht wird. Wird diese Gabe aber ungeistlich gebraucht,
so entartet sie – wie alle anderen Gaben auch – in ein wildes Wesen, das
lieblos, nutzlos, wertlos und kraftlos ist (1. Kor. 13, 1-7).
Vergessen wir nicht, daß auch das Zungenreden eine Gabe, ein
Geschenk des Geistes ist, das man auch zum "Eigennutz" gebrauchen
kann, um damit zu prahlen, wie es bei den Korinthern vorkam, was aber dem Sinn
dieser Gabe widerspricht. Der Zungenredner kann sogar auch dann noch in Zungen
reden, wenn er nicht mehr treu ist in der Gemeinschaft des Geistes. Dasselbe
gilt gewissermaßen für alle Gaben. Selbstverständlich wird ein Abtrünniger
die Gabe nicht mehr suchen, aber das Geschenk kann er festhalten und ist vor
Gott auch dafür verantwortlich. Der Mißbrauch der Gaben wirkt anstatt erbauend
entmutigend, verwirrend und verklagend. Der Leitgedanke dabei wird sein: Du hast
die Freundschaft mit Jesus gebrochen, aber das Geschenk von Ihm behalten.
Das Zungenreden soll nicht vernachlässigt, sondern betätigt
und gepflegt werden. In der Gemeinde, in der Öffentlichkeit ist es aber nur mit
Auslegung zuzulassen (1. Kor. 14, 28).
Die Gabe, die Sprachen auszulegen
Das Zungenreden in verschiedenen Sprachen bekommt erst Nutzen
für die Gemeinde und ist nur dann zugelassen in der Gemeinde, wenn es auch
ausgelegt wird. Wir wollen das gut beherzigen, denn in mancher Gemeinde kommt es
vor, daß der eine oder andere in Zungen redet, und dann kommt eine peinliche
Pause und man fährt einfach mit Gebet oder Predigt fort. Das ist nicht nach der
Schrift. Wenn der Zungenredner selber keine Auslegung hat oder kein Ausleger da
ist, also eine Person, welche die Gabe der Auslegung hat, so soll er
schweigen.
Was ist nun das Auslegen? – Dies ist sehr wichtig, denn
manchesmal, wenn man eine Auslegung hört, hat man eher das Gefühl, daß mehr
hineingelegt wurde als ausgelegt.
Auslegen heißt nicht: dolmetschen oder interpretieren, wie
manch einer gedacht hat und aufmerkte, da es nur eine kurze Zungenrede war, aber
eine lange Auslegung. Das Auslegen ist vielmehr das Verständlichmachen einer
Geistesmitteilung. Die Person, die die Gabe hat, vernimmt im Geist, welches die
Meinung des Heiligen Geistes ist, und gibt nun unter Inspiration des Geistes in
eigenen Worten wieder, was geoffenbart wurde. Wir sehen also, daß es hierbei
auf drei große Momente ankommt:
Die Botschaft im Geist empfangen.
Die Botschaft im Geist verstehen.
Die Botschaft im Geist auslegen, d. h. so aussprechen, wie der Geist es aussprechen läßt.
Der Geist Gottes schaltet den Menschen nicht aus,
sondern vielmehr erst richtig ein. Der Mensch ist der Redende, der
Auslegende; er ist dabei nicht passiv, sondern aktiv. An Pfingsten heißt es:
"Wie der Geist ihnen gab auszusprechen." Paulus sagt: "Wenn ich
auch mit Menschen- oder Engelzungen reden könnte ..." (1. Kor. 13, 1 ff.).
Das ist das Wichtige, das Schöne, aber auch das Gefährliche. Der Mensch, der
Gabenträger, soll deswegen eine Gott geweihte Person sein, der es nur um die
Verherrlichung Gottes geht. Absolute Hingabe ist Vorbedingung, und wer das nicht
will, soll schweigen.
Daß auch das Auslegen im Geist geübt werden muß, ist
selbstverständlich. Genau wie der junge Samuel "noch nicht gewöhnt war an
die Stimme Gottes". Daß das Auslegen etwas "Besseres" ist als
das Zungenreden und man noch viel achtsamer damit umgehen muß, ist begreiflich.
Wie sollen wir nun feststellen, was das Echte, Wahre, vom
Geist Geoffenbarte und was das Menschliche ist? – Diese Frage stellten schon
die Korinther dem Paulus, denn sie sahen, daß die heidnische Ekstase auch
Auslegungen und Offenbarungen ergab, die sich erfüllten. Daran erkennen wir, daß
die Sache nicht so einfach ist und die Weissagung nicht einfach deswegen von
Gott sein muß, weil sie eingetroffen ist. Auch der Hellseher sagt Dinge,
die bei Nachprüfung noch wahr sind, aber deswegen ist das, was er sagt, doch
nicht von Gott. Denken wir an die Wahrsagerin von Philippi!
Paulus nennt als Kennzeichen den Inhalt des Gesagten und das
Leben des Auslegers. Wenn die Auslegung nicht schriftgemäß und zur Ehre Gottes
ist, so ist sie nicht vom Geiste Gottes gewirkt. Weiter, wenn das Leben des
Auslegers fragwürdig ist und nicht mehr glaubwürdig für die Gemeinde, so soll
man diesen nicht reden lassen. Dem gegenüber steht die Tatsache, daß die
Auslegung so klar sein kann, so wortgetreu und sinngemäß, dabei so geistgefaßt,
daß ein jeder hieraus die Stimme des Herrn vernimmt.
Paulus sagt, daß, wenn zwei oder höchstens drei eine
Zungenbotschaft haben, sie nicht durcheinander reden sollen, sondern einer nach
dem anderen, und einer soll es auslegen (1. Kor. 14, 27). Warum das? Paulus will
die Meinung des Geistes durch die Einheit im Geist bewahren. Er will keine drei
verschiedenen Anschauungen, sondern eine Auslegung. Weiter will er, daß
der Zungenredner sich dem Ausleger unterstellt. Es soll ein gemeinsamer Dienst
im Geist sein, erbauend, ermahnend, tröstend. Der Ausleger soll nicht immer der
Prediger sein. Im Gegenteil: Es ist viel besser, wenn der Prediger sich nur an
seinen Dienst als Evangelist, Leiter, Prophet, Lehrer oder Hirte hält und das
Ganze überblickt. Er kann dann die Leitung in der Hand behalten und eingreifen,
wenn es nötig ist. Die geistlichen Gaben sollen dem geistlichen Amt unterstellt
sein.
Es gibt noch weitere Geistesgaben, wie die Gabe des
Ermahnens, Gaben für Hilfsdienste, Verwaltungen usw. (Röm. 12, 6-8; 1. Kor.
12, 28).
Für alle Gaben gilt der Grundsatz (1. Kor. 12, 4): Es sind mancherlei
Gaben; aber es ist ein Geist, der alles wirkt und einem jeglichen
das Seine zuteilt, wie Er will (1. Kor. 12, 11).
Den Gotteskindern aller Zeiten gilt die apostolische
Ermahnung: "Strebet nach der Liebe! Befleißiget euch der geistlichen
Gaben, am meisten aber, daß ihr weissagen möget!" (1. Kor. 14, 1).
Quelle: "Gnade und Herrlichkeit"; 4/1971; Paulus-Verlag Karl Geyer; Heilbronn