Kommt Gott mit allen Menschen zum Ziel des Heils?
Dr. Erich Lubahn
In diesem Zusammenhang wird im kirchlichen Raum über Allversöhnung
und Wiederbringung gesprochen. Leider wird dazu seit dem Kirchenvater Origenes
(185 - 254), der diese Lehre positiv vertrat, viel gestritten. Auf dem Konzil
553 n.Chr. ist jegliche Lehre, dass Gott mit allen Menschen das Ziel des Heils
erreicht, zur Häresie (Ketzerei) erklärt worden. Seitdem ist in der
christlichen Kirche "die Ewigkeit der Höllenstrafe" ein festes Dogma.
(Siehe dazu auch Wirkungsgeschichte.)
Auch das Augsburgische Bekenntnis (1530) hält an der "ewigen
Verdammnis" fest. [1]
Ich will erzählen, wie ich das erste Mal mit diesem Thema konfrontiert wurde.
Als ich am Anfang meines Theologiestudiums in einem Seminar über das Thema
"Apokatastasis ton panton" (das griechische Wort der Bibel für
"Wiederbringung des Alls") eine Arbeit zu schreiben hatte, war ich überrascht,
dass es zum Thema viel Streit in der Kirche (kath. u. evang.) gab. Im
protestantischen Pietismus standen viele der geistlichen Väter auf dem Boden
der Allversöhnung. Zu ihnen zählen: Ph. M. Hahn, Fr. Chr. Oetinger, J.M. Hahn.
Albrecht Bengel war von dieser Lehre überzeugt, vertrat aber entschieden, dass
man über dieses Thema öffentlich auf keinen Fall streiten sollte. In dem erwähnten
Seminar wurde in der Diskussion der Studenten energisch gestritten. Der Leiter
des Seminars, mein geschätzter Lehrer Prof. Karl Köberle, sagte überzeugend für
alle: "Die Allversöhnung ist am Kreuz auf Golgatha durch Jesus Christus
eine geschehene Tatsache, die kein überzeugter Christ in Frage stellen sollte.
Dies sei die Grundlage für jeglichen missionarischen Auftrag der Kirche. Wer
darüber streitet – auf welcher Seite auch immer – hat nicht wirklich
begriffen, worum es geht."
Als neutestamentliche Belegstellen für die Allversöhnung, bzw. Wiederbringung
seien einige Bibelstellen genannt: Röm. 11,32; 1. Kor. 15, 22-28; 2. Kor. 5,17
ff; Eph. 1,10; Kol. 1, 19-22.
Angesichts dieser klaren Zeugnisse der Bibel könnten erlöste Christen ihres
Heils nicht wirklich froh werden, solange es noch eine ewige Verdammnis gäbe,
in der die Verdammten wegen zeitlicher Vergehen und Fehlentscheidungen ohne Ende
bestraft würden. Ich persönlich könnte meines Heils, welches mir aus der
Gnade Gottes zuteil wurde, nicht glückselig sein, wenn die am Kreuz geschehene
Tat Jesus nicht für alle Menschen zur Vollendung führen würde. Dass es
Christen gibt, die die Allversöhnung verdammen, ist für mich eine traurige
Tatsache.
Gott beurteilt jeden Menschen individuell, nicht pauschal nach der Zugehörigkeit
zu einer Religion oder Konfession. Dabei geschieht alles nach dem biblischen
Grundsatz: "Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der
Mensch sät, das wird er ernten. Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem
Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem
Geist das ewige Leben ernten" (Gal. 6,7 f). Mit "Fleisch" ist
nach hebräischem Verständnis der selbstherrliche, egoistische Trieb des
Menschen gemeint; mit "Geist", die Herrschaft Gottes im Namen seines
Sohnes Jesus Christus (vgl. dazu die ersten Verse von Röm. 8).
Bei jeglichen religiösen Bekenntnissen durch Institutionen und einzelne
Menschen gilt der biblische Grundsatz: "Prüfet aber alles, und das Gute
behaltet" (1. Thess. 5,21). "Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen
Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind, denn es sind viele
falsche Propheten ausgegangen in die Welt" (1. Joh. 4,1). – Wer es mit
dieser Prüfung ernst nimmt, beginnt bei sich selbst (1. Kor. 11,28; 2. Kor.
13,5). Jeder überzeugte Christ sollte mit dem Psalmisten beten: "Prüfe
mich und erforsche, wie ich's meine" (Ps. 139,23). Wer das ernst nimmt,
lernt mit Paulus die Selbsterkenntnis: "Ich weiß, dass in mir, das ist in
meinem Fleisch, wohnt nichts Gutes..." (Röm. 7,18 ff). Diese Erkenntnis
ist die Voraussetzung, die Allversöhnung Jesu für sich persönlich in Anspruch
zu nehmen.
Alle Menschen sind "in Adam" fleischliche Egoisten und damit verlorene
Sünder. Von dieser Belastung befreit zu werden, ist das Anliegen der Erlösung,
der Allversöhnung Jesu Christi. Ein wirklicher Christ lebt Zeit seines Lebens
in der Spannung zwischen Fleisch und Geist, zwischen der Existenz "in
Adam" und dem Werden "in Christo". Wer das durch einen gelebten
Glauben begreifen lernt, versteht Luther, wenn er von sich bekennt: "Ich
bin nicht fromm, sondern ich werde fromm... Ich lebe nicht im Sein, sondern im
Werden." [2]
Gott sieht nicht auf unsere Zugehörigkeit zu einer Religion und Konfession,
sondern beurteilt jeden Menschen individuell nach der Gesinnung seines Herzens.
"Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richtstuhl Christi, auf dass ein
jeglicher empfange, nach dem er gehandelt hat bei Leibesleben, es sei gut oder böse"
(2. Kor. 5,10; vgl. Röm. 2,16; 14,10). In diesem Zusammenhang fragten die
Pharisäer Jesus: "Wann kommt das Reich Gottes?" (mit Reich Gottes ist
die Herrschaft Gottes gemeint.) Da antwortete Jesus: "Das Reich Gottes
kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier!
oder: da ist es. Denn sehet: das Reich Gottes ist inwendig in euch" (Luk.
17,20 f). Die Herrschaft Gottes beginnt durch den gelebten Glauben im Herzen
derer, in deren Leben wirklich Jesus der HERR ist!
Das in diesem Zusammenhang gebrauchte und missbrauchte Wort "Kirche"
ist aus der lateinischen Sprache entwachsen (küriake) und heißt wörtlich:
Haus des Herrn. Dieses Haus ist nicht ein Gebäude oder eine Konfession, sondern
das Herz des Menschen. Wer wirklich zur "Gemeinschaft der Heiligen"
gehört, liegt in der Entscheidung jedes Einzelnen.
Wir wollen diesbezüglich keinen Menschen beurteilen oder richten. In diesem
Zusammenhang sagt Jesus: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet
werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden;
und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehst du
aber den Splitter in deines Bruders Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem
Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinen Augen ziehen; und siehe: Ein
Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge,
danach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest!"
(Matth. 7,1-5; Joh. 8, 15 f; Röm. 2,1-3; Gal. 6, 1-5).
Der Kirchenvater John Wesley (1703 - 1791), der als anglikanischer Theologe,
beeindruckt von den reformatorischen Schriften Luthers, die "methodistische
Erweckungsbewegung" in der englischen Staatskirche auslöste, sagte einmal:
"Wenn ich am Ziel meines Glaubens bei meinem Herrn Jesus sein darf, dann rühme
ich allein die Gnade (sola gratia). Jedoch werde ich zwei Überraschungen
erfahren: Ich treffe dort viele nicht an, von denen ich meinte, sie müssten
dort sein; und ich treffe viele, von denen ich meinte, dass sie nicht dahin gehörten."
Keine religiöse Institution in unserer Welt kann für sich in Anspruch nehmen,
sie allein sei zuständig für den Himmel Gottes. Überlassen wir die
Beurteilung jedes Menschen allein unserem HERRN! Keine institutionale Kirche hat
das Recht, den Menschen zu verdammen oder selig zu sprechen. Die christlich römische
Kirche hat Martin Luther beim Reichstag zu Worms in die "ewige
Verdammnis" verurteilt. Das gibt es nach dem Zeugnis der Bibel überhaupt
nicht. "Ewig" ist ein unbiblischer Ausdruck. Leider wird dies Wort bei
Übersetzungen da gebraucht, wo in der Bibel wörtlich von "Äon" (ein
griechisches Wort) die Rede ist. Es ist auch von Äonen (Plural) die Rede.
Sollte es viele Ewigkeiten geben? Gemeint ist nach dem biblischen Verständnis
(im hebr. Jom) eine oder mehrere Heilszeiten. Am Ende der Heilszeiten (Äonen)
wird sich die durch Jesus am Kreuz geschehene Allversöhnung für alle Menschen
und alle gefallenen Geister durchsetzen. Dann existiert nicht unsere gegenwärtige
Schöpfung (die an die Gesetze von Raum, Zeit und Materie gebunden ist) sondern
der "neue Himmel und die neue Erde" (Offb. 21,1; u.a.m.). Diese Neuschöpfung,
ist total verbunden mit dem "Gott über allen Himmeln" (Eph.. 4,10
u.a.m.)
"Die Himmel" (im Urtext im Plural) gehören, wie die Erde, zur Schöpfung
Gottes (1. Mo. 1,1). "Der Himmel" ist die Allmacht Gottes, die keinen
Anfang und kein Ende hat. Dieser Himmel ist das Ziel und Ende alles
Geschaffenen. Diesem Ziel strebt der biblisch Glaubende nach in dem Vertrauen,
dass "der das Werk begonnen hat, es auch vollenden wird" (Phil. 1,6).
Paulus verstand sich als einer, der auf dem Weg des Glaubens mit dem Ziel der
Vollendung war. In diesem Sinn sagt er: "...ich bin noch nicht vollkommen
(das griech. Wort telekaiomai ist besser übersetzt mit vollendet). Ich jage ihm
aber nach, ob ich's auch ergreifen möchte... Ich vergesse, was dahinten ist,
und strecke mich zu dem, was da vorne ist, und jage – nach dem vorgesteckten
Ziel – nach dem Kleinod, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in
Christo Jesu" (Phil. 3, 12 - 14). Aus diesem Verständnis jagt jeder
Glaubende der Heiligung nach (als Folge der Rechtfertigung aus Gnaden), ohne
welche niemand den Herrn sehen wird (Hebr. 12,14; 2. Tim. 2,22). Der Glaubende
ist erlöst "zu guten Werken" (Eph. 2,10; 1. Tim. 5,10). Er steht –
im Bild gesprochen – auf zwei Füssen: der Rechtfertigung und der Heiligung.
Die am Kreuze Jesu vollbrachte Allversöhnung wird sich am
Ende der Äonen (Heilszeiten) durchsetzen, "...dass in dem Namen Jesu sich
beugen werden aller Kniee der Himmlischen und der Irdischen und der
Unterirdischen (gemeint ist das Totenreich). Und jede Zunge wird bekennen, dass
Jesus Christus der HERR ist zur Ehre Gottes, des Vaters" (Phil. 2, 10 f).
Jesus, als der auferstandene Gekreuzigte, ist der Sieger über alle finsteren Mächte.
"...als letzter Feind wird zunichte gemacht der Tod..." (1. Kor. 15,
20-28). Mit diesem Tod ist nach dem hebräischen Verständnis (hebr.: mawäth)
jegliche Trennung von Gott und unseren Mitmenschen (auch unseren Feinden)
gemeint. Am Ziel der Erlösung Jesu wird "Gott sein alles in allem"
(1. Kor. 15,28; Offb. 21 und 22).
Die Gegner der Allversöhnung wissen im Grunde genommen nicht, was sie mit
ewiger Verdammnis meinen. Sie schmähen und reduzieren das Werk der Liebe Gottes
in seinem Sohn Jesus Christus. Jeder Mensch ist versöhnt, aber muss sich als
"verlorener Sünder" erkennen und die ausgestreckte liebende Hand
Gottes ergreifen. Das versucht Jesus in der Parabel (Gleichnis) vom verlorenen
Sohn zu verdeutlichen (Luk. 15,11 ff). Jesus kam in unsere Welt, selig zu
machen, was verloren ist (Matth. 18,11; Luk. 19,10).
In einem theologischen Ferienseminar, welches ich leitete, wurde durch einige
Teilnehmer die Allversöhnung hinterfragt. Dabei sagte einer: "Wenn das
stimmt, habe ich mich umsonst bekehrt". – Bei einer Jugendfreizeit sagte
ein junger Mann: "Wenn Jesus alle Menschen versöhnt hat, dann werde ich
mich, wenn ich alt bin, zu ihm bekehren; jetzt will ich das Leben noch genießen".
Ähnliche Dummheiten habe ich vielfach gehört. In der Tat, über die Allversöhnung
wird pro und contra viel Törichtes geschwätzt. Die Allversöhnung kann als
"billige Gnade" (Dietrich Bonhoeffer) viel missbraucht und
missverstanden werden!
Jesus hat bei seiner Erlösung "die Sünde" (griech.: hamartia), wörtlich
"die Zielverfehlung" besiegt. Ein Sünder ("Zielverfehler") weiß
nicht um das Ziel seines Lebens. Wer das nicht kennt, weiß auch nicht um den
Sinn seines Lebens. Diese Frage wird oft erst angesichts von Nöten gestellt.
Dann wird gefragt: "Warum hat Gott das zugelassen?" angesichts eines
persönlichen Unglücks und erlittenen Unrechts. Hinter allem Unrecht und Elend
in unserer Welt, dem gegenwärtigen Äon, steht "der Fürst",
"der Gott dieser Welt", das ist der Teufel (Joh. 12,31; 14, und Joh.
16,11 ; 2. Kor. 4,4). Von unserer gegenwärtigen Welt (dem Äon, in dem wir
leben), berichtet in besonderer Weise das letzte Buch des Neuen Testaments, die
Offenbarung (griech. apokalypse, wörtlich: Enthüllung). In Offenbarung Kap. 13
wird der Höhepunkt der gegenwärtigen Weltzeit deutlich.
Die biblische Lehre der Allversöhnung schließt freilich in keiner Weise
das Gericht Gottes aus. Im Gegenteil. Es gibt kein Heil ohne Gericht. Aber auch
umgekehrt: es gibt kein Gericht ohne Heil. Das Wort "Gericht" versteht
sich nach biblischem Verständnis als "Zurechtbringung nach göttlicher
Rechtsnorm" [3].
Zusammenfassend und mit wenigen Worten kann das biblische Zeugnis von der Liebe
Gottes und allem Elend in unserer Welt so gesagt werden:
Alles Gute kommt von Gott
und wird vom Teufel zum Bösen missbraucht.
Alles Böse kommt vom Teufel
und wird von Gott zum Guten gebraucht.
Das biblische Zeugnis von dem Heil Gottes für alle Menschen
hat drei Kennzeichen:
Gott sucht den Verlorenen, bis er ihn findet (Luk.19,10;
5,32; 1. Tim. 1,15). Verloren ist, wer als "Zielverfehler" (Sünder)
nicht um den Sinn seines Lebens weiß und damit seinen egoistischen Trieben
("getrieben vom Fleisch") nachjagt. Gott zwingt keinen Menschen, die
von ihm geschaffene Erlösung anzunehmen. Die Möglichkeit, dem Bösen abzusagen
und das Gute anzunehmen, schenkt Gott nur einige Male (Hiob 33,29). "So ihr
seine Stimme höret, verstocket nicht euer Herz" (Ps. 96, 7 f).
Gott lässt es dem Aufrichtigen gelingen (Spr. 2,7). Da muss
sich jeder Mensch persönlich fragen: Bin ich mit mir selbst, mit meinen
Mitmenschen und vor Gott aufrichtig? Gehe ich mit dieser Frage ehrlich um? Wer
danach trachtet, fragt nach der Wahrheit (griech.: aletaia = Wirklichkeit). Nur
die Wahrheit, bzw. die Wirklichkeit kann uns von sündigen Bindungen frei machen
(Joh. 8,32; 14,6 u.a.m.).
Dem Demütigen schenkt Gott seine Gnade (1. Petr. 5,5; Jak.
4,6). Das Gegenteil von Demut ist Hochmut. Wer die Demut in seinem Leben
praktizieren will, muss gegen den eigenen Hochmut [4]
kämpfen. Aus diesem Verständnis sagt Paulus denen, die mit Jesus leben wollen:
"Kämpfe den guten Kampf des Glaubens" (1. Tim. 6,12). Es geht bei
diesem Kampf darum, dass das "Gesetz des Geistes und des Lebens" gegenüber
dem "Gesetz der Sünde und des Todes" (Röm. 8,1 f) sich durchsetzt.
Wer sich für die Demut entscheidet, darf an dem Sieg Jesu über
alles Böse teilnehmen und rühmt dabei die Gnade, die der Vater durch seinen
Sohn dem Menschen anbietet. Bei Jesus gilt der Grundsatz: "Wer sich selbst
erhöht (durch Geldgier, Karriere und Wohlgefallen bei Menschen); der wird
erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden"
(Matth. 23,12).
Ja, Gott kommt zum Ziel mit jedem Menschen! Aber er zwingt sein gnädiges Heil
niemandem auf. Der Mensch muss mitmachen, indem er sich unter die Herrschaft
Jesu stellt. Es ist eine leidige Tatsache, dass da, wo nicht Jesus der HERR ist,
der Teufel und mit ihm das Böse den Menschen beherrscht. In diesem Zusammenhang
sagte Martin Luther: "Der Mensch wird immer geritten, entweder von Gott
oder vom Teufel". Glauben heißt: Ich sage mich vom Teufel und allem Bösen
los und übergebe die Herrschaft meines Lebens Jesus. Darum ging es in dem
altapostolischen Taufbekenntnis. Es lautet: "Ich sage ab dem Teufel und
allen seinen Werken und übergebe mein Leben ganz Jesus als meinem Herrn". [5]
Jeder Mensch befindet sich zwischen Wiege und Grab auf der Reise; dabei sollte
er, sobald er denkfähig wird, wissen, wohin die Reise führt, worin das Ziel
der irdischen Wanderschaft besteht. Es ist eine traurige Tatsache, dass viele
Menschen erst am Ende ihres irdischen Lebens verzweifelt nach dem Sinn ihres
Lebens fragen. Dazu nur einige Beispiele von bekannten Persönlichkeiten: [6]
Voltaire, der berühmte Spötter, hatte ein schreckliches Ende. Seine
Krankenschwester sagte: "Für alles Geld Europas möchte ich keinen Ungläubigen
mehr sterben sehen. Er schrie die ganze Nacht um Vergebung. – Von Napoleon
schrieb Graf Montholon: "Der Kaiser stirbt, von allen verlassen... sein
Todeskampf ist furchtbar." – Nietzsche starb in geistiger Umnachtung. So
auch Lenin; er betete seine Möbel an. Über das Ende von Stalin sagte seine
Tochter Swetlana Allilujewa, die im März 1953 zu dem sterbenden Diktator auf
seine Datscha in Kunzewo gerufen wurde: "Vater starb schrecklich und
schwer. Gott gibt den Gerechten einen leichten Tod." – Churchill:
"Welch ein Narr bin ich gewesen!"
Aldous Huxley schreibt im Vorwort zu seinem Buch "Schöne Neue Welt",
dass man alle Dinge so beurteilen sollte, als sähe man sie vom Sterbelager aus.
Ich selbst habe als Seelsorger viele Sterbende begleitet. Dazu nur zwei kleine
Beispiele: Eine gläubige Frau sagte: "Es ist herrlich, ich gehe
heim." Ein ungläubiger Mann schrie am Ende seines Lebens: "Der Teufel
kommt und holt mich ab, helfen Sie mir."
Jesus hat dem Tod die Macht genommen (2. Tim. 1,10). Wer den biblischen Glauben
lebt, darf das erfahren, auch in seiner Sterbestunde. Es ist eine Tatsache, dass
viele Menschen erst auf vielen Umwegen nach Äonen ihr Unheil ohne Jesus und ihr
Heil mit ihm erkennen. Aber Jesus sucht das Verlorene, bis dass er es findet
(Luk. 19,10). Wer auf dem Weg des Glaubens ist, darf mit Paulus bekennen:
"Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn" (Röm. 14, 7-9).
Beim Glauben geht es nicht um ein Fürwahrhalten von kirchlicher Dogmatik,
sondern um ein gelebtes Verhältnis zu Jesus, unserem Herrn. Nach hebräischem
Verständnis (ämuna) heißt Glauben: "Wurzeln" im Wort Gottes,
Gehorsam dem Wort Gottes und Treue auf allen Wegen des Lebens mit der
Grundeinstellung: "Nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille."
Diesen Weg ist Jesus im Garten Gethsemane gegangen (Luk. 22,42).
Wer diesen biblischen Glauben zu begreifen beginnt, hat eine gewisse Hoffnung
(griech.: elpis – wörtlich= gewisse Erwartung), nicht allein für sich,
sondern für alle Menschen. Ohne diese Zuversicht könnte ich mit meinem Glauben
nicht fröhlich sein.
Gott hat seinen Sohn aus Liebe in unsere Welt gesandt, damit alle, die sich ihm
im Glauben unterordnen, nicht verloren werden, sondern das Leben mit Gott haben
(Joh. 3,16). Dies zentrale Zeugnis des Evangeliums ist unumstösslich. Mit der
Liebe Gottes zur Welt (griech.: kosmos) ist alles eingeschlossen, was Gott
geschaffen hat. Der Höhepunkt seiner Schöpfung ist der Mensch (1. Mo. 1,26 f).
Es ist für mich geradezu gotteslästerlich, auch nur einen Menschen von der
Liebe auszuschliessen.
Gott hat durch seinen Sohn Jesus Christus, den auferstandenen Gekreuzigten, alle
Menschen versöhnt. Wer nimmt wann an dieser Versöhnung, bzw. Erlösung teil?
Der Glaubende. Wer ist gläubig? Der, der die Gesinnung Jesu durch seinen Geist
annimmt. Darum beginnt die zentrale Aussage des Neuen Testaments im
Philipperbrief, 2,5-11 mit den Worten: "Ein jeglicher sei gesinnt, wie
Jesus Christus auch war." In der griechischen Sprache beginnt dieser Satz
(tauto phroneite) wörtlich mit den Worten: dies denkt. Das Denkvermögen ist
die zentrale Gabe Gottes für den Menschen. Wir sollen denken, wie Jesus gedacht
hat (Röm. 15,5). Jeder Mensch denkt. Dabei ist die Frage: Wer bestimmt unser
Denken? Dazu sagte Martin Luther: "Unser Denken wird bestimmt entweder
durch den heiligen Geist von Gott, oder vom bösen Geist Satans."
Der Geist Gottes ist ein Geist der Liebe. Diesen dürfen wir durch den Glauben
empfangen. "Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der ist von
Gott!" (1. Joh. 4,7-16). Wer im Glauben lebt, weiß um die Wahrheit:
"Die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den heiligen
Geist". (Röm. 5,5). John Wesley sagte einmal: "Die Liebe ist das
Kennzeichen des gelebten Glaubens". Der begnadete Evangelist Wilhelm Busch
(1897–1966) sagte es ähnlich: "Die Liebe ist das Markenzeichen
christlichen Glaubens."
Gott kommt aus seiner Liebe mit allen Menschen zum Ziel! Wer in dieser Liebe
lebt, sollte die Allversöhnung, bzw. Wiederbringung von Herzen bejahen und
durch seinen Umgang mit Glaubensgeschwistern und allen Menschen praktizieren.
Meine persönliche Heilsgewissheit ist unauflöslich verbunden mit dem Heil
Gottes für alle Menschen. Darum vermag ich mit J. H. Blumhardt zu bekennen:
"Dass Jesus siegt, bleibt ewig ausgemacht;
sein wird die ganze Welt:
Denn alles, ist nach seines Todes Nacht
in seine Hand gestellt.
Nachdem am Kreuz er ausgerungen,
hat er zum Thron sich aufgeschwungen.
Ja, Jesus siegt!" (EKG Nr. 376)
Der Liederdichter P.F. Hiller sagt dasselbe mit seinen Worten:
"Jesus Christus herrscht als König,
alles wird ihm untertänig;
alles legt ihm Gott zu Fuss.
Aller Zunge soll bekennen,
Jesus sei der Herr zu nennen,
dem man Ehre geben muss!" (EKL 123)
Dass Gott mit allen Menschen zu seinem Ziel kommt, sollte kein Streitthema sein,
sondern ein gelebtes Zeugnis der Liebe Gottes durch den Glauben. [7]
Die traditionelle Lehre der christlichen Kirche ist eine ewige Hölle, wie das bereits Kirchenväter des ersten bis dritten Jahrhunderts (zum Beispiel Klemens von Rom, Ignatius, Justin der Märtyrer, Irenäus von Lyon, Augustinus von Hippo und später Tertullian) explizit beschreiben. Auch in den nachbiblischen Apophthegmata Patrum, den volkstümlichen Aussprüchen der Wüstenväter, die großenteils aus dem christlichen Ägypten des 4. Jahrhunderts stammen, finden sich bereits sehr drastisch-bildliche Schilderungen der Hölle.
Im dritten Jahrhundert kam durch Origenes die Lehre von der Allversöhnung auf, die von einigen Kirchenvätern des vierten und fünften Jahrhunderts aufgenommen wurde, beispielsweise von Gregor von Nyssa, Didymus der Blinde, Diodor von Tarsus und Theodor von Mopsuestia. Durch Theodor von Mopsuestias Liturgie wurde die Sicht der Allaussöhnung in der Assyrischen Kirche übernommen.
Von der katholisch-orthodoxen Reichskirche wurde diese Sichtweise jedoch nicht übernommen. In einem lokalen Konzil vom 543 wurde die Allversöhnungslehre verurteilt, beeinflusst durch das von Kaiser Justinian I. verfasste Liber adversus Origenem das im Edikt contra Origenem endet. Das ökumenische zweite Konzil von Konstantinopel im Jahre 553 verabschiedete den Kanon: Wenn einer sagt oder meint, die Bestrafung der Dämonen und der gottlosen Menschen sei zeitlich und werde zu irgendeiner Zeit ein Ende haben oder es werde eine Wiederbringung von Dämonen oder gottlosen Menschen geben, der sei ausgeschlossen.
Im XVII. Artikel des Augsburgischen Bekenntnisses bekennt auch die Evangelisch-Lutherische Kirche: Auch wird gelehrt, dass unser Herr Jesus Christus am jüngsten Tage kommen wird, zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe verdammen. Derhalben werden die Wiedertäufer verworfen, so lehren, dass die Teufel und verdammten Menschen nicht ewige Pein und Qual haben werden.
Quelle: Wikipedia
Fußnoten
(1) Siehe dazu ausführlich: "Die Religion in Geschichte und
Gegenwart" RGG, Bd. VI, S. 1693 ff.; Phil. 2,10 f; 1.Tim. 2,4-6; 1. Joh.
2,2.
(2) Über den verderblichen Egoismus und der Erlösung davon, schreibe ich in
dem Taschenbuch: "Wer seine Seele finden will... Der biblische Weg zur
Selbstfindung", Ernst Franz Verl. Metzingen.
(3) Ausführlich dazu: H. Langenberg: "Die biblische
Begriffskonkordanz", Ernst Franz Verl. Metzingen, S. 205. Ich empfehle dies
Buch sehr für das Verständnis aller wichtigen biblischen Begriffe.
(4) Siehe dazu: Langenberg a.a.O., S. 65 ff und 257 ff.
(5) In der Formulierung gibt es kleine Varianten. Siehe dazu in vielen theol.
Lexika. Ich schreibe dazu in meinem Taschenbuch: "Wer seine Seele finden
will...", a.a.O., S. 82 ff.
(6) Die Beispiele habe ich entnommen: "Letzte Worte großer Männer",
West Europa Mission, 6330 Wetzlar, Postf. 2907. In diesem kl. Traktat werden
auch genaue Quellenangaben gemacht.
(7) Wer dazu eine ausführlichere Begründung haben will, der lese in der Reihe
"Theologische Studienbeiträge", das Buch von mir:
"Heilsgeschichtliche Theologie und Verkündigung", 6. Aufl. 1993,
Christliches Verlagshaus Stuttgart. Dies Buch enthält Beiträge von meinem
geschätzten Lehrer Prof. Otto Michel.