Wie wissenschaftlich ist die historisch-kritische Theologie?

Eta Linnemann


 

Eta Linnemann gehörte der historisch-kritischen Theologie an, also einer Theologie, die der Bibel äußerst kritisch gegenüber steht. Ihr erstes Buch wurde ein Bestseller. Nun machte sie aber Erfahrungen mit Jesus und dadurch erkannte sie, dass das Fundament der historisch-kritischen Theologie nicht auf Wahrheit gründet und keine "Wissenschaft" ist. Nach ihrer Erfahrung mit Jesus, hat sie alle ihre bibelkritischen Veröffentlichungen verworfen. 

»Warum sagen Sie NEIN zur historisch-kritischen Theologie?« Diese Frage wurde mir gestellt und ich möchte vorab auf sie antworten: Mein NEIN zur historisch-kritischen Theologie entspringt dem JA zu meinem wunderbaren Herrn und Heiland Jesus Christus und zu der herrlichen Erlösung, die Er auf Golgatha auch für mich vollbracht hat.

Als Schülerin von Rudolf Bultmann und von Ernst Fuchs, von Friedrich Gogarten und Gerhard Ebeling habe ich die besten Lehrer gehabt, welche die historisch-kritische Theologie mir bieten konnte. Auch sonst war ich keineswegs zu kurz gekommen: Mein erstes Buch erwies sich als ein Bestseller. Ich wurde ordentliche Professorin für Theologie und Methodik des Religionsunterrichtes an der Technischen Universität in Braunschweig. Aufgrund meiner Habilitation ernannte man mich zur Honorarprofessorin für Neues Testament an der theologischen Fakultät der Philipps-Universität in Marburg und nahm mich als Mitglied in die Society for New Testament Studies auf. Ich durfte mich der zunehmenden Anerkennung durch meine Kollegen erfreuen.

Geistig beheimatet in der historisch-kritischen Theologie, war ich fest davon überzeugt, mit meiner theologischen Arbeit Gott einen Dienst zu tun und einen Beitrag zu leisten zur Verkündigung des Evangeliums. Dann aber musste ich - aufgrund von Einzelbeobachtungen und -informationen ebenso wie aus Selbsterkenntnis - einsehen, dass bei dieser »wissenschaftlichen Arbeit am Bibeltext« unter dem Strich keine Wahrheit herauskommen kann und dass diese Arbeit der Verkündigung des Evangeliums nicht dient.

Damals war das nur eine praktische Erkenntnis, aus Erfahrungen gewachsen, die ich nicht länger wegzuleugnen vermochte. Inzwischen hat mir Gott durch Seine Gnade und Sein Wort auch theoretische Einsicht gegeben in den Charakter dieser Theologie: Anstatt im Worte Gottes gegründet zu sein, hat sie Philosophien zu ihrem Fundament gemacht, welche sich entschieden haben, Wahrheit so zu definieren, dass Gottes Wort als Quelle der Wahrheit ausgeschlossen und der Gott der Bibel, der Schöpfer Himmels und der Erde und Vater unseres Heilandes und Herrn Jesus Christus auf der Grundlage dieser Voraussetzung nicht denkbar ist.

Heute darf ich erkennen, dass sich in dem Monopolcharakter und der weltweiten Verbreitung der historisch-kritischen Theologie Gottes Gericht vollzieht (Röm 1,18ff.). Gott hat es in Seinem Wort vorhergesagt: »...es wird eine Zeit sein, da sie gesunde Lehre nicht ertragen können, sondern nach ihren eigenen Lüsten selbst Lehrer aufhäufen, weil es ihnen in den Ohren kitzelt« (2Tim 4.3). Er hat auch verheißen, dass er »eine wirksame Kraft des Irrwahns« sendet, »dass sie der Lüge glauben« (2Thes2,11).

Gott ist nicht tot; Er hat auch nicht abgedankt, sondern Er regiert und Er vollzieht bereits das Gericht an denen, die Ihn für tot erklären oder als einen Götzen deklarieren, der weder Gutes noch Böses tut.

Heute weiß ich, dass ich jene anfänglichen Einsichten der vorlaufenden Gnade Gottes verdanke. Zunächst aber führten sie mich in eine tiefe Frustration, auf die ich mit Abgleiten in Süchte reagiert habe. Ich versuchte, mich zu betäuben; ich wurde ein Sklave des Fernsehens und geriet in zunehmende Abhängigkeit vom Alkohol.

Als ich vor dem Hintergrund eigener bitterer Erfahrung die Wahrheit des Bibelwortes erkennen konnte: »Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren« (Mt 10,39), führte Gott mich zu lebendigen Christen, die Jesus persönlich als ihren Herrn und Heiland kennen. Ich durfte ihre Zeugnisse hören, in denen sie berichteten, was Gott in ihrem Leben getan hat. Schließlich sprach Gott selber durch das Wort eines Bruders zu meinem Herzen und durch Seine große Gnade und Liebe habe ich mein Leben Jesus übergeben.

Er hat es sogleich in Seine Heilandshände genommen und damit angefangen, es radikal zu verändern. Ich wurde frei von der Sucht, war hungrig und durstig nach Seinem Wort und nach Gemeinschaft mit Christen und ich durfte Sünde klar als Sünde erkennen, für die ich bisher nur Entschuldigungen gehabt hatte. Ich kann mich noch an die herrliche Freude erinnern, als zum ersten Mal Schwarz wieder Schwarz und Weiß wieder Weiß für mich wurde und aufhörte, zu einem unterschiedslosen Grau ineinanderzufließen.

Etwa einen Monat nachdem ich mein Leben Jesus übergeben hatte, wurde ich von Gott überführt, dass Seine Verheißungen Realität sind. Ich hörte den Bericht eines Wycliff-Missionars, der in Nepal diente. Er teilte mit, dass sein Sprachhelfer während seiner Abwesenheit ins Gefängnis gekommen war, weil es in Nepal verboten ist, Christ zu werden und was dieser junge Christ bei der Gerichtsverhandlung gesagt hatte. Aufgrund von früheren Berichten, in denen ich von diesem Sprachhelfer gehört hatte, war mir augenblicklich klar, dass er diese Antwort niemals aus seinem eigenen Vermögen hätte geben können. Markus 13,9-11 drängte sich in mein Bewusstsein - ein Wort, das ich bisher nur mit akademischem Interesse zur Kenntnis genommen hatte - und ich konnte nicht umhin, zuzugeben, dass diese Verheißung hier erfüllt war.

Schlagartig wurde ich davon überführt, dass Gottes Verheißungen Realität sind, dass Gott ein lebendiger Gott ist und dass Er regiert. »Denn so er spricht, so geschieht's; so er gebeut, so steht's da« (Ps 33,9). Alles, was ich in den Monaten vorher an Zeugnissen gehört hatte, fügte sich in diesem Augenblick wie Puzzle-Stücke ineinander und mir wurde meine Torheit bewusst, angesichts dessen, was Gott heute tut, zu behaupten, die Wunder, welche im Neuen Testament berichtet werden, seien »nicht passiert«. Schlagartig wurde mir klar, dass ich für meine Studenten ein blinder Blindenleitergewesen war und ich tat Buße darüber.

Etwa einen Monat danach stand ich - ohne Zutun von Menschen, allein in meinem Kämmerlein - vor der Entscheidung, entweder die Bibel weiter durch meinen Verstand zu kontrollieren oder mein Denken durch den Heiligen Geist verwandeln zu lassen.

An Johannes 3,16 wurde mir diese Entscheidung klar, denn ich hatte inzwischen die Wahrheit dieses Wortes erfahren. Es machte jetzt mein Leben aus, was Gott für mich und für die ganze Welt getan hat - seinen lieben Sohn dahinzugeben. Das konnte ich nicht mehr als ein unverbindliches Theologumenon eines - mehr oder weniger - von der Gnosis beeinflussten theologischen Schriftstellers beiseite schieben. Auf Gottes verbindlicher Zusage kann der Glaube ruhen: Theologische Sätze sind nur von akademischem Interesse.

Durch Gottes Gnade durfte ich dann Jesus als den erfahren, dessen Name über alle Namen ist. Ich durfte erkennen, dass Jesus Gottes Sohn ist, von der Jungfrau geboren, dass Er der Messias und Menschensohn ist und ihm solche Titel nicht durch menschliche Überlegungen beigelegt wurden. Ich durfte die Inspiration der Heiligen Schrift zunächst erkennen und dann auch lebendig erfahren.

Ich habe - nicht durch Reden von Menschen, sondern durch Zeugnis des Heiligen Geistes im Herzen - klare Erkenntnis, dass mein verkehrtes Lehren Sünde war und bin froh und dankbar, dass mir diese Sünde vergeben wurde, weil JESUS sie ans Kreuz getragen hat. Deshalb sage ich NEIN zur historisch-kritischen Theologie.

Nach wie vor erachte ich alles, was ich gelehrt und geschrieben habe, bevor ich Jesus mein Leben übergab, für einen Dreck. Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um darauf hinzuweisen, dass ich meine beiden Bücher »Gleichnisse Jesu ... « und »Studien zur Passionsgeschichte« samt meinen Beiträgen in Zeitschriften, Sammelbänden und Festschriften verworfen habe. Was sich davon in meiner Wohnung befand, habe ich 1978 eigenhändig in den Müll getan und bitte Sie herzlich, mit dem, was sich davon etwa noch auf Ihrem Bücherbord findet, das Gleiche zu tun.

Dr. Eta Linnemann
Prof. i. R.
5. Juli 1985

 

Die Denkweise der historisch-kritischen Theologie

Das Charakteristische der Denk- und Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie soll an einem Beispiel verdeutlicht werden. Wir wollen daran das allgemein Übliche zeigen. Deshalb wählen wir einen Abschnitt aus einem Buch, das für einen breiteren Leserkreis geschrieben ist, der Nichttheologen einschließt. Der Verfasser dieses Buches ist ein namhafter Theologe und fleißiger Gelehrter, der eher konservativ als kritisch ist. Diese behutsame Wahl der Vorlage gibt uns umso eher das Recht, unsere Beobachtungen zu verallgemeinern.

In seiner Theologie des Neuen Testaments stellt Werner Georg Kümmel fest, dass sich »in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der geistigen Bewegung der Aufklärung innerhalb der protestantischen Theologie die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass die Bibel ein von Menschen geschriebenes Buch sei, das wie jedes Werk menschlichen Geistes nur aus der Zeit seiner Entstehung und darum nur mit den Methoden der Geschichtswissenschaft sachgemäß verständlich gemacht werden könne«.

Der unbefangene Leser wird durch die Formulierung zu der Annahme verführt, er habe als Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass die Bibel nur ein Werk menschlichen Geistes sei. Denn der Grundsatz der historisch-kritischen Theologie, die Bibel als ein Werk menschlichen Geistes anzusehen, mit dem nicht anders umgegangen werden darf, als mit anderen menschlichen Geisteswerken, wird ihm als Erkenntnis präsentiert, d.h. als Einsicht aufgrund der Kenntnis gegebener Tatsachen. Zwangsläufig wird der Leser diese sogenannte »Erkenntnis« als ein Forschungsergebnis ansehen, das sich durchgesetzt und allgemeine Anerkennung gefunden hat. Als Laie, der die Zusammenhänge nicht kennt, wird er das Gelesene akzeptieren, weil dahinter ja die ganze Autorität der Wissenschaft steht, in der sich die »Erkenntnis« bereits vor Jahrhunderten durchgesetzt hat.

Auf diese Weise wird ein Mensch im Netz der Lüge gefangen. Die sogenannte Erkenntnis war in Wahrheit nur eine Entscheidung. Eine Minderheit, klein an Zahl, wenngleich zur Elite des abendländischen Geistes gehörig, hat sich dafür entschieden, den Menschen als Maß aller Dinge anzusehen (Humanismus) und folgerichtig erkannte man nur noch das als Wahrheit an, was induktiv gewonnen wurde (Aufklärung, Francis Bacon).

 

Der Grundansatz der Theologie als Wissenschaft

1. Es wird geforscht, ut si Deus non daretur, d.h. die Realität Gottes wird von vornherein theoretisch ausgeklammert, auch wenn die Forscher einräumen, dass er sich in seinem Wort bezeugen könne.

2. Der Maßstab, an dem alles gemessen wird, ist nicht Gottes Wort, sondern das Prinzip der Wissenschaftlichkeit. Aus der Schrift entnommene Angaben über Ort und Zeit, Handlungsabläufe und Personen werden nur soweit akzeptiert, wie sie sich mit den anerkannten Unterstellungen und Theorien in Einklang bringen lassen. Alles übrige wird als »unwissenschaftlich« abgewiesen. Die Wissenschaftlichkeit ist zum Götzen geworden.

3. Voraussetzung der wissenschaftlichen Theologie ist die Einordnung der Bibel und des christlichen Glaubens in die Vergleichsebene mit anderen Religionen und ihren heiligen Schriften. Auch da, wo man das Besondere des Christentums betont, ist die allgemeine religionswissenschaftliche Einordnung die Grundvoraussetzung. Diese Vergleichsebene ist aber keine Tatsache, keine Gegebenheit, sondern sie ist eine Abstraktion, ein Kunstgebilde, das man gewonnen hat aufgrund der Abwendung vom lebendigen Gott. (Wer Theologie studiert, wird zwangsläufig mit seinem Denken auf den Boden dieser lügenhaften Unterstellung versetzt.)

4. Der Begriff »Heilige Schrift« wird religionsgeschichtlich relativiert: Da auch andere Religionen ihre heiligen Schriften hätten, könne man nicht von vornherein davon ausgehen, dass die Bibel die Heilige Schrift sei. Deshalb wird mit ihr umgegangen wie mit jedem anderen Buch. Man macht keinen Unterschied in der Untersuchung der Bibel und der Untersuchung der Odyssee, wenngleich man in solcher Untersuchung Unterschiede zwischen beiden feststellt.

Gerade im Feststellen solcher Unterschiede meint man der Verkündigung des Evangeliums einen Dienst zu tun. Man übersieht dabei, dass man in solchem Vergleichen das Wort Gottes zu religiösen Vorstellungen und theologischen Begriffen reduziert und dadurch aus dem lebendigen Wort einen toten Buchstaben macht. Erst auf der Kanzel wird das offenbar, wenn der Prediger sich vergeblich darum bemüht, diesen toten Buchstaben zum Reden zu bringen und schließlich versucht, ihm mit Hilfe von Psychologie, Soziologie, Sozialismus und anderen -ismen Leben einzuhauchen.

5. Man geht mit der Bibel nicht so um, dass man sie als Gottes Wort respektiert.

a) Es wird unterstellt, dass Bibelwort und Gotteswort nicht identisch sind. Das, was zwischen den beiden Buchdeckeln des Bibelbuches an Gedrucktem stehe, sei an und für sich noch nicht Gottes Wort. Gottes Wort sei es lediglich dann, wenn es sich je und dann beim Lesen oder im Hören der Predigt als solches erweise.

b) Man spielt das Neue Testament gegen das Alte aus, bis hin zu der Unterstellung, dass der Gott des Neuen Testaments nicht derselbe sei, denn Jesus habe einen neuen Gottesbegriff gebracht. Paulus wird gegen Jakobus ausgespielt. Es wird auch behauptet, der Paulus der Apostelgeschichte sei nicht vereinbar mit dem Paulus, der die Briefe an die Römer, Korinther, Galater usw. geschrieben habe. Der Apostelgeschichte wird vielfach nur literarischer Wert zuerkannt. Als Berichterstatter wird Lukas ebensowenig ernst genommen wie als Theologe; ja, seine »Theologie«, die man anstelle einer treuen Wiedergabe des Geschehenen in jedem Satz vermutet, wird geradezu als negatives Paradebeispiel herausgestellt. Mit grotesken literarkritischen Methoden, die sich sofort ad absurdum führen ließen, wenn man sich nur einmal daran machte, sie auf das biografisch überschaubare Werk eines Dichters oder eines Theologen - sagen wir Johann Wolfgang von Goethe oder Karl Barth - anzuwenden, wurden für die Pastoralbriefe und für den Epheser- und Kolosserbrief Behauptungen der Unechtheit aufgestellt und werden unbesehen von einer Theologengeneration an die nächste überliefert. Unterschiede zwischen einzelnen Büchern der Heiligen Schrift werden aufgebauscht und als Unvereinbarkeiten hochgespielt.

c) Da man nicht an die Inspiration der Schrift glaubt, kann man nicht annehmen, dass die einzelnen Bücher der Schrift sich ergänzen. Man findet durch dieses Vorgehen in der Bibel nur noch ein paar Hände voll unverbundener schriftstellerischer Erzeugnisse. Man räumt zwar ein, dass sich in ihnen der Glaube ihrer Verfasser bezeugt, aber man will nicht sehen, dass sich in ihnen der bezeugt, an den diese Verfasser glauben. Anders gesagt, man lässt sie nicht als Offenbarung gelten. Sie werden nur als schriftstellerische und theologische Erzeugnisse betrachtet. Als solche - zwei- bis dreitausend Jahre alt, von antiken Verfassern für antike Leser geschrieben, in Verhältnissen, die nach historisch-kritischer Untersuchung angeblich völlig anders als die unsern sind, bescheinigt man ihnen, alles andere als aktuell zu sein.

d) Um dem Anspruch der Verbindlichkeit gerecht zu werden, den der Kanon für die Kirche hat und natürlich auch zur eigenen Orientierung, sucht man nach dem »Kanon im Kanon«. Für einige bleibt nicht viel mehr übrig als Römer 7, der barmherzige Samariter, Lukas 10 und das »Gleichnis vom Weltgericht«, Matthäus 25. Bei anderen fällt dieser »Kanon im Kanon« breiter aus. An diesem Maßstab wird dann die ganze Bibel gemessen und es wird - ausgesprochen oder unausgesprochen - Sachkritik getrieben. Mit dem Römerbrief wird der Jakobusbrief abgewertet; vom paulinischen Glaubensverständnis wird 1. Korinther 15, 5-8 kritisiert: Paulus sei hier nicht auf der Höhe seiner Theologie, da er von der Auferstehung Jesu wie von einer historischen Tatsache rede.

e) Da man in den biblischen Büchern nur Erzeugnisse theologischer Schriftsteller sieht, wird das einzelne Bibelwort zu einem unverbindlichen »Theologomenon«. Johannes 3,16 zum Beispiel ist demnach nur eine theologische Aussage eines urchristlichen Theologen, der gegen Ende des 1. Jahrhunderts sein Evangelium geschrieben hat und der entweder Gnostiker (d.h. ein Häretiker) war oder die Gnosis mit Hilfe ihres Vokabulars bekämpfte oder nur mehr oder weniger von der Gnosis - einer antichristlichen, teilweise auch pseudochristlichen Heilslehre - beeinflusst wurde. Anders gesagt: Für die historisch-kritische Theologie ist Johannes 3,16 keine verbindliche Heilszusage Gottes, sondern nur eine unverbindliche Menschenmeinung.

In gleicher Weise verfährt man mit sämtlichen Gottesverheißungen in der Bibel, obwohl sie doch nach Gottes Wort »Ja« und »Amen« in Jesus Christus sind (2Kor 1,20).

6. Die Heilige Schrift wird als »Text« verstanden, welcher der Auslegung bedarf.

Der unmittelbare Zugang zur Schrift wird zwar nicht bestritten, aber er wird in Frage gestellt als subjektive, nur für den Auslegenden selbst verbindliche »existentielle Interpretation« und ohne einen vorherigen Durchgang durch die historisch-kritische Interpretation allein im Privatgebrauch für zulässig erklärt.

Verantwortliche Auslegung für andere, z.B. in Predigt und Unterricht habe »methodisch«, nach Regeln, zu erfolgen, damit sie kontrollierbar sei. Der Heilige Geist, der weht, wo er will, wird beiseitegestellt, »weil kein Mensch jederzeit garantieren könne, dass er ihn hat« (so Rudolf Buhmann). An seine Stelle wird die Auslegungsmethode gesetzt, welche die Objektivität der Auslegung und ihre Angemessenheit an den Bibeltext garantieren soll.

Doch, der im Himmel sitzt, spottet ihrer. Abgesehen von einigen Grundannahmen und der Übereinstimmung in den Methoden kann man sicher sein, dass da, wo sich zwei Theologen über Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen, in der Regel zwei verschiedene Meinungen zutage treten. Wo dagegen Bibellehrer, die Gottes Wort wörtlich nehmen, im Vertrauen auf den Heiligen Geist mitteilen, was sie empfangen haben, wird man immer wieder die Einheit im Geist und die Übereinstimmung in der Lehre feststellen können - quer durch Konfessionen, Kontinente und Zeitalter.

7. Der nicht erklärte, aber praktizierte Grundsatz alttestamentlicher und neutestamentlicher Wissenschaft ist: So, wie es dasteht, kann es auf keinen Fall gewesen sein. Der Exeget ist darauf eingestellt, »Schwierigkeiten« im »Bibeltext« zu entdecken und zu lösen. Je besser der Ausleger ist, umso größer wird seine Findigkeit darin sein. Denn wenn er als Professor etwas taugen will, muss er sich »einen Namen machen«. Dazu ist er verpflichtet, wenn er nicht ein Dieb sein will, der sein Professorengehalt umsonst bezieht. Er ist in der Zwangslage: Er muss nach Menschenehre trachten, auch wenn er charakterlich alles andere als ehrsüchtig ist. Dem Charakter nach sind die meisten meiner früheren Kollegen weithin eher demütig und bescheiden, wie ich ihnen gerne bescheinige. Aber durch das System der Universitätstheologie stehen sie unter dem Zwang, sich einen Namen zu machen und nach Menschenehre trachten zu müssen.

Unser Herr Jesus aber sagt: »Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht sucht?« (Joh 5,44).

Ein Theologiestudent, der dem Bedürfnis nach Anerkennung durch Menschen nach nicht gestorben ist, steht unter dem gleichen Druck. Kein Wunder, dass viele gläubige Theologiestudenten bald ernsthafte Glaubensschwierigkeiten haben. Oft ist es auch so, dass sie vom Glauben abdriften, ohne es selber wahrzunehmen. Es bleibt so einiges hängen von dem, was sie gelernt haben - wie sollte es anders sein? Dazu studieren sie ja doch. Es werden Abstriche gemacht an Gottes Wort. Es wird ihm nicht mehr alles abgenommen, was er sagt und deshalb wird auch seine Kraft nicht mehr so erfahren. »Die Pastoralbriefe sind nicht von Paulus«, hat man gelernt; »der Verfasser des Johannesevangeliums ist natürlich nicht der Zebedaide Johannes«, »die 5 Bücher Mose sind nicht von ihm, sondern aus verschiedenen Quellen zusammengeschrieben«. Wer das im 6. Semester noch nicht gelernt hat, gilt als »bescheuert« und so wird der Weinberg von den kleinen Füchsen verwüstet. Das sieht alles so harmlos aus: Das sind doch alles nur Kleinigkeiten, nicht entscheidend für den Glauben, was hängt schon daran. Aber die Autorität des Wortes Gottes wird dadurch in Frage gestellt. Es verliert an Verbindlichkeit und das macht sich bald dort bemerkbar, wo es uns unbequem wird. Lassen wir uns nicht beirren. Selbst ein Mauseloch kann einen Deich gefährden. Wenn eine Sturmflut kommt, wird das offenbar.

8. Der kritische Verstand entscheidet in der historisch-kritischen Theologie darüber, was in der Bibel Realität ist und was es nicht sein kann und zwar aufgrund der alltäglichen, jedermann zugänglichen Erfahrung. Nur das wird als Tatsache genommen, was allgemein für möglich gehalten wird. Geistliches wird fleischlich beurteilt. Erfahrungen von Gotteskindern werden völlig ignoriert.

Es kommt aufgrund der Voraussetzungen, von denen man ausgeht, gar nicht in den Blick, dass der Herr, unser Gott, der Allmächtige, regiert. Man ist offensichtlich nicht einmal in der Lage, Wunder, die heute geschehen, zur Kenntnis zu nehmen, selbst wenn sie glaubhaft bezeugt und medizinisch nachgewiesen sind. Zumeist bekommt man sie gar nicht erst in den Blick, weil die Bücher, die solches zur Ehre des Herrn berichten, nur in Verlagen erscheinen können, deren Veröffentlichungen für den historisch-kritischen Theologen von vornherein und unbesehen »unter dem Strich« sind und als »Erbauungsliteratur« abgewertet werden.

9. Nach ihrem eigenen Selbstverständnis will die historisch-kritische Theologie Hilfe zur Verkündigung des Evangeliums leisten durch eine Bibelauslegung, die wissenschaftlich zuverlässig und objektiv ist. Es besteht jedoch ein ungeheuerlicher Widerspruch zwischen diesem Selbstverständnis und der Realität.

Dass die Verkündigung des Evangeliums durch einen solchen Umgang mit Gottes Wort nicht gefördert, sondern behindert - wenn nicht gar verhindert - wird, das sollte nach dem Vorangegangenen offenbar sein. Aber auch die Objektivität und wissenschaftliche Zuverlässigkeit der Schriftauslegung, die man unterstellt, ist keineswegs gegeben. Es stimmt nicht, dass anstelle subjektiver Eindrücke eine gegründete Wahrheitsfindung durch Abwägen von Argumenten getreten sei.

a) Der Widerspruch von Theorie und Praxis, von Ideal und Wirklichkeit zeigt sich bereits im Umgang mit der einschlägigen Literatur. Der Theorie nach müssten alle einschlägigen historisch-kritischen Veröffentlichungen zum Thema berücksichtigt werden. In der Praxis erweist sich das angesichts der ständig wachsenden Literaturflut als unmöglich.

- Auf der Zeitlinie ist man deshalb zu einer mehr oder weniger willkürlichen Beschneidung genötigt. Der Schnitt wird entweder in das Jahr 1900 oder in das Jahr 1945 gelegt. Aus der Zeit von 1900 bis 1945 werden nur ausgewählte Klassiker der historisch-kritischen Theologie benutzt, aus der Zeit vor 1900 nur einige wenige Werke.

- Obwohl heute in allen Ländern und Erdteilen historisch­kritische Theologie betrieben wird, bleiben die Veröffentlichungen dieser Theologen oft allein aus dem Grunde unberücksichtigt, weil sie in einer Sprache abgefasst sind, die ihre Kollegen nicht beherrschen. Bereits das Französische stellt für viele angelsächsische und deutsche Forscher eine Sprachbarriere dar, die zu übersteigen eine Mühe macht, die man nur bei wichtigen Klassikern auf sich nimmt. Wer aber macht sich schon daran, die Sprachen zu lernen, um die Bücher neugriechischer, spanischer oder japanischer Kollegen zu studieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Solche sprachlich nicht zugängliche Literatur bleibt für die Wahrheitsfindung von vornherein unberücksichtigt.

- Vielfach gibt es obendrein noch Schwierigkeiten bei der Beschaffung der bekannten und sprachlich zugänglichen Literatur. Wartezeiten bei der Fernleihe können ein Vierteljahr und länger sein. Ausdrücklich oder stillschweigend beschränkt man sich deshalb »auf die mir zugängliche Literatur«.

- Ein in jüngerer Zeit zunehmend angewandtes Hilfsmittel, um die Literaturflut einzudämmen, das besonders von Linguisten gerne gebraucht wird, ist die, grundsätzliche Ausklammerung der einschlägigen Literatur, weiche nicht die gleichen Spezialmethoden verwendet.

Mehr und mehr setzt sich die fragwürdige Technik durch, sich Literatur, deren intensive Bearbeitung eindeutig vom Thema her erforderlich wäre, dadurch vom Halse zu schaffen, dass man ein solches Buch in einer einzigen Anmerkung nennt und nach einer verzerrten Kurzdarstellung von wenigen Zeilen so abfällig beurteilt, dass man damit eine weitere Bearbeitung ausschließt. Auf diese Weise erspart man sich eine Mühe, welche die eigene Veröffentlichung um Jahre verzögern würde. Angesichts der bestehenden Verhältnisse kann man das als Notwehr gelten lassen. Allerdings wird bei diesem Verfahren übersehen, dass dadurch Bücher, welche von namhaften theologischen Fakultäten als Dissertationen oder Habilitationsschriften angenommen und somit gutgeheißen wurden, als indiskutabel hingestellt werden - ein Sachverhalt, der bisher anscheinend niemandem aufgegangen ist.

Als Ergebnis ist festzustellen, dass bereits die Praktiken der Literaturbenutzung die behauptete Objektivität der historisch-kritischen Theologie in Frage stellen.

b) Dass Wahrheitsfindung aufgrund von kritischen Argumenten stattfindet, ist eine Selbsttäuschung:

- Für entgegenstehende Hypothesen fassen sich in der Regel gleichgewichtige Argumente finden, wenn auch nicht beim selben Forscher. Entsprechend der Blickrichtung auf Figur oder Grund springt jedem das ins Auge, was seine eigene Unterstellung bestätigt. Werden gegnerische Argumente im eigenen Bezugsrahmen geprüft, erweisen sie sich zwangsläufig als schief. Eine solche Überprüfung führt deshalb in der Regel zur Erhärtung und Stabilisierung der eigenen These.

Die grundsätzliche Bereitschaft in der historisch-kritischen Bibelauslegung, die eigenen Thesen für überholbar zu haften und zur Diskussion zu stellen, bedeutet deshalb keineswegs, dass auf diesem Weg Wahrheit ermittelt würde.

Wo im Einzelfall eine Ansicht geändert wird - was besonders bei Forschern von Rang nicht allzu häufig vorkommt, werden sofort genauso gute Argumente für die neue Ansicht gefunden, denn die Vernunft ist nun einmal eine Hure.

- In der Praxis des Umgangs der Forscher miteinander, abgesehen von den Veröffentlichungen, herrscht das Beharren auf einmal gewonnenen Positionen vor. Auf die Zusendung von Sonderdrucken wird gerne geantwortet: »Ihre Ausführungen finde ich sehr interessant, aber ich kann mich ihnen nicht anschließen.« Gründe werden dafür nicht genannt. Das ist kein Charakterfehler, sondern in der Sachlage begründet: Der Professor muss in der Lehre ein verhältnismäßig breites Gebiet repräsentieren und soll in der Lage sein, aus dem Gesamtbereich alttestamentlicher oder neutestamentlicher Forschung Informationen aufzunehmen. Aber nur auf dem kleinen Spezialgebiet, das er zur Zeit bearbeitet, kann er solchen Fragen wirklich nachgehen. Aber selbst dort ist er durch frühere Forschungen bereits stark festgelegt, so dass die Aufnahme neuer Gedanken ein unverhältnismäßig großes Maß an Neubearbeitung erfordern würde, das sich oft im Rahmen der übrigen Pflichten: Lehre, Verwaltungsarbeit, Betreuen von Examensarbeiten und Dissertationen, Arbeit an der Fertigstellung eigener Publikationen oder als Herausgeber von Zeitschriften u.a. gar nicht aufbringen lässt.

Die Aufnahme von neueren Forschungsergebnissen durch Forscher, welche sich bereits in einem breiten Bereich eine Meinung gebildet haben, wird dadurch zwangsläufig willkürlich. Der »Name« des Verfassers einer Veröffentlichung und die »Schule«, welcher derselbe angehört, entscheiden vielfach darüber, wie dieselben aufgenommen werden.

Unter diesen Voraussetzungen kann die behauptete Objektivität historisch-kritischer Bibelauslegung von vornherein unmöglich zustande kommen.

10. Unter der nachwachsenden Forschergeneration breitet sich vielfach Resignation in Bezug auf Wahrheit aus. Sie wird ausgemünzt in Theorien der Subjektivität. Eigentlich müsste sie das Ende wissenschaftlicher Arbeit in der Theologie markieren, wird aber in dieser Weise nicht ernstgenommen. Man muss sich fragen, ob hier Wissenschaft als Selbstverwirklichung getrieben wird. Man darf aber auch nicht übersehen, dass das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, das besteht, solange die Kirchen den Zugang zum Pfarramt in der Regel nur über das Studium an diesen theologischen Fakultäten freigeben, diesen Fakultäten so, wie sie sind, ein gutes Gewissen bei ihrer Arbeit gibt

11. In zunehmendem Maße ist bei der jüngeren Theologen­generation eine sozialistische Unterwanderung festzustellen. An die Stelle des Heilsplanes Gottes und die ewige Erlösung in Jesus Christus sind menschliche Ziele der Weltverbesserung getreten. Sie werden verbrämt mit willkürlich ausgewählten Worten des sogenannten »historischen Jesus«, der je nach Spielart als Sozialreformer oder als Revolutionär gedeutet wird. Vorzugs»texte« sind: die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) und vom Weltgericht (Mt 25,31­46), ferner Jesu Wort über den Sabbath (Mk 2,27-28), wobei das Wort »Menschensohn« in Vers 28 einfach als »Mensch« interpretiert wird, was sprachlich möglich ist. Jesu Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern (Mk 2,15-17) wird als Beweis genommen, dass er ungerechte soziale Strukturen verändert hat und wir es ihm darin gleichtun sollen.

Kennzeichnend ist die Theorie vom »Überbau«, mit der das Alte Testament weitgehend beiseite geschoben wird als etwas, das uns nichts angeht. Es wird verstanden - ganz oder in Teilen - als eine geistige Konstruktion, die Ausfluss damaliger patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen und bäuerlicher Produktionsverhältnisse ist und die Funktion hatte, dieselben zu rechtfertigen und zu stabilisieren. Aufgrund dieser Theorie sind selbst die Zehn Gebote für uns nicht mehr verbindlich. Jesus habe sie im Liebesgebot aufgehoben. Was aber unter Liebe zu verstehen ist, wird nicht an Gottes Wort abgelesen, sondern fleischlich beurteilt.

Die Propheten werden als Sozialreformer eingestuft, wofür Amos als Alibi herhalten muss.

Diese Abhandlung ist ein Auszug aus dem Buch "Original oder Fälschung" von Eta Linnemann, CLV (Christliche Literatur-Verbreitung), ISBN 3-89397-754-6. Das Buch kann man dort oder in jeder anderen Buchhandlung erhalten. Ferner kann man es bei CLV kostenlos als PDF-Datei herunterladen.

 

STH-Rektor: Wissenschaftlichkeit der Bibelkritik längst widerlegt

Basel (idea) – Mangelnde Bibeltreue wirft der Rektor der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule (STH) Basel, Jacob Thiessen, den Theologischen Fakultäten an deutschsprachigen Universitäten vor. Obwohl die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die historisch-kritische Bibelforschung „längst widerlegt“ seien, werde an der Bibelkritik festgehalten, sagte Thiessen in einem idea-Interview. „Auch wenn die kritische Theologie in einer Sackgasse gelandet ist, so sucht man doch ständig neue Fluchtwege.“ Nach Thiessens Ansicht ist die Bibel auch in ihren geschichtlichen Berichten zuverlässig. Zwar gebe es zwischen einzelnen Büchern und Berichten in der Bibel Spannungen, aber keine wirklichen Widersprüche. Sie ließen sich erklären wie die Unterschiede bei Augenzeugen nach einem Unfall, die den Hergang von verschiedenen Perspektiven aus beobachtet hätten und entsprechend unterschiedlich berichteten.

Datum: 25.05.2005

Quelle: Evangelische Nachrichtenagentur idea

 

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