Vom "unsterblichen Problem" des Leides

Adolf Heller


Kürzlich las ich eine fesselnde Zusammenstellung von Zeugnissen amerikanischer Studenten und Studentinnen. Unter dem Titel "This I believe!" ("Das glaube ich") hatten etwa 12-14 Junge Menschen zwischen 20 und 30 Jahren in gedrängter Zusammenfassung ihre "Weltanschauung" dargelegt.

Obwohl Theologen, Kinder frommer methodistischer Eltern usw. darunter waren, kam der Name Jesus Christus nicht ein einziges Mal vor, und wenn einmal oder zweimal vom "Christentum" die Rede war, dann entweder zweifelnd oder ablehnend. Und das in einem gesegneten, demokratischen "christlichen" Land!

Der häufigste Zentralgedanke war etwa der: Ich bin auf der Welt, um glücklich zu sein! Dabei betonten allerdings viele, daß der größte Teil unsres Glücks darin bestehe, andre glücklich zu machen. Armut und Schmutz, Not und Elend der Welt müssen, so gut es geht, bekämpft und womöglich ausgerottet werden. Was Sünde ist, wozu das Leid dient, - für diese tieferen Fragen schien in diesen offenherzigen, persönlichen Zeugnissen nicht einmal ein Ansatzpunkt vorhanden. Bezüglich ihres "Glaubens" meinten manche, sie könnten ihn verändern, wann und wie es ihnen gerade beliebte.

Letzteres schien mir kennzeichnend für die Grundhaltung des "modernen", d. h. in die Endzeit der Nationengeschichte hineintaumelnden Menschen. Und doch ringen nicht nur fleischliche und seelische, sondern auch wirklich geistliche Menschen gerade in den Elendsgebieten der Erde mit dem "unsterblichen Problem", d. h. mit dem dunklen, schwer zu beantwortenden Rätsel vom Sinn und Zweck des Leides in der Welt.

Wir wollen versuchen, aus der Schau des Wortes Gottes, sonderlich der des Fülleevangeliums heraus, eine dreigliedrige Antwort zu geben, die uns vielleicht nicht nur erlösendes Licht in diese qualvollen Fragen bringt, sondern sogar den einen oder andern dahin führt, mit unserem Bruder und Lehrer, dem Apostel Paulus, in den sieghaften Freudenruf auszubrechen: "Jetzt freue ich mich in den Leiden!" (Kol. 1, 24) -

Eine der unerschöpflichsten, wunderbarsten Darstellungen der Wege und des Wesens Gottes mit Israel und aller Kreatur ist die Stiftshütte. Sie stand meist mitten in der Wüste voll tödlicher Sonnenglut bei Tage und bitterer Kälte bei Nacht, bedroht von Feinden, räuberischen Horden und wilden Tieren, und bildete eine, um nicht zu sagen die Quelle des Heils und der Freude inmitten eines heillosen, heimatlosen, oft verzweifelten Volkes.

Aus der Ferne erschien sie als ein Ganzes; aus der Nähe gesehen, konnte man Hof und Zelt unterscheiden; wer aber mitten drinnen stand, erkannte, daß es in Wirklichkeit drei klar unterschiedene Teile waren: der Vorhof für alle Israeliten, das Heiligtum für die Leviten und das Allerheiligste für den Hohepriester. 

Sieht nicht so auch der gottgeschenkte Glaube mit erleuchteten Augen des Herzens, daß der scheinbar ungeteilte, einheitliche Block der Gesamtmenschheit in Wirklichkeit aus Nationen, Israel und Gemeinde besteht (vergleiche Apg. 15, 14-17 u. a. Stellen)?

Der Vorhof hat es mit der Befriedigung der Nöte und Bedürfnisse des Ich zu tun; im Heiligtum wird in priesterlicher Gesinnung dem Du gedient; im Allerheiligsten jedoch leuchten uns die Liebesbedürfnisse und Sehnsüchte des großen, wunderbaren Er, nämlich Gottes Selbst auf. So redet die Schrift auch von den Sünden und Leiden des Einzelnen, kennzeichnet in großen, gewaltigen Linien den Sterbens- und Werdeweg der Völker und aller Geschöpfe und Wesen, enthüllt aber auch dem geistgeöffneten Auge die heilige Sehnsucht und Liebesnot Gottes, die er im Sohne zum Heile aller und zu seiner eigenen Glückseligkeit auf seine Weise und zu seiner Zeit einmal wunderbar stillen und befriedigen wird.

Wir dürfen also unterscheiden zwischen Vorhofsleiden, die das Ich betreffen, Heiligtumsleiden für das Du, wozu nur eine Auswahl fähig und gewillt ist, und schließlich Leiden gemäß dem Allerheiligsten, die um Gottes willen erlitten werden, zu denen letztlich nur einer, der wirkliche, wesenhafte Hohepriester, das Haupt und seine Glieder, im Vollumfang und mit Bewußtsein gewürdigt ist. Der Herr schenke uns erleuchtete Augen des Herzens, diese Dinge so zu begreifen und zu ergreifen, daß wir allezeit für alles, also auch für die Leiden unsres Lebens, danken lernen und so unsern Vater in Christo Jesu verherrlichen dürfen!

1. Vorhofsleiden

Wir nennen fünf Vorhofsleiden, die es alle mit dem eignen Ich zu tun haben, d. h. bei denen nicht das Heil und Wohlergehen andrer oder gar die Rechtsansprüche und Liebesbedürfnisse Gottes, sondern die Sicherung und Vollendung des eignen Ich im Mittelpunkt stehen. Es sind Strafleiden, Rettungsleiden, Reinigungsleiden, Bewahrungsleiden und Heiligungsleiden.

Daß im praktischen Leben diese inneren Prozesse durchaus nicht reinlich geschieden sind, sondern nebeneinander und durcheinander laufen, braucht wohl nur am Rande angedeutet zu werden. Alles Lebensmäßige, sonderlich wenn es sich um Vorgänge in den Bezirken der Seele und des Geistes handelt, sind alles andere als schablonenhaft, obwohl sie sich zutiefst nach heiligen, göttlichen Normen und Gesetzen vollziehen.

Schon die Welt weiß sehr wohl, daß der Mensch immer das erntet, was er gesät hat. Ein Ungehorsamer und Lügner, ein Flucher und Lästerer, ein Trunkenbold und Unzüchtiger wird früher oder später, und wenn es erst vor Gottes großem, weißen Richterthron ist, den gerechten Lohn seiner Sünden empfangen. Das ist ein natürliches Grundgesetz, das sich allenthalben auswirkt. Darüber ist nicht viel zusagen. Es gilt für die unterste Ebene der natürlichen Moral.

Wenn nun ein Mensch umsinnt, Buße tut, sich, gezogen durch Gottes Geist, ausstreckt nach Wahrheit und Reinheit, Licht und Liebe, so verwandelt sich sehr oft das Strafleid, das er sich in Form von körperlicher oder seelischer Krankheit zugezogen hat, in Rettungsleid. Auch andre Leiden, die durchaus keine Strafen für Sünden sind, bilden oft einen Anstoß, das Heil Gottes zu suchen und zu finden.

Dafür gibt es viele ergreifende Beispiele und Belege. Ich weiß von einem blinden Mädchen, das als einzigen Menschen auf der Welt nur noch die Mutter hatte. Als diese unerwartet starb, weinte das Kind wochen- und monatelang. Durch diese fast ununterbrochene salzige Tränenbespülung wurde aber, wie die Ärzte feststellten, die das Auge verdunkelnde, trübe Schicht gelöst, so daß das Kind sein Augenlicht wiederbekam. Rettendes Leid!

Rief nicht auch Hiskia, der König von Juda, als er krank gewesen und von seiner Krankheit genesen war, tief ergriffen aus: "Du machst mich gesund und hältst mich am Leben. Siehe zum Heile ward mir bittres Leid!" (Jes. 38, 9.17)?

Ein Kind hatte aus Versehen Gift getrunken. Der Vater mußte es zu seinem Hausarzt, der gerade irgendwo einen Eingriff vornahm und nicht gleich kommen konnte, bringen. Doch sollte er unter allen Umständen dafür sorgen, daß das Kind nicht einschlafe, da dann das Gift viel stärker wirke. In der Straßenbahn hielt der Mann sein müdes, weinendes Töchterchen auf dem Schoß und rüttelte und schüttelte es immer wieder, damit es nicht einschlafe. Mitfahrende machten dem scheinbar herzlosen, brutalen Vater darüber Vorhaltungen. Als er jedoch den Grund nannte, begriffen sie, daß den Mann nur Liebe und Vorsorge und nicht Bosheit und Quälsucht veranlaßten, so mit seinem Kind zu handeln.

Macht es Gott nicht ebenso mit seinen Geschöpfen? Damit wir, die wir doch von Adam her von der Sünde vergiftet sind, nicht hinüberschlafen in den zweiten Tod, rüttelt und schüttelt uns Gott durch so manche Enttäuschungen und Bitternisse unsres Lebens. Rettendes Leid!

Wenn ein Mensch errettet, d. h. durch den Glauben gerecht geworden ist, so ist damit erst ein Anfang geschehen, und er ist damit noch lange nicht vollendet. Erst wenn wir die Gewißheit des Heils in Christo haben, vermögen wir zu erkennen, wie stark unser Denken, Fühlen und Wollen befleckt und verdorben ist.

Wir bedürfen darum der Reinigung. Diese vollzieht sich praktisch meist durch Bekenntnis, Rückerstattung oder Absonderung. Das alles ist aber mit mehr oder weniger starken seelischen Erschütterungen und Leiden verbunden. Wer wüßte da aus seinem persönlichen Leben oder dem Leben derer, denen er dienen durfte, nicht überaus ernste Dinge zu erzählen? Reinigendes Leid!

Wer eine Reinigung im biblischen Sinn erfahren hat, besitzt damit noch nicht die Garantie, daß er nun auch wirklich immer in dieser gesegneten Stellung bleibt. Er bedarf darum der Bewahrung. Der eine neigt durch Erbanlagen und Umweltbedingungen zum Hochmut und Jähzorn, ein andrer zur Lüge und Untreue und wieder ein andrer zum Geiz oder zur Fleischeslust. Um uns nun klein und demütig, in dauernder Wachsamkeit und treuer Abhängigkeit vom Herrn zu halten, braucht Gott oft Bewahrungsleiden.

Lesen wir etwa das paulinische Selbstzeugnis in 2. Kor. 12, 7: "Auf daß ich mich nicht durch die Überschwenglichkeit der Offenbarungen überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, daß er mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe." Diese ernste, wichtige Darlegung beginnt und endet mit den Worten "auf daß ich mich nicht überhebe". Damit ist unzweideutig die göttliche Zweckbestimmung der Leiden des Apostels umrissen, wenn auch nur, wie wir später sehen werden, von einer Seite her.

Paulus war überschwenglicher Offenbarungen teilhaftig geworden, wie sie nie ein Mensch vor ihm bekommen hatte noch nach ihm erhalten sollte. Hatte er doch die Aufgabe, das Wort Gottes auf sein nicht mehr zu überbietendes Vollmaß zu bringen (Kol. 1, 25). Wer daher die "Fülle", "Vollkommenheit" oder "Vervollständigung des Wortes Gottes" anderswo sucht als bei Paulus, etwa in den zunächst nur Israel geltenden Verheißungen und Anordnungen, die der Herr während seiner Erniedrigung im Fleische gab, oder bei Johannes oder bei vermeintlichen oder auch wirklichen Einblicken in die unsichtbare Welt, der irrt. Paulus und kein andrer hatte die Aufgabe, das Wort Gottes zu vollenden, d. h. sein volles Ende, seinen endgültigen Abschluß zu bezeugen und lehrmäßig zu vermitteln. Würde man das im Glaubensgehorsam fassen und festhalten, wieviel Streit und Verketzerung unter den Gläubigen wären mit einem Schlag aus der Welt geschafft!

Diese hohen Offenbarungen bedeuteten für den Apostel, der ja ein Mensch war wie du und ich, eine große Gefahr, nämlich die der Überheblichkeit. Um ihn aber als gebräuchliches Werkzeug im Stande der Abhängigkeit und Demut zu erhalten, gab ihm Gott in der Weisheit seiner Liebe einen Dorn für das Fleisch, einen Satansengel, der ihn mit Fäusten schlüge. Worin dieser Dorn, diese Krankheit oder dieses Leiden bestand, wissen wir nicht genau zu sagen. Es sind darüber mancherlei Vermutungen angestellt worden, die wohl alle etwas für sich haben, aber wohl doch nicht restlos befriedigen. Wir sollen und brauchen es nicht zu wissen, sonst hätte es Gott uns geoffenbart. Das sollte uns genügen.

Auf jeden Fall hatte Paulus dieses Bewahrungsleiden nötig. Und du und ich? Wenn schon er, dieser große und wunderbare Mann, es brauchte, wieviel dann wir kleinen, armseligen Werkzeuge! Haben wir für unser Bewahrungsleiden auch schon von Herzen gedankt? Welcher Art auch die Dornen und Satansengel sein mögen, die dich stechen und schlagen, - danksage dafür, und du wirst ein strahlendes, leuchtendes Siegesleben zur Ehre Gottes führen dürfen! Das ist gewißlich wahr! Gepriesen sei der Herr für sein bewahrendes Leid!

Nicht nur Strafe, Rettung, Reinigung und Bewahrung sind in unserm Leben oft mit Leiden verknüpft, auch unsre Heiligung, unser praktisches Vollkommenwerden auf allen Gebieten, vollzieht sich sehr häufig auf dem Wege der Leiden.

Lesen wir darüber Hebr. 2, 10: "Es geziemte Gott, um deswillen das All und durch den das All ist, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen." Gott hat seinen Sohn, den Urheber unsrer Errettung, den Anfänger oder Anführer unsres Heils, den Schöpfer, Begründer oder Herzog unsrer Seligkeit, durch Leiden vollkommen gemacht. Und das erschien ihm, dem Vater der Liebe, als "geziemend", wie unser Text sagt, da er ja nicht nur einen einzigen herrlichen Sohn haben, sondern viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte.

Wenn Leiden der richtige Weg und die geziemende Gottesmethode waren, und zwar solche Leiden, in denen der Vater mit dem Sohn und im Sohn unsagbar mehr litt, als wir uns vorzustellen vermögen, - warum wehren wir uns da, du und ich, gegen das Leiden? Wir versuchen ja in unsrer törichten Selbstliebe unsre eigne Herrlichkeit zu verunmöglichen! Wie gut, daß Gott in der heiligen Größe und Inbrunst seiner Liebe nicht darauf eingeht und unsre oft so himmelstürmenden Gebete um Wegnahme eines Leides oder einer Krankheit nicht erhört!

Wie oft habe ich im Laufe meines Dienstes an mir selbst und an vielen andern erfahren dürfen, daß der Herr Krankheit durch Gebet und Handauflegung, manchmal nach vorhergehendem Sündenbekenntnis, aber immer in der Bereitschaft, mit jeder Führung dankbar einverstanden zu sein, mit einem mal völlig wegnahm! Wie oft aber auch erlebte ich an mir und andern, daß er in der Weisheit seiner Liebe das nicht tat, und durfte hinterher bewegten Herzens loben und danken, daß er den Weg des Leides, der Schwachheit oder Krankheit gewählt hatte, um bei andern oder mir um so größere, wesenhaftere Lösungen, Durchbrüche und Segnungen zu wirken. Hüten wir uns darum, nach der einen oder andern Seite Gesetze zu machen und Menschengewissen zu vergewaltigen!

Wir haben bis jetzt fünf Arten von Leiden betrachtet: Strafleiden, Ret­tungsleiden, Reinigungsleiden, Bewahrungsleiden und Heiligungsleiden. Alle laufen, wenn wir so sagen dürfen, auf der Ich-Linie: diese Leiden sind Strafe für meine Sünde; dienen mir zu meinem Heil; reinigen mich von meinen Befleckungen und Gebundenheiten; bewahren mich in meinem Gnadenstand, heiligen mich, damit ich das Ziel der Vollkommenheit erreiche. Das alles ist wichtig und grundlegend und sollte nicht als nebensächlich auf die Seite geschoben werden, wie das manche in falscher Einseitigkeit ihres biblischen Denkens leider tun. Längst nicht alle Gläubigen erreichen in diesem Leben die oben genannten Vorhofsziele.

Und doch gibt es mehr! Außer den Vorhofsleiden gibt es nach der Schrift auch Leiden, die nicht auf der Ich-Linie des eigenen Heils, sondern auf der Du-Linie des Dienstes an andern liegen. Es sind


2. Leiden gemäß dem Heiligtum

Im Vorhof empfing der Sünder Vergebung seiner Schuld kraft des stellvertretend für ihn vergossenen Blutes. Darum ging er nach Befriedigung dieser, seiner Bedürfnisse wieder hinaus ins Lager oder in die Wüste. Was im Heiligtum und Allerheiligsten geschah, das interessierte ihn nicht. Er hatte ja auch keinen Zutritt, wenn er nicht zum Stamm Levi gehörte. Die meisten Gläubigen sind heilfroh, glücklich und dankbar, daß sie kraft des auf Golgatha für sie vergossenen Blutes errettet sind, und von dem stellvertretenden Opfer wissen, das ihre Schuld tilgte. Das genügt ihnen. Mehr wollen sie nicht.

Darüber hinaus gibt es aber auch solche, denen kraft einer inneren Berufung das Herz brennt, dieses erfahrene Heil, in dessen Besitz und Genuß sie nun stehen, auch andern anzubieten und zu vermitteln. Dazu braucht man beileibe nicht gleich Pfarrer oder Prediger zu werden, obwohl das durchaus der Fall sein kann, wenn sich göttliche Berufung und irdischer Beruf wirklich decken. Ob und wo das so ist und wo nicht, wird sich wohl in den meisten Fällen erst vor dem Preisrichterstuhl Christi, bzw. vor dem großen weißen Thron endgültig klären. Warten wir in Demut und Liebe so lange, und tun wir treu den Dienst, den Gott uns gab! Alles andre ist seine und nicht unsre Sache.

Im Heiligtum dienten die gottverordneten Priester am goldnen Schaubrottisch, am siebenarmigen goldenen Leuchter und am goldenen Rauchaltar. Da gab es kein Erz mehr wie im Vorhof am ehernen Brandopferaltar oder am ehernen Reinigungsbecken, das am Eingang zum Heiligtum stand, an dem man Hände und Füße reinigen mußte, ehe man das Innere der Hütte betreten durfte zu heiligem Dienst.

Wer darum nicht von der Gottesliebe gedrängt und getrieben ist, der ist trotz gewaltiger Reden und opferreicher Tätigkeit nur ein "tönendes Erz", das trotz großer natürlicher Gaben und reichen Wissens im tiefsten Grund "nichts nützt" (1. Kor. 13, 1-3)! Das sind ernste und köstliche Dinge, die der gottgemäße Glaube durchleidet und durchstirbt, durchlebt und durchliebt, wenn er wirklich auf dem Wege zum Vollendungsziele ist. Prüfen wir uns, du und ich, vor Gottes heiligem Angesicht, wie es da mit uns steht, auf daß wir uns nicht selbst betrügen!

Die Dienste, die Paulus tat, waren in erster Linie solche gemäß dem Heiligtum und dem Allerheiligsten und darum eng mit Leiden verknüpft. Sagt doch der Herr in Apg. 9, 16 bezüglich seines Sonderapostels nicht: "Ich will ihm zeigen, wieviel er für meinen Namen leisten muß", sondern vielmehr: "... wieviel er für meinen Namen leiden muß!"

Darum wurde Paulus auch in mancherlei Drangsale geführt, um durch den Gottestrost, den er in seinen vielen und schweren Bedrängnissen erfuhr, andre trösten zu können, die in gleichen oder ähnlichen Lagen waren oder sein würden (2. Kor. 1, 3-5). Wer von uns ist mit einem solchen Dienstauftrag einverstanden oder streckt sich gar danach aus und preist Gott dafür? Was sind wir doch alle für armselige Wichte, gemessen an der seelisch-geistigen Größe unsres Apostels und Lehrers!

Steht nicht auch von dem Herrn selbst geschrieben, daß er darin, worin er gelitten hat, denen zu helfen vermag, die versucht werden (Hebr. 2, 18)? Je wertvoller und köstlicher die Dienste sind, die wir jetzt oder später tun dürfen, durch desto tiefere Durchfeuerungen und Leiden müssen wir gehen.

Das ist doch schon im Irdischen so!

Ein Bruder besuchte einst eine große Glasfabrik, in der Rohglas zu allerlei Gefäßen verarbeitet wurde. Da sah er solches, das unter hohem Druck stand und oft bis zu den höchstmöglichen Hitzegraden gebracht wurde. In andern Abteilungen hingegen wurde die flüssige Glasmasse viel weniger erhitzt und unter geringeren Druck gestellt. Da fragte der Bruder seinen Bekannten, der ihn führte, warum denn hier bezüglich der "Mißhandlung" des Glases durch Druck und Hitze so große Unterschiede bestehen. Der Gefragte lächelte fein und antwortete: "Ja, dort drüben werden Bierflaschen hergestellt, die dürfen schon die eine oder andre Unvollkommenheit aufweisen, da kann schon einmal eine Luftblase oder ein Sandkörnchen drin sein. Das ist nicht so schlimm; eine Bierflasche ist ja nicht viel wert, geht doch meist bald zu Bruch und wird weggeworfen. An der ist nicht viel verloren.

In dem ersten Fabrikationsraum hingegen werden edelste Kristallgefäße geschaffen, die wertvoll sind und für lange Zeit zum Schmuck und zur Zierde dienen sollen. Da sind viel höhere Hitzegrade und ein viel stärkerer Druck nötig, damit sie völlig klar, fehlerfrei und leuchtend werden!"

Verstehen wir jetzt, warum es in unserm Leben so viel Druck und Trübsalshitze gibt, während andre so leicht und unbeschwert ihren Weg gehen? Von Natur sind wir alle gleich; da ist kein Unterschied. Aber in dem großen Gotteshaus der Schöpfung gibt es vielerlei Gefäße, "nicht allein goldene und silberne, sondern auch hölzerne und irdene, die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre" (2. Tim. 2, 20).

Was willst du, was will ich nun werden, eine Bierflasche, die von einem betrunkenen Burschen an die Wand geworfen wird und in einer Abfalltonne endet, oder ein edles, kostbares Kristallgefäß, das eine Zierde des Hauses und ein Gegenstand des Entzückens für den Hausherrn und seine Freunde und Gäste ist? Was wollen wir werden, Bierflasche oder Kristallgefäß?

"Unter Leiden prägt der Meister
In die Herzen, in die Geister
Sein allgeltend Bildnis ein ...
Leiden, wer ist deiner wert?
Hier nennt man dich eine Bürde,
Droben bist du eine Würde, Die nicht jedem widerfährt!"

Nur zwei Paulusworte sollen uns etwas von der Würde solcher Zubereitungsleiden im Heiligtum sagen: 2. Tim. 2, 10 und Kol. 1, 24. Das sind zwei Schriftzeugnisse, die ohne menschliche Deutungen und Erklärungen tief zu unsern Herzen reden, wenn wir wirklich von Christus ergriffen sind. Möchten sie auch unser Leben bestimmend beeinflussen und gestalten!

In 2. Tim. 2, 10 lesen wir: "Deswegen erdulde ich alles um der Auserwählten willen, auf daß auch sie das Heil erlangen, das in Christo Jesu ist, mit ewiger Herrlichkeit." Es gibt also ein Heil ohne äonische Herrlichkeit und ein Heil mit äonischer Herrlichkeit. Man kann das Heil nicht ungültig machen, aber, menschlich gesprochen, die damit verbundene Herrlichkeit verkürzen oder verunmöglichen. Wenn dem nicht so wäre, so wären sämtliche paulinischen Ermahnungen sinnlos und zwecklos. Nun ist es dem Apostel darum zu tun, daß die Erwählten die letztere, die größere Errettung erlangen. Und zur Erreichung dieses Zweckes erduldet er alles!

Wo aber weiß man heute noch etwas von diesen Dingen, und wo werden sie verkündigt? Überall sehen wir eine unglaubliche Gleichmacherei: Leib und Braut, Königreich und Gemeinde, Seligkeit und Herrlichkeit, Entrückung und Wiederkunft zum Gericht, kluge Jungfrauen und Glieder Christi, Erweckung und Wiedergeburt, Bekehrung und Neuschöpfung, Äonen und Endlosigkeit, Ratschluß und Vorsatz, Gnade und Wohlgefallen, - alles das sollen nur verschiedene Ausdrücke für die gleiche Sache sein! Daß wir doch endlich einmal dahin kämen, unsre Unwissenheit einzugestehen und aufs Wort zu merken!

Es gab eine Zeit im Leben des Apostels Paulus, da er sich in den Leiden nicht freuen konnte. Da verzweifelte er tatsächlich am Leben (2. Kor. 1, 8). Er mußte eben als unser Vorbild alles für alle werden! In Kol. 1, 24 war er aber dank der Einsicht in Gottes Herz so weit, daß er die wunderbaren, königlichen Worte niederschreiben konnte: "Jetzt freue ich mich in den Leiden für euch und ergänze in meinem Fleische, was noch rückständig ist von den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist die Gemeinde, deren Diener ich geworden bin nach der Verwaltung Gottes, die mir in bezug auf euch gegeben ist: das Wort Gottes in sein Vollmaß (Fülle oder Vervollständigung) zu führen."

Die Leiden Christi für die Versöhnung der Welt sind ein für allemal abgeschlossen durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung. Diesem Erlösungswerk braucht und kann nichts mehr hinzugefügt werden. Aber die Vollendungsleiden des Christus gehen in den Gliedern seines Körpers, der Gemeinde, die da ist sein Leib, weiter.

Es war für Paulus ein Gegenstand heiliger Gottesfreude, für die Gläubigen leiden zu dürfen und so die Drangsal des Christus für die Zubereitung und Vollendung seines Körpers zu ergänzen. Das sind Priesterleiden im Vollsinn des Wortes. Sie beziehen sich nicht auf die Sicherstellung und Befriedigung des eignen frommen Ich, sondern gelten in heiliger Hingabe dem Dienst am Du.

Gibt es noch einen tieferen Leidenszweck als den, für andre Geschöpfe und ihre Vollendung sich liebend und opfernd einsetzen? Ja, den gibt es! Es sind Leiden, die zutiefst nicht dem Geschöpf, sondern dem Schöpfer selbst gelten, also weder auf der Ich-Linie noch auf der Du-Linie, sondern auf der Er-Linie unsres Vaters in Christo Jesu liegen. Hiervon aber kann man nur in heiligem Schauer stammeln.


3. Leiden gemäß dem Allerheiligsten

Jesus "sah einen Menschen, blind von Geburt. Seine Jünger fragten ihn und sagten: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde?" Jesus antwortete: "Weder dieser hat gesündigt, noch seine Eltern, sondern auf daß die Werke Gottes an ihm geoffenbart würden" (Joh. 9, 1-3).

Wo Krankheit oder Leiden ist, vermutet der natürliche Mensch sofort eine Sünde als Ursache und fragt nach dem Schuldigen, besonders dann, wenn er, der Fragende, selbst gesund ist und es ihm gut geht. So machten es auch hier die Jünger Jesu. Der Herr aber gibt eine überraschende Antwort: er sagt, daß weder der Blinde noch seine Eltern gesündigt haben.

Das mag uns im ersten Augenblick verwundern. Denn Gottes Wort lehrt doch, daß alle Menschen Sünder sind. Nun gebraucht aber die Schrift das Wort Sünder in doppeltem Sinn. Einmal lehrt sie unzweideutig, daß wirklich alle gesündigt haben und unter dem Gesetz der Sünde stehen (Röm. 3, 23). Zum andern redet sie jedoch auch von Menschen, die "das Gute wirken" (Röm. 2, 10) und "von Natur die Dinge des Gesetzes ausüben" (Röm. 2, 14).

Ließ nicht der Herr das Zeugnis seiner Jünger bezüglich des Hauptmanns von Kapernaum, er sei der Wohltaten Gottes würdig, liebe Israel und habe sogar eine Synagoge erbauen lassen, unwidersprochen gelten (Luk. 7, 2-5)? Nebenbei bemerkt, hat man bei den jüngsten Ausgrabungen in Kapernaum Fundamente freigelegt, die unzweideutig darauf hinweisen, daß es sich um eine von einem römischen Offizier für Juden erbaute heilige Versammlungsstätte handelt. So bestätigt sich, allen Zweiflern und Spöttern zum Trotz, Gottes Wort und Wahrheit immer wieder!

Die Zahl der Menschen, die Gott fürchten, ihm Ehre geben und ihn als Schöpfer anbeten, also, heilsökonomisch gesehen, weder auf dem ausgesprochen israelitischen Boden des Königreiches stehen noch Glieder des Leibes Christi sind, sondern, wenn wir so sagen dürfen, im äonischen Evangelium leben, wie es in der Endzeit verkündigt wird (Offbg. 14, 6), ist weit größer, als wir zu glauben geneigt sind.

Wer die Gnade hat, Menschen anzusprechen, und mit ihnen unter vier Augen über das Heil in Christo zu reden, weiß darüber vieles zu berichten. Solche sind durchaus nicht alle in dem Sinne Sünder wie die von Offbg. 9, 20.21, die sich von ihren Mordtaten, Zaubereien, Hurereien und Diebstählen auch durch schwerste Gerichte nicht lösen lassen wollen. Diesen Unterschied macht ja auch Paulus in Römer 1 und 2!

So war auch jener Blindgeborene kein Sünder im engeren, moralischen Sinn. Er war weder um seiner Eltern willen noch um seinetwillen blind, sondern um Gottes willen! Der Vater wollte seine Werke (ergon = Wirken, Handeln, Wirklichkeit, Wahrheit, Wesenhaftigkeit) an ihm offenbaren. Der arme Blinde bedeutete für Gott etwa das, was Farbe und Leinwand für den Maler, der Ton für den Töpfer, das Orchester für den Komponisten und Kapellmeister oder ein Marmorblock für einen Bildhauer bedeuten. Der Schöpfer wollte an ihm, einem schwachen, armseligen Geschöpf, seine Macht und Herrlichkeit, sein Handeln und Wirken, seine Wahrheit und Wesenhaftigkeit darstellen. Der Blindgeborene litt um Gottes willen!

Ist das nicht geradezu erschauernd groß? Stockt uns da nicht der Atem, wenn wir das bis zu seinen letzten Konsequenzen durchdenken? Welch ein ungeheures Vorrecht, welch eine unsagbare Würde ist das!

Was das aber zutiefst bedeutet, vermögen wir erst dann zu ahnen, wenn wir bedenken, daß Gott jedes Weh, jeden Schmerz seiner Geschöpfe mitempfindet. In all unserer Bedrängnis ist er bedrängt (Jes. 63, 9)! Jeden Schnitt, den er, der große Chirurg tut, fühlt er mit; jedes Leid, das er uns in der Weisheit seiner Liebe zufügt, schmerzt ihn selber tief. Sein Herz wendet sich in ihm um; erregt sind alle seine Erbarmungen; es glühet sein Mitleid (Hosea 11, 8; vergl. die kath. van Ess-Übersetzung und die englische Companion-Bible!).

Wenn schon das Leiden Einzelner oft eine untragbare Last zu sein dünkt, wieviel gewaltiger muß dann erst diese Last für Gott selbst sein, der den Jammer seiner gesamten Schöpfung viel tiefer erduldet als etwa eine Mutter mit ihrem in Schmerzen stöhnenden Kinde fühlt. Nur wer durch den Glauben im Geiste ins Herz des Vaters der Liebe hineingelauscht hat, vermag das zu verstehen. Den andern mag diese innere Schau als Torheit und Spekulation erscheinen; wir werden nicht mit ihnen streiten. –

Um wessentwillen litt ein Hiob? Um der Ehre Gottes inmitten aller seiner Engel willen! Und warum leidet Israel, leidet die Gemeinde des Christusleibes, leiden du und ich? Um vieler Menschen und aller Engel willen, denen wir etwas darstellen dürfen von der Allgenugsamkeit Gottes und seiner verborgenen, in uns wohnenden Weisheit und Herrlichkeit (1. Kor. 4, 9; Eph. 3, 10; 1. Kor. 2, 7; Kol. 1, 27 u. v. a. m.).

Doch nicht nur wir, die Erstlinge, stehen mehr oder weniger bewußt in diesen Leiden um der Ehre und Glorie Gottes willen, auch die Schöpfung selbst ist der Hinfälligkeit, der Nichtigkeit und Vergänglichkeit unterworfen. Und das nicht um ihrer selbst willen, auch nicht, zutiefst gesehen, um der Menschen willen, sondern letztlich um Gottes willen (Röm. 8, 20), dem zu seiner Verherrlichung das gesamte All dient (Ps. 119, 91).

Durch die Leiden, die jedes Geschöpf mehr oder weniger stark erduldet, wird zugleich Gott selbst bewegt und erregt, wird eine neue, verklärte, unsagbar herrliche Schöpfung durch heilige Liebeszeugungen ins Dasein gerufen. Alles Leben, besonders aber das Vollendungsleben der Herrlichkeit, beruht auf dem Opfer. Gott hat sich selbst im Sohne für alle seine Wesen und Welten geopfert und leidet bis zur Stunde in allem Weh, das der Schöpfung eignet. Aber das unvorstellbar große und selige Ziel, das er, dem alle seine Werke vor Grundlegung der Welt bewußt sind, erreichen wird, nämlich Gott alles in allem, rechtfertigt das Leid, das er und alle erdulden. Denn dann ist er, der lauter Licht und Liebe ist, den unsagbare Wonnen und unaussprechliche Seligkeiten durchbrausen in heiliger Freude, nicht mehr alles über allen oder neben allem, sondern in allen! –

Hier sind unserm irdischen Vorstellungsvermögen Schranken gezogen. Der Glaube weiß sehr wohl um diese Dinge, hat aber in diesem sterblichen Leibe der Schwachheit und Sünde keine Sprachgefäße, um sie erschöpfend darzustellen. Er kann nur im Geiste anbeten und frohlocken, schweigend in heiliger Lust! –

(Quelle: "Gnade und Herrlichkeit"; 1954; Paulus-Verlag Karl Geyer)

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