Vom inneren Wort

Johannes
Tennhardt
(1661-1720)
Ab dem 43. Lebensjahr begann es: Der Herr sprach fast täglich zu dem Mystiker Johannes Tennhardt. Aus dieser Erfahrung mit Gott schrieb Tennhardt die Unterweisung vom inneren Wort Gottes.
1. Man redet heute viel von einem inneren Worte Gottes. Ist denn außer der heiligen Schrift oder Bibel noch ein anderes und näheres Wort Gottes?
Ja, es ist außer der hl. Schrift oder Bibel noch ein anderes
und näheres Wort Gottes, nämlich „das innere Wort".
2. Paulus schreibt aber an die Galater: „So auch wir, oder auch ein Engel vom Himmel euch würden ein anderes Evangelium predigen als das wir euch gepredigt haben, der sei verflucht" (Gal. 1, 8). - Wie ist das zu verstehen?
Paulus meint damit andere widrige Lehren, die falsche Apostel
damals schon einzuführen suchten. Das innere Wort aber ist kein anderes Wort
Gottes dem Sinn und Verstand nach, sondern nur der Art und Offenbarung nach.
3. Hat denn das innere Wort Gottes auch Grund?
Ja, Grund genug in der hl. Schrift selbst und in der
Erfahrung.
4. Wie in der heiligen Schrift?
Weil alle Blätter und Zeilen in ihr davon zeugen.
5. Wie soll ich das verstehen?
Daß die ganze hl. Schrift aus dem inneren Wort geflossen und
eigentlich nichts anderes ist als ein Ausdruck des inneren Wortes Gottes. Denn
was das lebendige Wort in den Propheten und Aposteln innerlich gesprochen hat,
das haben sie äußerlich verkündigt und aufgezeichnet. Daraus erwuchs die hl.
Schrift oder Bibel. Das lehre dich auch der bekannte Spruch Petri:
„Wir haben ein festes prophetisches Wort, und ihr tut wohl,
daß ihr darauf achtet, als auf ein Licht, das da scheint an einem dunkeln Ort,
bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in eurem Herzen. Und das sollet
ihr für das erste wissen, daß keine Weissagung in der Schrift geschieht aus
eigener Auslegung: denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen
hervorgebracht; sondern die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben
von dem hl. Geist." (2. Petr. 1, 19-21. 2. Tim. 3, 16. Tit. 1, 3)
6. Haben denn die Propheten und andere fromme Menschen im
Alten Testament auch schon dieses innere Wort gehabt?
Ja, alle Menschen Gottes, von Adam an bis auf Christus, haben es in sich gehabt, wie das angeführte Petruswort ja genügend erkennen läßt. Auch das, was Petrus im 1. Brief 1, 10 und 11 schreibt: "Nach welcher Seligkeit gesucht und geforscht haben die Propheten, die von der euch zugedachten Gnade geweissagt und ergründet haben, auf welche Zeit deute der Geist Christi, der in ihnen war.
7. Kann man dies auch aus dem Alten Testament beweisen?
Ja, denn so sprach David lieblich in den Psalmen Israels:
„Der Geist des Herrn hat durch mich geredet, und seine Rede ist durch meine
Zunge geschehen. Es hat der Gott Israels zu mir gesprochen, der Hort Israels hat
geredet, der gerechte Herrscher unter den Menschen, der Herrscher in der Furcht
Gottes." 2. Sam. 23, 1-3. S. a. 4. Mos. 12, 6-8. 1. Sam. 3, 7. 21. Nehem.
9, 30. Hiob 42, 3. Jes. 50, 4. 5. Amos 3, 7. 8.
8. Aus diesen Stellen scheint aber zu sprechen, daß nur die Propheten und prophetischen Männer als außerordentliche Boten und Zeugen Gottes das innere Wort gehabt haben.
Obschon die Propheten als außerordentliche Zeugen Gottes
einen näheren Zugang zu Gott und deshalb dieses Wort in einem höheren Grade
und stärkeren Ein- und Ausfließen gehabt haben, so hat es aber doch auch,
andern frommen und gottgetreuen Seelen daran nicht gefehlt, die es gewissermaßen
alle auch zu Propheten und Gottesfreunden gemacht hat. Weish. 7, 27.
9. Läßt sich auch dies beweisen?
Ja, sowohl im allgemeinen aus den Worten Mosis, 5. B. 8, 3
(mit Matth..4, 4 zusammengehalten) und Kap. 30, 11-14 (mit Röm. 10, 6-8), als
auch im besonderen aus 5. Mos. 29, 29. Nehem. 9, 20. Hiob 4, 12, Kap. 32, 8. Mos.
24, 3. 4 usw.
10. Hat das innere Wort nun aber auch im Neuen Testament
fortgewährt?
Da hat es sich erst recht völlig in den heiligen Menschen
hervorgetan, nachdem das Wort Selbst Mensch geworden ist. Joh. 1, 14. Luk. 17,
20. 21. Kol. 1, 25. 1. Kor. 2, 7. 8.
11. Vielleicht hat es sich aber nach Apostelgesch. 2 usw. nur im Anfang des Neuen Testaments bei den Aposteln und apostolischen Zeugen Jesu Christi so besonders hervorgetan?
Nein, sondern auch bei allen wahren und rechtschaffenen Christen der folgenden Zeiten bis auf den heutigen Tag; freilich bei jedem nach seiner Fähigkeit und je nachdem er sich dazu angeschickt hat.
12. Woher kann man solches beweisen?
Wieder sowohl im allgemeinen aus den Stellen Job. 6, 45 (mit
Jes. 54, 13 zusammengehalten), 1. Joh.
2, 20. 27. Hebr. 8, 10. 11. Joel 2, 28. 29 usw., als auch im besonderen
aus den Berichten der Kirchengeschichte der Zeiten Neuen Testaments, wonach sich
jederzeit Menschen gefunden haben, die des bezeugten inneren Wortes halber von
den wahren Christen hoch gehalten, dagegen von falschen verworfen und verketzert
worden sind.
13. Finden sich auch noch heute Menschen, die das innere Wort in Wahrheit haben und Gott in sich reden hören?
O ja, solche werden meist durch die wider sie ergehende
Verfolgung gekennzeichnet1; es mögen aber noch manche im Verborgenen
sein, die dieser gnädigen An- und Einsprache gewürdigt werden... Ps. 31, 20.
21.
1Tennhardt
spricht hier aus eigener Erfahrung. Wegen seiner "Worte Gottes oder Traktätlein
an den sogenannten geistlichen Stand" und seiner „Worte Gottes oder
letzte Warnungs- und Erbarmungsstimme Jesu Christi" wurde er 1708 für
vierzehn Wochen in den Nürnberger Wasserturm gesperrt und anschließend noch
lange Zeit mit Hausarrest belegt.
14. Ist denn so viel an dem inneren Worte gelegen?
Gewiß, und zwar mehr als an Himmel und Erde. Ps. 73, 25. 26.
Luk. 21, 33. Ja so viel, als an Jesus Christus und Seinem heiligen Geiste selbst
in uns, ohne den wir ja nicht selig werden können. 2. Kor. 13, 5. Röm. 8, 9.
15. Was ist denn eigentlich das innere Wort?
Es ist nichts anderes, als eine unmittelbare freundliche Rede
Gottes in Jesus Christus durch den heiligen Geist mit Seinen Kindern und allen
wahrhaft Gläubigen im inwendigsten Grunde ihrer Seele, zu ihrer täglichen
Unterweisung und zu ihrem ewigen Heil. Weish. 7, 21-28. Davon haben Tauler und
viele andere sehr viel erfahren und geschrieben.
16. Du hast aber auch solche Sprüche zum Beweis des inneren Wortes angeführt, die es allen Menschen zugelegt haben?
Das innere Wort ist freilich in allen Menschen, aber nicht
auf einerlei Art und Weise; sondern auf eine andere Art und Weise ist es in den
noch unbekehrten oder auf dem Wege der Bekehrung befindlichen, auf eine andere
Art aber in den bereits zu Gott bekehrten und Ihm gehorsamen Herzen.
17. Wie ist es denn in den noch Unbekehrten?
Als ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens, welchen
jeder auch wider Willen hören muß, und der seinen Richterstuhl insonderheit im
Gewissen des Menschen aufgeschlagen hat. Es ist in der Tat nichts anderes als
Gottes richterliche Stimme in der Seele, wovon namentlich die Stellen sprechen:
Röm. 2, 13-16. Hebr. 4, 12. 13. Weish. 4, 20. 1. Mos. 6, 3. Weish.
12, 1. 2.
18. Muß man denn der Stimme Gottes im Gewissen in allem
gehorsam werden?
Ja, in allem, soviel man durch die leitende Gnade Gottes
vermag, wenn man der freundlichen Stimme Gottes in sich auch anders gewahr
werden und sie genießen will.
19. Wie läßt sich dann das innere Wort in den bereits bekehrten und Gott gehorsamen Seelen hören?
Als eine freundliche Vater- oder vertraute Bräutigamsstimme:
Joh. 3, 29, als ein echt evangelisches Friede- und Freundschaftswort voller
Geist, Leben, Liebe, Huld, Gnade, Süßigkeit und Seligkeit. Joh. 6, 63. Man erwäge
auch Matth.9, 2. 22; Joh. 4, 5-26, Kap. 14, 15. 16, Kap. 20, 11-29, Kap. 21,
4-19; Offenb. 2 und 3. Denn solche Reden, An- und Einsprachen sind es, die in
der Seele geschehen und gehört werden.
20. Wie offenbart sich nun aber das innere Wort im Herzen der
wahren Kinder Gottes?
Das läßt sich durch die Gnade Gottes besser erfahren als
aussprechen. Es geht damit zu, um es mit einem Wort anzudeuten, wie 2. Kor. 4,
6; 1. Kön. 19, 9-13; Apostelgesch. 2, 1.12.
21. Ist die Art der Offenbarung des inneren Wortes in allen
Kindern Gottes gleich?
Nein, sondern in dem einen offenbart es sich mit einem
stillen und sanften Säuseln oder lieblicher, Leib und Seele durchdringender
Bewegung, in dem andern mit einem vernehmlichen und durchdringend kräftigen,
aber seiner Art und Herkunft nach unaussprechlichen Wort. 2. Kor. 12, 1-4.
Offenb. 1, 1-10. Ja, in einer Person offenbart es sich jetzt so, dann anders, je
nachdem sie Gottes Einwirkung oder Einsprache fähig und bedürftig ist. Gal. 1,
12. 16.
22. Läßt sich das Wort zu allen Zeiten und sooft man es
begehrt hören?
Seine vernehmliche Stimme hört man nicht immerzu, am
allerwenigsten, wenn man es etwa aus geistlicher Eigenliebigkeit wegen allerlei
Kleinigkeiten gerne hätte, - sondern mehr nur in wichtigen Angelegenheiten und
großen Leibes- und besonders Seelennöten, wo es sich bei gutwilligen Herzen
meist das erstemal eröffnet und sie dadurch der wahrhaftigen, wesenhaften
Gegenwart und innersten Beiwohnung ihres großen und gnädigen Gottes und
Vaters, zu ihrem ewigen Heil und Trost versichert. Je treuer die Seele jedoch
dem inneren Worte in allen seinen An- und Einsprüchen wird und je näher sie
Gott in Jesus Christus und Seiner heiligen Nachfolge kommt, desto mehr und öfter
wird sie es in sich zu hören gewürdigt. Joh. 14, 15-23.
23. Läßt sich das innere Wort auch in der Nacht hören und
vernehmen?
Ja, und wohl allermeist; Weish. 18, 14-16. Denn obschon es an sich allezeit bereit ist, sich zu unserer heilsamen Unterweisung in und von uns hören zu lassen, so eröffnet es sich aber doch meist und am allerliebsten, wenn alle Sinne schweigen und in stiller Aufmerksamkeit in den Grund der Seele einwärts gekehrt sind. Wie die Erfahrung lehrt, geschieht dies in der ohnehin stillen und geschlossenen Nacht viel leichter als am offenen, gleichsam alles eröffnenden und vor die Sinne legenden Tag. So trägt denn auch ein einsamer und abgeschiedener Ort, besonders am Anfang, viel dazu bei.
24. So sollte es noch besser im Schlaf selbst geschehen können?
Da geschieht es auch bei denen, die dem Herrn ihren Schlaf in
der Wahrheit heiligen und ihr Herz auch im Schlafe zu Ihm wachen lassen; wobei
Wachsamkeit und innerste Aufmerksamkeit allerdings nötig sind. Hiob 33, 15-30.
25. Wie kann man aber gewiß und versichert sein, daß es wahrhaft das Wort des lebendigen Gottes ist, das man hört?
So wie die Propheten und Apostel des göttlichen Wortes in
sich gewiß waren, so gewiß man der An- und Einsprache seines eigenen Gewissens
ist und sein kann, ja so gewiß ein Kind Gottes der Erhörung seines Gebetes,
der Innewohnung Christi und des Zeugnisses des heiligen Geistes von seiner
Kindschaft in sich ist: so gewiß kann man auch dessen in sich sein und bleiben.
Denn es bezeugt und rechtfertigt sich selbst im Herzen derer, die es hören,
gegen alle Ein- und Widersprüche der Vernunft und falschen, bösen Geister, so
daß man getrost und freudig mit Paulus sagen kann: „Ich weiß, an wen ich
glaube“. 2. Tim. 1, 12.
26. Wie kommt man denn zum Hören dieses inneren Wortes, oder wie hat man sich vorzubereiten und anzuschicken, daß man es wahrhaft in sich hören und vernehmen mag?
Die beste und bewährteste Vorbereitung ist, daß man zuvörderst
seinem eigenen gottgeregten Gewissen in allem, was es uns rät oder verbietet,
treu und fleißig nachkommt. Luk. 16, 10-12. Weiter gehört namentlich dazu:
1. Verleugnung und Ablegung der Liebe des Irdischen. Luk. 14,
33.
2. Keuschheit und Mäßigkeit in allen Dingen. Weish. 1, 4-7.
Luk. 21, 34. Röm. 13, 11-14.
3. Rechtschaffene Munterkeit und Wachsamkeit. Psalm 57, 8. 9.
Luk. 12, 35. 36.
4. Unverdrossene Abwartung der Gott gelegenen Zeit und
Offenbarungsstunde. Ps. 25, 5, 27, 14; Jes. 40, 31; Jak. 5, 7. 8.
5. Allermeist aber ein ernstliches und unablässiges inneres
Gebet, das jedoch mehr mit einem steten, stillen und gelassenen Sehnen, Hungern
und Dürsten nach dieser Gnade, als mit vielen Worten geschehen muß. Ps.
42, 2. 3. Weish. 9. Sir. 51, 18. Luk. 11, 9-13.
27. Wie hat man sich nun in der äußeren Stellung und Beherrschung seines Leibes zu verhalten?
Anfangs ist es sehr gut, wenn man sich dabei im Verborgenen
niedersetzt (5. Mos. 33, 3; Luk. 10, 39) oder kniet (4. Mos. 24, 4; Ps. 95, 6)
oder legt (Ps. 63, 7; 139, 3), je nachdem man es zur Sammlung und Beruhigung
seiner Sinne am besten findet. Dabei hat man sich aber vor Schläfrigkeit,
fremden Bildern und Gedanken wohl zu verwahren und ernstlich dagegen zu kämpfen.
Sir. 23, 2. 4; Esr. 14, 14.
28. Wie hat man dabei seine inneren Sinne und Gedanken zu regieren? Hat man sie etwa in allerhand aufsteigende Betrachtungen über Gott und göttliche Dinge zu führen und also mehr im Haupte als im Herzen zu wirken?
Zu einiger Vorbereitung können solche Betrachtungen wohl nützlich
sein. Sir. 6, 37. Je näher man aber dem Gehör des inneren Wortes kommen will,
desto mehr muß man auch seine inneren Sinne gefangennehmen und zusammenhalten
(2. Kor. 10, 7. Phil. 4, 7) und sich damit mit tiefster, auch innerlicher
Beugung und Demütigung in den Grund des Herzens versenken, in welches sich das
Wort sonderlich einsät, einschreibt und ausspricht. Jer. 31, 33. Matth. 13, 19.
Mit seiner geistmagnetischen Glaubenskraft und Begierde zieht das Herz das Wort
an und in sich, so wie ein hungriges Kind die Milch aus seiner Mutter Brust (5.
Mos. 11, 18. Ps. 131, .2), aus dem auch unser Wort aufsteigt und geboren wird. Hiob
8, 19. Matth. 12, 34. 35.
29. Wenn man aber trotz all dieser Bezeugungen dennoch nichts vernimmt, - wie hat man solches anzusehen?
Ist dein Herz und deine Bezeugung rechtschaffen, auch deine
Angelegenheit von besonderer Wichtigkeit, so wird sich das Wort des Herrn gewiß
in dir eröffnen, es sei in einer deutlich vernehmbaren Stimme, in heilsamen
Gedanken oder in heiligen Bewegungen, je nachdem es Ihm gefällt und dir zuträglich
ist. Dabei hast du dich aber zu hüten, daß du dir nicht selbst nach eigenem
Willen und Gefallen eine göttliche Antwort bildest, oder von einem fremden und
falschen Geist einbilden lässest. Solltest du aber durchaus nicht vernehmen, so
prüfe dich, ob nicht eine verborgene Schuld das Hindernis sei und du noch eine
heimlich herrschende Sünde in dir trägst, die dich von Gott scheidet, und die
du auch sogleich durch gründliche Demütigung des Herzens, Bekenntnis und Buße
abzutun hast. Jes. 1, 12-18. Offb. 3, 14-19. Und wenn dies schon nicht zuträfe,
oder wenn auch darauf nichts erfolgen sollte, so denke getrost, daß dich Gott
nur prüfe, ob du auch in der Einkehr und Zugekehrtheit zu Ihm und im wahren
Geistesgebet an- und aushalten, ja ob du auch ohne geistliches Gefühl Ihm
vertrauen und Ihn für deinen Gott halten wollest. Ps. 22, 2-6. Werde sonach nur
nicht müde, dich stets zu Ihm einzuwenden. Er wird sich dir schon zu rechter
Zeit mit Seinem Wort der Gnade und Liebe in deinem Innern offenbaren. Ps. 25, 3.
34, 11. 42, 12. Habak. 2, 3. 4. Sir. 6, 18-37. Laß dir inzwischen an dieser
Gnade genügen: daß du dich gleichwohl zu Ihm als ein Kind zu seinem Vater
wenden und Ihn mit deinem Sehnen getrost angehen darfst. Und sei versichert, daß
Er, ob Er sich schon diesmal vor dir verbirgt, dennoch dein Sehnen und Verlangen
hört, ja selbst in dir wirkt, erweckt und schärft und sich also solches
wohlgefallen läßt. Spr.2, 3-6. Hohel. 3, 1-4. Röm. 8, 26. 27.
30. Du sagst, man soll sich davor hüten, sich eine göttliche Antwort vom eigenen oder einem fremden Geist einbilden zu lassen. Wie kann man denn die Stimme des eigenen oder eines sich verstellenden bösen Geistes von der Stimme Gottes in sich unterscheiden?
Die Stimme des eigenen Geistes (d. h. der eigenen,
unvollkommenen Seele) gibt sich genügend zu erkennen, indem sie gemeinhin aus
ungeduldiger Eigenliebe von uns selbst in unsern Sinnen geformt und ausgedrückt
wird und das Herz unvergnügt läßt. Ezech. 13, 2-6. Kol. 2, 18. Sir. 34, 3.
Was aber die Stimme des Feindes anlangt: er mag sich
verstellen wie er will, so ergeht sie doch niemals (wie die Stimme Gottes) im
Grunde des Herzens, worein er sich (als in den eigentlichen Sitz und Wohnung
Gottes) auf keinen Fall einschleichen darf noch kann, sondern nur in die
Vorkammer der Sinne. Zudem ist sie kalt, ungeschmack und unkräftig; hingegen
die Stimme Gottes voller Macht, Kraft und Nachdruck. Jene läßt das Herz leer,
finster, trocken, dürr, hart und ungebessert; hingegen bringt die Stimme Gottes
jederzeit einen gnädigen Regen und Segen zur wahrhaftigen und täglichen
Besserung und Erquickung mit sich, oder zieht ihn nach sich. Psalm 68, 10. Offb.
3, 20. Und wenngleich jene zuweilen eine Lust und Ergötzlichkeit mit sich zu führen
scheint, so ist es doch nur ein Blendwerk und Kitzel der Phantasie und erweckt
hernach nichts als Unlust, Bitterkeit und Betrübnis. Falsche Stimmen kann man
sonach wohl von der Stimme Gottes unterscheiden, wenn man die Stimme Gottes nur
jemals wahrhaft in sich gehört und gefühlt hat. Joh. 8, 42-47. 1. Joh. 4, 1-6.
31. Ist es aber genug, daß man das Wort des Herrn in sich hört, und darf man es dabei bewenden lassen?
Nein, sondern man muß dem, was man von ihm zu seiner
Unterweisung gehört hat, auch treu und mit großem Fleiß nachkommen und darin
beständig fortfahren, will man diese
Gnade nicht wieder verlieren. Jak. 1, 21-25. Joh. 7, 37. 8,
31. 32. 15, 4-7. Was jedoch den Gott liebenden Seelen um so viel leichter ist,
als dieses Wort alle dazu nötige Kraft in sich führt und mit sich bringt. Joh.
6, 63. Phil. 4, 13.
32. Was hat man denn davon, wenn man dieses Wort in sich hört?
All das Gute, das die ganze heilige Schrift und besonders der
19. und der 119. Psalm (die vornehmlich vom inneren Worte handeln) vom Wort und
Gesetz Gottes aussprechen, und was Salomo und Sirach von der göttlichen
Weisheit als dem Quellgrund dieses Wortes zeugen. Sprüche 3, 13-26. 8. Weish.
6, 13, Kap. 7, 8, 9, 10. Sir.4, 12 bis Kap. 6, 18-37, Kap. 14, 21, Kap. 15,
1-10, Kap. 24. 51, 18. 5. Mos. 4, 33, 36. Kap. 5, 24. Baruch 5, 20 usw.
33. Ich möchte solches gerne etwas genauer wissen!
Du magst sein in welchem Stande, Alter oder Anliegen du nur
immer willst, so wird dich solches allzeit unterweisen, was du tun und
unterlassen sollst, und dich lehren und führen, wie es dir am nötigsten und
seligsten ist und sein wird.
Im Regentenstand wird es dich lehren, die besten Verfassungen
in deinem Ort und Land zu machen und zu unterhalten, auch alle zweifelhaften
Rechts- und Gerichtsfälle auf das beste und gründlichste zu unterscheiden. Spr.
8, 14-16. 1. Kön. 3, 16.
Im Lehrstand wird es dich gelehrter machen als alle deine
Lehrer. Es wird dir ohne Mühe und Überlegung deiner Sinne sagen und in den
Mund geben, was du zu heilsamer Überzeugung dieser oder jener Seele reden
sollst; ja es wird dich auch lehren, alle Geister gründlich und untrüglich zu
prüfen und zu unterscheiden usw. - und so einen wahrhaftigen Propheten,
Priester und Gottesfreund aus dir machen. Ps.
119, 99. Sir. 39, 1. Matth. 16, 19. 20. Joh. 7, 38.
Im Hausstand oder täglichen Leben wird es dich lehren, Frau,
Kinder und Angestellte göttlich zu leiten, deine Hausund anderen Geschäfte
aufs beste zu ordnen, so daß sie dir an dem steten Umgang mit Gott, also an dem
ewigen Heil dei4er Seele kein Hindernis sind. Hiob 29. Weish. 7, 16-21. Sir.
14,21-27.
In Summa: Es wird dich in guten und gesunden Tagen lehren,
allenthalben und bei allem, vor, in und mit Gott zu wandeln (1. Mos. 17, 1), in
Krankheits- und Leidenstagen aber alles mit Geduld und demütiger Gelassenheit
zu ertragen. Hiob 1, 21. 2, 10. Weish. 10. Endlich auch in der letzten Todesnot
die sterbliche Hülle freudig abzulegen und in deinen ewigen Ursprung frei und
siegreich wieder einzugehen. Weish. 9, 13-19. Luk. 2, 25-32. - All dies und noch
mehr, als sich mit Menschen- oder Engelzungen aussprechen läßt, hat man von
diesem Wort: also wahrhaft einen Vorgeschmack des ewigen Lebens, wo eine selige
Seele Gott lauter und aufs trauteste und vollkommenste in sich sehen und hören
wird. 1. Joh. 3, 1. 2. 1.
Kor. 15, 28.
34. Warum ist dieses Wort sowohl früher als auch heute so
unbekannt geblieben?
Weil der gefallene Mensch, als er sich durch Betrug und Einflüsterung der höllischen Schlange vom lebendigen Gott und dessen wahrhaftigem Wort in sich abgewandt und der Kreatur zugewandt hatte, lieber alles mit Erweiterung seiner Sinne außer sich, als mit Verleugnung und Einziehung der Sinne sein Heil in sich hat wieder suchen wollen. Dazu haben blinde und verführerische Lehrer und Leiter viel beigetragen, die das arme Volk nur auf das Äußere wiesen. (Jer. 7, 3. 4. Kap. 8, 8. Matth. 15, 1-20. Diejenigen aber, die auf das innere Wort und Kraftwesen in der Tat und Wahrheit drangen, haben sie verketzert und verfolgt (Jer. 26, 7. Kap. 43, 2. Weish. 2, 12), bis endlich wegen der großen und fortlaufend steigenden Bosheit und Undankbarkeit das Gericht der Verstockung dazukam, d. h. daß den meisten Menschen das innere Wort verdeckt und entzogen wurde. Bis zu dieser letzten, aufgehenden Gnaden- und Wiederbringungszeit sind sie in ihrer Blindheit gelassen worden bis auf einige wenige, die den Herrn noch gleichfort im Verborgenen suchten. Diesen hat Er sich dann auch von Zeit zu Zeit geoffenbart zum Zeugnis, was Er an allen tun könnte und auch tun wollte, so sie Ihn nur nicht selbst daran hinderten. Ps. 25, 14. Matth. 11, 25. 1. Kor. 1, 26.
35. Hebt das innere Wort das äußere der Schrift nicht auf?
Nein, sondern es richtet dasselbe sogar auf, indem beide
harmonieren und übereinstimmen müssen (1. Joh. 1, 1-4), so wie eins aus dem
andern, und zwar dieses aus jenem geflossen ist. 2. Tim. 2, 16.
36. Ist es aber dem Lehr- und Predigtamt nicht nachteilig?
Auch das nicht. Vielmehr kommt es dadurch erst recht zu
seiner einstigen Kraft und Autorität, weil die Lehrer dann nichts reden, was
Jesus Christus und Sein ewiger Geist nicht zuvor in ihnen selbst bezeugt und
versiegelt hat. Röm. 15, 18. 2. Kor. 2, 17.
37. Welchen Vorzug hat denn das innere Wort vor dem äußeren?
Soviel die Quelle vor dem Bächlein, die Seele vor dem Leibe,
ja soviel der Geist vor dem Fleisch oder Buchstaben Vorzug hat. Joh. 5, 37-40.
Kap. 6, 63. 2. Kor. 5, 16.
38. Welchen Vorzug hat es dann vor dem Wort des Gewissens?
Soviel das evangelische Wort der Gnade vor dem Wort des
Gesetzes Vorzug hat. Hebr. 12, 18-25.
39. Welchen Vorzug hat ein Lehrer, der aus dem inneren Wort lehrt vor dem, der allein aus dem äußeren Wort lehrt?
Soviel der, welcher mit eigenen Augen sieht, Vorzug hat vor
dem, der mit fremden Augen sieht. Joh. 3, 11, 32. Kap. 4, 39-42. Kap. 5, 37-44.
Kap. 7, 37-39. 1. Kor. 2, 1-5. Jer. 23, 22.
40. Kann man das innere Wort auch wieder verlieren?
Ja, wenn man seiner Unterweisung nicht von Herzen gehorsam
ist; aber auch aus anderen Ursachen kann es sich eine Zeitlang verbergen und zurückziehen.
41. Und wenn man es verloren hat, kann man es wieder zurückgewinnen?
Ja, wenn man sich nur nicht selbst gefühllos macht und
seinem noch immer ergehenden Anklopfen im Gewissen nicht eigenwillig
widerstrebt, sondern sich in wahrer Herzensbuße und gezeigter Ordnung bald,
weil es „noch heute" heißt (Ps. 95, 8), wieder zu Ihm kehrt und
einwendet. Offb. 3, 19. 20.
Darum heute, o ihr Menschenkinder! - heute, wo ihr solches Wort noch auf eine oder die andere Weise in euch hört oder hören könnt, so verstockt doch eure Herzen nicht! Reißt alle Scheidewände der Sünde und Sinnlichkeit nieder, die euch daran hindern wollen, und ringt mit wahrem Ernst danach, daß ihr einen Zugang zu Ihm gewinnet. Habt ihr aber solchen durch die Gnade Gottes in euch gefunden und Sein liebliches Einsprechen gleich auf welche Weise in euch vernommen, so werdet Ihm ja nicht untreu oder ungehorsam, sondern wendet allen Fleiß daran, daß ihr dem, wozu es euch an- und unterweist, von ganzem Herzen nachlebt. So werdet ihr Ihm immer näher kommen und immer vertraulicher mit Ihm und endlich ganz auf ewig mit Ihm vereinigt werden als mit dem wesenhaften Wort des Vaters. Dieses Wort wird euch dann wieder in Gott einsprechen und einführen, so wie euch Gott durch dasselbe zum Wunder- und Lustspiel Seiner Liebe und Weisheit in diese Welt ausgesprochen hat. Ihm sei dafür Ehre in Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.