Gedanken zum Streit um wahre und falsche Kundgaben

Gisela Fräntzki


Jesus spricht: „Kommet alle her zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken.“ - „Ich bin die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch Mich.“ - „Wer Mich sieht, sieht den Vater.“ - „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ - „Ihr müsset von Gott gelehret werden.“

Dieses sind Sätze, die mir spontan zum Thema einfallen. Aus ihnen geht hervor, dass nur Gott alleine beanspruchen kann, wahr zu sein. Daher müssen wir von Gott gelehrt werden. Menschlich-Kreatürliches kann irren, kann Meinungen vertreten, ist im Finsteren. Moses erhält den Auftrag, als er sich Gott nähert: „Ziehe deine Schuhe aus!“, was bedeutet: „Lege alles ab, was du von dir selbst her mitbringst.“ Der Hohepriester, wenn er ausersehen war, das Allerheiligste zu betreten, musste fasten und beten und sich damit aböden von allem Eigenen, um frei zu sein für die Gnadengaben Gottes, die nicht verfügbar waren, und bei unwürdiger Annäherung hätte es ihn das Leben gekostet.

So halten wir nun fest, dass der Weg zu Gott kein leichter ist und auf einem Wortträger eine große Verantwortung liegt, die für ihn an sich schon eine große Belastung ist, die einer Beurteilung von unberufener Seite nicht bedarf. Die Seele, die sich Gott zuwendet, indem sie im Zentrum des eigenen Herzens vor den Altar Gottes tritt, hat nur ein einziges Vermögen - nämlich, eine große Sehnsucht nach Gott zu haben und nichts mehr zu begehren als Gott alleine. Dieses Begehren ist so keusch und rein, dass jedes Wollen in der Seele erloschen ist, das nicht auf Gott ausgerichtet ist. In diesem Zustand kann Gott sich in die Seele eingießen und ihr das schenken, was ihr - aus eigenem Bestreben zu erreichen - nicht möglich war. Diese Gnadengaben sind nicht verfügbar und nicht angestrebt, sie sind Geschenk und Gabe Gottes, durch die Hingabe der Seele an Gott ermöglicht, einmalig - ja, anders, unverfügbar, pur Gnade. Von den bedeutenden Mystikern wissen wir, dass sie sich der Gnade unwert erachten, aber eine große Sehnsucht nach Gott zugeben.

Was bedeutet das für unser Thema? - Die Gnadenvorgänge im Menschen sind Vorgänge zwischen Gott und der Seele. Nichts und niemand kann sich in diese Vorgänge einschalten oder sie gar beurteilen. Nehmen wir an, es handelt sich um Täuschung, so ist die Seele in sich selbst schon genug gerichtet und somit betrogen. Ist die Gotteserfahrung aber eine echte, wer wagt es, Gott zu richten, Ihm Vorschriften zu machen, Seine Wege zu beurteilen? Was kümmert die begnadete Seele das Urteil der Welt? Die Tiefe der Gottesbegegnung steht unerreichbar über jeder Kritik.

Wie stellt sich nun jeder einzelne Mensch zu Texten, von denen die Verfasser sagen, sie seien von Gott gegeben? Hier möchte ich Paulus zitieren, der gesagt hat: „Prüfet alles und das Gute behaltet.“ Entscheidend ist, mit welcher Haltung der einzelne Mensch an die Texte herangeht, welche Motive ihn bewegen, die Texte zu lesen. Ist er von Neugier bestimmt, verschlingt er unkritisch und ungeprüft alles. Liest er, weil er den Menschen kennt, der die Texte niederschrieb? In welcher Sekte ist der Leser von Hause aus aufgewachsen, handelt es sich um einen Kritiker, einen Besserwisser, einen Wächter über die Wahrheit, geht er erst kurz den geistigen Weg oder ist er schon erfahren? Und so gibt es viele andere Möglichkeiten geistiger Ausgangsstufen mehr. Alle diese Menschen kommen zu den unterschiedlichsten Ergebnissen in der Beurteilung. Doch die rechte Haltung, an diese Texte heranzugehen, ist bei vielen nicht vorhanden.

Der wahre Gottsucher neigt sich in aller Stille in sein Herz, und dort tritt er demütig vor den Gottesthron in dem tiefen Bewusstsein und der Überzeugung, dass Gott alleine ihm helfen kann, bei Ihm Rat und Zuflucht ist. Hier - in der stillen Zwiesprache mit dem Herrn - lässt er seine Fragen nach richtig und falsch beantworten. Hier gewinnt er den tiefen Frieden der Seele, aus dem heraus er genau weiß, was für ihn als geistige Nahrung richtig oder falsch ist. Hier wird die Speise gereicht - mag sie auch von außen zunächst kommen, dort vor dem Herrn wird alles klar, erkennt die Seele, was ihr selbst zuträglich ist oder nicht. Welche geistige Speise der Bruder, die Schwester braucht, mag der Herr dort im jeweiligen Herzen bestimmen, weiß Er doch im weiten Weltenraum genau, welch individuelle Nahrung jedes Seiner Geschöpfe braucht.

So dürfen wir in aller Ruhe Jesus diese Sorge über die richtige Speise für jede Seele in die Hand geben. Es wird uns Ruhe und Frieden erfüllen, haben wir doch keine Verantwortung für den Mitmenschen - außer, ihn zu lieben. So ist dann dem Guten alles gut und dem Heiligen alles heilig. Ja, aus einem „schlechten falschen“ Text wird der gottgeführte Mensch sich nur das herausnehmen und behalten, was ihm zum Lob und Preis Gottes nützlich ist. - So will ich diese Gedanken beschließen mit einem Wort von Jakob Böhme:

„Ich richte niemanden, denn das Verdammen ist ein Geschwätz, geboren aus der Falschheit. Der Geist Gottes richtet selber alle Dinge, sofern er in uns wohnt. Was fragen wir also lange nach jenem Geschwätz? Ich dagegen erfreue mich an den geistigen Gaben meiner Brüder! Wenn sie nun eine andere Gabe zum Ausdruck gebracht haben als ich, sollte ich sie deswegen verurteilen? Spricht denn ein Gras, eine Blume, ein Baum zum anderen: Du bist sauer und dunkel, ich mag nicht neben dir stehen!? Haben sie nicht alle eine Mutter, aus der sie hervorgehen? Also stammen auch alle Seelen aus einer, alle Menschen aus einem. Warum rühmen wir uns, Kinder Gottes zu sein, obgleich wir doch unverständiger sind als die Blumen und das Gras auf dem Felde?

Wir sollten uns vielmehr darüber freuen und uns deshalb herzlich lieben, dass Gott seine Weisheit so vielfältig in uns offenbart. Wer aber auf gottlosen Wegen läuft und aus seiner Hoffart heraus urteilt und verdammt, der ist ein Treiber Babels und ein kreisendes Rad, das nur Zank aufwirbelt. Der echte Probierstein für die Kinder Gottes ist dieser, ihm kann man verlässlich folgen: Ein demütiges Herz, das sich nicht selber sucht und ehrt, sondern allezeit in Liebe den Bruder meint, das weder Nutzen noch Ehre erlangen will, sondern Gerechtigkeit und Gottesfurcht.

Mit den Kindern Gottes habe ich wegen ihrer unterschiedlichen Gaben keinen Streit. Ich kann sie in meinem Inneren alle einigen, ich gehe mit ihnen nur in den allerinnersten Grund, so habe ich die Bewährung vor Gott. – Ein wahrer Christ hat mit niemandem Streit, denn in der Überlassung an Christum stirbt er allem Streite ab.“

„Vom dreifachen Leben“, S. 107, Otto Reichel Verlag

 

"Gott hat es noch nie an großen und kleineren Offenbarungen mangeln lassen, 
aber dennoch nie einen Menschen genötigt, dieselben zu beachten. 
Wohl aber dem, der sie beachtet und sein Leben danach einrichtet!"

J. Lorber, „Das große Evangelium Johannes“ Bd 7, Kap 12 1, I I

 

"Nicht zu denen, die viel wortdeuten, bin Ich gekommen, denn sie meinen es besser zu wissen. 
Nein, zu den Hungrigen und sich nach Liebe Sehnenden bin Ich gekommen, 
um sie zu trösten, um sie aufzubauen, um ihre Hand zu nehmen 
und sie stehen zu machen auf beiden Beinen der Kraft Meiner Liebe. 
Und sie erkennen den Geist der Worte und spüren die Liebe,
 die aus ihnen klingt und singt und eine andere Welt ertönen macht."

„Ich bin bei euch alle Tage ...", Heft 5, IS.I2,.200I


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