Grundlegende Gedanken zum Umgang mit Kritik an der Bibel
Marcel Wildi
1. Vorbemerkungen
1.1 Warum ist die Bibel das meistkritisierte Buch der
Weltgeschichte?
1.2 Die prinzipielle Fragestellung
1.3 Das Kriterienproblem der Bibelkritik
1.4 Menschliche Überheblichkeit
1.5 Jesus und das AT
1.6 Der Lawineneffekt der Bibelkritik
1.7 Das wichtigste Auslegungsprinzip für biblische Texte
2. Entstehung und Eigenart der Bibelkritik
2.1 Der Ursprung der Kritik: die Aufklärung
Die Unterscheidung von Wort Gottes und Heiliger Schrift
2.2 Der Mechanismus der Bibelkritik
2.3 Besonders gefährdete Texte
2.4 Bibelkritik äussert sich vor allem in 3 Punkten
3. Das Problem der Wissenschaftlichkeit
3.1 Wissenschaft ist subjektiv und zeitbedingt
3.2 Kriterien für Wissenschaftlichkeit?
3.3 Zwei verschiedene wissenschaftliche Weltbilder
3.4 Die historisch-kritische Theologie ist unwissenschaftlich
4. Häufige Missverständnisse bezüglich der Bibel
4.1 Bibel und Archäologie
4.2 Glaubwürdigkeit der Bibel und anderer Quellen
4.3 Die Bibel - ein unhistorisches Glaubenszeugnis?
4.4 Die "Knechtsgestalt" der Bibel
4.5 Ist die Bibel zeit- und kulturbedingt?
5. Widersprüche in der Bibel?
6. Das Selbstzeugnis der Bibel
1. Vorbemerkungen
1.1 Das am meisten verkaufte, am meisten gelesene, am häufigsten
übersetzte Buch der Weltgeschichte, die Bibel, ist auch das meistkritisierte!
Warum?
Die Aussagen der Bibel sind und bleiben eine Provokation für jeden Menschen,
deshalb wird sie von den einen geliebt und von den andern gehasst. Der Teufel,
der Vater der Lüge, versucht mit allen Mitteln die Menschen davon abzuhalten,
dem zu glauben, was in der Bibel steht, weil er weiss, dass es die Wahrheit ist,
und dass allein die Bibel den Menschen den Weg zurück in die Gemeinschaft mit
Gott zeigen kann. Dies ist ihm leider recht gut gelungen, vor allem mit Hilfe
der Philosophen und leider auch der Theologen [sh. 2.].
1.2 Die Frage nach der absoluten Glaubwürdigkeit der Bibel ist von entscheidender Bedeutung. Es geht um die grundlegende Frage, ob das Wort Gottes prinzipiell irrtumslos und damit vertrauenswürdig ist oder nicht. Es geht darum, wie sicher und verlässlich das Fundament ist, auf dem unser christlicher Glaube und damit unser ewiges Leben ruht. Wie soll ich meines Glaubens sicher sein, wenn ich annehmen muss, dass gewisse Dinge in der Bibel nicht stimmen? Woher weiss ich dann, was stimmt und was nicht? Welches wäre der Massstab zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit dieser und der Unglaubwürdigkeit jener Stelle?
1.3 Die Hauptschwierigkeit, wenn ich die Bibel nicht in jedem
Punkt, im vollen Umfang und in jeder Hinsicht als irrtumslos und zuverlässig
akzeptiere, ist folgende: Wer gibt mir auf Grund welcher Autorität welche
Kriterien, um entscheiden zu können, was nun an der Bibel wahr sein darf, was
hingegen nur sinnbildlich, aber nicht historisch zu verstehen ist, und was überhaupt
nur mythologischen, märchenhaften oder legendären Charakter hat? Diese
Versuche, die Bibel zu kritisieren oder ein eigentliches Evangelium im
Evangelium („Kanon im Kanon“) herauszukristallisieren, führen in die totale
Subjektivität und Beliebigkeit, weil es diesen geforderten Massstab nicht gibt,
nicht geben kann. Jeder bastelt sich so seine eigene Glaubensgrundlage zurecht.
1.4 Wo Menschen anfangen, darüber zu urteilen, welche Teile der Bibel wahr sein können und welche nicht, erheben sie sich über Gott. Sie machen sich zum Richter über das, was Gott gesagt hat. Die Geschöpfe stellen sich über den Schöpfer. Diese Selbstüberhebung war der Grund von Satans Fall (Jes.14,12-15) und der Grund des menschlichen Sündenfalls im Paradies (1.Mose 3,5-6).
1.5 Jesus, der Sohn Gottes, hat das Alte Testament (AT) nie
kritisiert, korrigiert oder auch nur irgendwie in Frage gestellt, sondern immer
vollumfänglich bestätigt, z.B. die Schöpfung (1.Mose 1,27; 2,24 ->
Matth.19,4-5); Noah und die Sintflut (1.Mose 6-9 -> Matth.24,37-39); Jona
(-> Matth.12,39-41); Abraham (1.Mose 15,5 -> Joh.8,37); Mose und seine 5 Bücher
(-> Joh.5,46-47); die Königin von Saba und Salomo (2.Kön.10 ->
Matth.12,42) etc, etc. Genau gleich war die Haltung der Apostel (auf Beispiele
verzichte ich hier).
Wollen wir, die Geschöpfe eine andere Einstellung zur „Heiligen Schrift“
haben als unser Schöpfer und Erlöser, der Sohn Gottes?
1.6 Wo einmal angefangen wird, die Bibel zu kritisieren, ihre
Wahrheit in irgendeinem Punkt in Frage zu stellen (z.B. in irgendeinem
Lebensbericht eines israelitischen Königs oder beim Auszug des Volkes Israel
aus Ägypten), beginnt ein Prozess der ständigen Zunahme der Kritik, bis
schliesslich Jesus nicht mehr Gottes Sohn ist, sondern nur noch ein Mensch, bis
es keine Sünde mehr gibt und deshalb ein Sterben des Gottessohnes am Kreuz
nicht mehr nötig ist, bis Jesus nur noch ein Liebe verkündender
Sozialrevolutionär
ist. Die Kritik bekommt eine Eigendynamik, es entsteht eine lawinenartige Abwärtsbewegung,
bis schliesslich fast nichts mehr vorhanden ist. Die Kirchen- und
Theologiegeschichte hat dies zur Genüge gezeigt [vgl. 2.].
1.7 Das wichtigste Auslegungsprinzip für biblische Texte heisst deshalb: Ein Bibeltext ist wörtlich und historisch zu verstehen, solange der Kontext nicht ausdrücklich dagegen spricht. [Ausführlicher äussere ich mich zu den Auslegungskriterien in meinem Artikel „Prinzipien der Bibelauslegung“]
2. Die Bibelkritik: Entstehung und Eigenart
2.1 Bibelkritik gibt es schon so lange, wie es die Bibel oder
Teile davon gibt. Bereits im 2.Jh. n.Chr. mussten sich die christlichen
Apologeten (Verteidiger des Glaubens) gegen Vorwürfe gegen den christlichen
Glauben und gegen die Bibel wehren. So richtig setzte die Kritik an der Bibel
aber erst mit dem Zeitalter der Aufklärung (Mitte 18.Jh.) ein. Der einzelne
Mensch wird selbständiger, die Technik kommt langsam auf. Die Vernunft des
Menschen wird immer wichtiger und bald einmal als seine grösste Fähigkeit
angesehen. Der Mensch rückt ins Zentrum allen Geschehens und Seins, das
Transzendente, das Jenseitige tritt in den Hintergrund, verliert an Bedeutung.
So formuliert Immanuel Kant (1724-1804): „infinitum non capax infiniti“
(„das Endliche ist nicht fähig, das Unendliche zu erfassen“). Das war von
ihm allerdings noch nicht negativ gemeint, denn die „Nichtexistenz Gottes“
ist nach Kant „nicht beweisbar“, genauso wenig wie seine Existenz.
Damit hat er an sich natürlich Recht, denn wir Menschen können von uns aus
wirklich nichts über Gott aussagen; wir wissen von ihm nur, was Er selber uns
(in der Bibel) über sich offenbart hat. Das ist unsere einzige Chance, etwas
Verlässliches über Gott zu erfahren, seine Selbstoffenbarung. Wenn wir
allerdings diese Möglichkeit ausschliessen, dann bleiben wir tatsächlich im
Nebel der Unkenntnis und Unsicherheit stecken.
Kants Zeitgenosse Johann Salomo Semler (1725-1791;
Theologieprofessor in Halle) ist der eigentliche Begründer der Bibelkritik,
weil er zwischen „Wort Gottes“ und „Heiliger Schrift“ zu unterscheiden
begann. „Wort Gottes“ innerhalb der „Heiligen Schrift“ war dabei vor
allem, was (ganz der Philosophie der Aufklärung entsprechend) zur sittlichen
Besserung des Menschen dient. Was dieser nicht dienlich war, wurde zum
„Menschenwort“ innerhalb der „Heiligen Schrift“ degradiert und für
nicht verbindlich erklärt. Im Laufe der Zeit und Theologiegeschichte hat sich
dann natürlich ständig verändert, was Gottes- und was Menschenwort in der
Bibel sei, je nach gerade herrschender philosophischer oder ideologischer
Modeströmung.
Die Entwicklung, die unter anderem Kant und Semler ins Rollen brachten, konnte
nicht mehr gestoppt werden. Es war nahe liegend, etwas später zu sagen, dass
die Existenz Gottes nicht beweisbar sei. Dies ist ja an sich richtig, nur wurden
daraus ganz falsche Schlüsse gezogen. Aus der Nichtbeweisbarkeit Gottes ergaben
sich hauptsächlich drei verhängnisvolle ideologische Entwicklungslinien:
a) Nur was mit der menschlichen Vernunft oder den fünf
Sinnen erkannt werden kann, hat in der Religion Platz („ich glaube, was ich
sehe“). So sagte beispielsweise Rudolf Bultmann (1884-1976), der die Bibel
„entmythologisierte“: "Man kann nicht elektrisches Licht und
Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische
Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des
Neuen Testaments glauben."
b) Religion ist nur ein Gefühl (so der deutsche Theologieprofessor Friedrich
Schleiermacher, 1768-1834, und die meisten Theologen, Philosophen und
Psychologen bis heute).
c) Es gibt überhaupt keinen Gott (= Atheismus, z.B. Karl Marx, 1818-1883).
Die entscheidenden Impulse bei der Entwicklung der Bibelkritik gingen dabei meistens von den Philosophen aus. Die Theologen zogen dann etwas später nach.
2.2 Es ist wichtig, den Mechanismus der Entstehung von
bibelkritischen Äusserungen zu kennen und zu durchschauen. Er geht
folgendermassen:
1. Auf Grund der ideologischen Vorurteile [sh. 2.1 und 2.3] wird ein Bericht in
der Bibel abgelehnt.
2. Dann werden Gründe gesucht, mit denen man die Ablehnung plausibel zu machen
versucht (z.B. verschiedene Sprachstile in den verschiedenen Paulusbriefen oder
innerhalb des Jesajabuches).
3. Schliesslich wird die Sache so dargestellt, als ob die "Gründe"
die Ablehnung nahe legten oder geradezu erforderlich machten, und nicht die
Vorurteile.
2.3 Besonders gefährdet für Kritik sind dabei (wie sich aus der Überbetonung der Vernunft und der weltimmanenten Naturwissenschaft [vgl. 3.] ergibt) hauptsächlich Texte mit folgendem Inhalt:
a) Wunder
So z.B. Krankenheilungen, Dämonenaustreibungen, Naturwunder von Jesus und auch
den Aposteln; die Jungfrauengeburt; Engelserscheinungen. Dagegen werden die
alttestamentlichen Geschichtsabschnitte aus der Königszeit weniger in Frage
gestellt, weil in diesen Texten fast nichts Übernatürliches vorkommt, sondern
reine Politik.
b) Prophezeiungen
So wird z.B. das Buch des Propheten Jesaja (Berufung spätestens im Jahr 736
v.Chr.), ganz grob gesagt, aufgespalten in Jesaja, Deuterojesaja und Tritojesaja,
weil Jesaja im dritten Drittel seines Buches ganz genaue prophetische Angaben über
das erst gut 100 Jahre nach seinem Tod beginnende babylonische Exil Judas macht
(ab 597 v.Chr.) und sogar den Namen des persischen Königs (Cyrus) nennt, der
das Exil 538 v.Chr. offiziell beendet. Deshalb werden diese Passagen einfach in
die Zeit des zu Ende gehenden Exils datiert und anderen unbekannten Propheten (Deuterojesaja,
Tritojesaja) in den Mund gelegt. Nachträglich wird nun mit (fadenscheinigen,
aber genaueren Prüfungen nicht Stand haltenden) sprachlichen Argumenten
versucht, diese Spaltung zu begründen.
c) Heilsbedeutende Tatsachen
Hierzu gehört alles, was mit Sünde, Hölle, Teufel, Gottheit Jesu,
stellvertretendem Kreuzestod, Auferstehung, Wiederkunft Jesu, 1000-jährigem
Reich, Jüngstem Gericht, u.ä. zu tun hat.
2.4 Bibelkritik zeigt sich vor allem in folgenden 3 Punkten:
a) Datierung und Verfasserschaft:
- z.B. Deuteropaulinen: Paulusbriefe, die nicht von Paulus sein sollen, sondern
z.B. von einem Schüler von ihm erst einige Jahrzehnte nach seinem Tod
geschrieben worden seien und darum historisch nicht mehr zuverlässig seien.
Ihre Aussagen werden zu urchristlicher Tradition degradiert, statt dass sie
verbindliche Offenbarung Gottes sind.
- z.B. Mosebücher: J (Jahwist), E (Elohist), D (Deuteronomium) und P (Priesterschrift)seien
die hauptsächlichen Quellen, aus denen der Pentateuch (= 5 Bücher Mose) von
mehreren Redaktoren zusammengesetzt worden sei. Die Mosebücher seien also nicht
im 15.Jh. v.Chr. zur Zeit von Israels Wüstenwanderung entstanden, sondern in
einem Zeitraum zwischen den ersten Königen (um 1000 v.Chr.) und nach dem Exil
(um 500 v.Chr.). Dabei hat man bis heute neben den Dutzenden zusammenhängenden
Pentateuch-Manuskripten noch keine einzige dieser einzelnen Quellen in
schriftlicher Form gefunden!
b) Historische und naturwissenschaftliche Glaubwürdigkeit
Berichte in der Bibel seien entweder nicht historisch oder stimmten mit der
Erkenntnis der modernen Naturwissenschaft nicht überein. Sie werden zu
symbolischen "Bildern", "Mythen", "Legenden",
"Märchen", „ätiologischen Sagen“ (eine erfundene Geschichte, die
in späterer Zeit z.B. die Herkunft eines Namens zu erklären versucht), reinen
"Glaubenszeugnissen" oder "persönlichen
Glaubenserfahrungen" aus alter Zeit.
c) Situationsbedingtheit
Diese Art der Kritik ist zwar die am wenigsten radikale, aber nichtsdestotrotz
prinzipiell fragwürdig und gefährlich. Sie rüttelt nicht an den
entscheidenden Aussagen der Bibel wie z.B. über die Natur von Jesus Christus
und die historische Tatsache und theologische Bedeutung seines Todes und seiner
Auferstehung, aber sie behauptet von Passagen, die nicht zum ethischen Denken
der Gegenwart passen, sie seien zeitbedingt, d.h. heute überholt und deshalb
nicht mehr gültig (wie beispielsweise Aussagen über die Stellung von Mann und
Frau, über den Umgang mit der Sexualität oder der Ehescheidung).
Nebenbei: Vorsicht mit Bemerkungen und Erklärungen in den meisten Bibeln. Sie
sind oft auch geprägt von der historisch-kritischen Theologie, z.B. bei den
Zeittafeln im Anhang.
3. Das Problem der Wissenschaftlichkeit
3.1 Die Unglaubwürdigkeit der Bibel wird heutzutage immer
wieder mit den Resultaten der modernen Wissenschaften begründet. Aber: Die
Wissenschaft ist nicht das Mass aller Dinge, wie sie immer meint. Wissenschaft
ist subjektiv und zeitbedingt, nicht objektiv und zeitlos.
Ein Beispiel: Zur Zeit der beginnenden Bibelkritik glaubte man, dass die
Menschen zur Zeit der ersten israelitischen Könige (um 1000 v.Chr.) noch nicht
schreiben konnten. Dementsprechend datierte man alle Bücher des Alten
Testaments in die Zeit nach 1000 v.Chr. um. Bücher, von denen man bisher ohne
Weiteres glaubte, dass sie in einer Zeit vor den Königen geschrieben worden
waren (so etwa der Pentateuch Moses um 1400 v.Chr). Man meinte dabei natürlich,
sie jetzt als unhistorisch betrachten zu können, weil so auf einmal mehrere
Jahrhunderte zwischen einem Ereignis und seiner Niederschrift lagen. Heute weiss
man, dass bereits um 3000 v.Chr. eine Hochblüte des Schreibens herrschte.
Leider wurden die theologischen Schlüsse, die man damals gezogen hatte, im
grossen Ganzen nicht dementsprechend korrigiert.
3.2 Kriterien, ob heute etwas als wissenschaftlich bewiesen
angesehen werden kann oder nicht:
a) Ein Ereignis muss, von allen ersichtliche, innerweltliche Entstehungsgründe
haben
b) Ein Ereignis muss jederzeit wiederholbar sein
c) Ein Ereignis muss mit innerweltlichen Methoden überprüfbar sein
Diese Kriterien, so hilfreich sie für die Physik oder Chemie
auch sein mögen, sind natürlich bei praktisch allen grundlegenden Inhalten des
christlichen oder eines anderen Glaubens nicht anwendbar.
Es sind offensichtlich alles von der Ideologie der Aufklärung [sh. 2.1] geprägte
und deshalb eingeschränkte Kriterien. Die Aufklärung geht von einem auf die
reine Weltimmanenz eingeschränkten Weltbild aus. Die Bibel, die allermeisten
Religionen oder die Esoterik dagegen haben ein zum Transzendenten
(Metaphysischen, Übernatürlichen, Göttlichen) hin offenes Weltbild. Dieses
Weltbild ist zwar anders, aber genauso wissenschaftlich.
Beide Weltbilder sind genauso wissenschaftlich oder unwissenschaftlich; ihre
Wissenschaftlichkeit ist nur verschieden definiert. Deshalb ist weder das eine
Weltverständnis noch das andere letztlich zu beweisen. Sowohl das eine als auch
das andere kann nur geglaubt werden. Das transzendente (biblische) Weltbild ist
offener und deshalb realistischer. Auch die Erfahrung von Millionen von
Christen, die Gottes übernatürliches Eingreifen schon erlebt haben, bestätigen
das zweite.
3.3 Es gibt viele Dinge, die wissenschaftlich richtig sind, auch wenn sie nicht in „wissenschaftlicher Form“ aufgeschrieben sind (z.B. der Schöpfungs- oder der Sintflutbericht). Ob ich den Hergang eines Autounfalls im Stile eines Polizeirapportes oder in Gedichtform aufschreibe, ist eine Formfrage, hat aber keinen Einfluss auf seinen Wahrheitsgehalt.
3.4 Die so genannte „historisch-kritische Theologie“ arbeitet in Wirklichkeit entgegen ihrer Selbstbehauptung unwissenschaftlich. Sie behandelt die Bibel eben gerade nicht wie jedes andere Buch der Weltgeschichte, wie sie dauernd behauptet. Ganz im Gegenteil. In der Rechtssprechung gibt es das Prinzip: Ein Angeklagter gilt so lange als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. Einen ähnlichen Satz kennen auch die Altertumswissenschaften, die Altphilologie eingeschlossen: Ein Fundstück (z.B. eine literarische Vorlage) gilt so lange als authentisch, bis seine Nichtauthentizität bewiesen ist. Wenn Philologen, Archäologen, Historiker oder Altorientalisten sehen, wie schnell Theologen von einem Paulusbrief sagen, er sei nicht von Paulus, obwohl es mehrmals im Text drinsteht, oder von einem Psalm, er sei nicht von David, obwohl in der Überschrift in allen verfügbaren Handschriften sein Name vorkommt, so kommen sie doch ins Staunen. Die „historisch-kritische Theologie“ geht mit ideologischen Vorurteilen an ihre Texte heran. Sie verkennt und ignoriert die Güte der Überlieferung der biblischen Schriften (im Vergleich zu anderen Werken der Antike).
Nebenbei: Öffentliche Schulen sind in den naturwissenschaftlichen Fragen fast immer viele Jahre hintendrein. Dies zeigt sich u.a. im Biologieunterricht in den angeführten Gründen für die Evolutionshypothese oder eben auch in den Argumenten, mit denen die Bibel kritisiert wird (seien sie sprachlicher, archäologischer, naturwissenschaftlicher oder religionsgeschichtlicher Art).
4. Häufige Missverständnisse bezüglich der Bibel
4.1 Es wird behauptet, als wahr könne etwas in der Bibel erst gelten, wenn es durch Funde aus der Umwelt bestätigt werden könne (also archäologische oder literarische Funde). Das heisst: Die Aussage der Bibel ist erst dann wahr, wenn sie von ausserhalb der Bibel bewiesen werden kann. Das Wort Gottes sei nicht an sich ("per se") wahr. Beispiel: Der Bericht Josuas in Jos.7,2 wird als historisch falsch angeschaut, da man die dort erwähnte Stadt Ai bei Ausgrabungen bis heute (noch!) nicht gefunden hat.
Antwort: Diese Ansicht ist von ideologischen Vorurteilen
behaftet und kann deshalb als unwissenschaftlich und nicht kompetent für dieses
Problem angesehen werden. Das Beispiel Ai ist ausserdem ein klassisches „argumentum
e silentio“ (ein Argument aus dem Schweigen), das, bekanntlich und für jeden
einsichtig, kein stichhaltiges Argument ist (nur weil nirgends schriftlich oder
bildlich festgehalten wurde, dass ich letzen Sommer auf dem Eiffelturm war,
heisst das noch lange nicht, dass ich nicht tatsächlich dort war). Die Bibel
darf einfach kein historisch glaubwürdiges Buch sein! Eine Ausgrabung von ein
paar geschichteten Steinen dagegen, die man so oder anders interpretieren kann,
würde als wissenschaftlicher Beweis gelten.
Die Bibel ist als geoffenbartes Wort Gottes (nach ihrem eigenen Anspruch [sh.
6.]) an sich wahr und als solches nicht beweisbedürftig aus anderen Quellen. Im
Gegenteil, andere Quellen sind anhand der Bibel auf ihre Wahrheit hin zu prüfen.
Im Mindesten aber muss die Bibel als eigenständige historische Quelle
gleichberechtigt mit anderen Quellen angeschaut werden.
4.2 Es wird behauptet, wenn sich Aussagen der Bibel und der Umwelt (etwa eines andern antiken Schriftstellers) widersprechen, dann sei die Wahrheit nicht in der Bibel zu finden. Bsp.: Die (scheinbar) widersprüchlichen Erwähnungen über die Volkszählung des Augustus von Lukas und ausserbiblischen (z.B. römischen oder jüdischen Quellen). Der Bibel wird in so einem Fall vorgeworfen, ihre Schriftsteller würden Fakten zu ihren eigenen ideologischen Gunsten umändern, sie seien „Tendenzschriftsteller“.
Antwort: Dass auch viele ausserbiblische Quellen nachweislich
tendenziös sind, steht merkwürdigerweise meistens nicht im Blickfeld der
historisch-kritischen Theologen.
Es wird oft zu wenig beachtet, dass es von biblischen Texten Tausende, beinahe
identische Handschriften gibt (zeitlich teilweise nur einige Jahrzehnte von
ihrem Original getrennt), von ausserbiblischen Schriftstellern dagegen meist nur
einige wenige, teilweise stark widersprüchliche oder lückenhafte und zeitlich
durch Jahrhunderte vom Original getrennte Abschriften. Bsp.: Die Pilatusbriefe
gibt es in einer einzigen Abschriftensammlung aus dem 7. oder 8. Jh. und doch
gibt ihnen der Herausgeber punkto Glaubwürdigkeit bei der Darstellung der
Geschehnisse rund um Jesus grösseres Gewicht als den vielen identischen
Bibelhandschriften aus dem 2.-4. Jahrhundert.
4.3 Es wird behauptet, die Bibel wolle nur ein
Glaubenszeugnis sein und sei deshalb an historischer Wahrheit nicht
interessiert.
Antwort: Die Bibel ist ein Glaubenszeugnis und will gerade deshalb historisch
wahr sein, weil der christl. Glaube ein Glaube ist, der auf historisch
vorgefallenen Tatsachen beruht. Darum sagt z.B. Paulus in 1.Kor.15,14:
"Wenn aber Christus nicht auferstanden ist, so ist unsere Predigt ohne
Grund, ohne Grund aber auch euer Glaube".
Lk.1,1-4: "Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den
Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die
überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen
sind, schien es auch mir gut, der ich allem von Anfang an genau nachgegangen
bin, es dir, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung (oder: der Reihe nach)
aufzuschreiben, damit du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du
unterrichtet worden bist."
Wie könnte Paulus in 1.Kor.15,6 rund 500 grösstenteils noch lebende
Augenzeugen des Auferstanden Jesus zu erwähnen wagen, wenn die Auferstehung
Jesu niemals historisch stattgefunden hätte. Es wäre für die
Christentumsgegner ein leichtes gewesen, ihn als Lügner zu entlarven.
1.Joh.1,1-3: "Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren
Augen gesehen, was wir angeschaut und unsere Hände betastet haben vom Wort des
Lebens - und das Leben ist geoffenbart worden, und wir haben gesehen und
bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns
geoffenbart worden ist - was wir also gesehen und gehört haben, verkündigen
wir auch euch."
4.4 Es wird behauptet, die Bibel sei uns nur in der sog. „Knechtsgestalt“ gegeben. Dieser Begriff wird aus Jes.53 übernommen, wo er sich allerdings auf den kommenden Messias, auf Jesus Christus, bezieht. Man meint damit: Wenn Gott sich den Menschen in sprachlicher Form mitteilt, dann könne dies nur geschehen, indem er die sprachlich-menschliche Unzulänglichkeit in Kauf nehme. Mit andern Worten: Gott sei nicht fähig, uns Menschen mit menschlichen Methoden etwas weiterzugeben, ohne dass er dabei Fehler vermeiden kann. Andere interpretieren die „Knechtsgestalt“ sogar so, dass Gott es gar nicht gewollt habe, uns Menschen eine irrtumslose Schrift zu geben. Dies sei eine besondere Form der Herablassung Gottes in unsere Welt und geradezu das Wunderbare an der Bibel.
Antwort: Die „Knechtsgestalt“ gilt nur für Jesus selber,
der als Gott ein Mensch (= Knecht) wurde. Aber selbst als ein Mensch blieb er
ohne Sünden, ohne Fehler. Wenn man also schon diesen ungerechtfertigen Übertragungsversuch
auf die Bibel macht, dann erhält man aus dem Vergleich mit Jesus immer noch
eine irrtumsfreie Schrift.
Die Bibel selber spricht nirgends in diesem Sinne über sich selbst, ganz im
Gegenteil [sh. dazu die angeführten Bibelstellen in 6.].
Auch hier stellt sich ausserdem wieder die Frage, die in 1.3 schon aufkam: Wer
kann mir aufgrund welcher objektiven Kriterien sagen, welche Bibelverse denn nun
zu den Stellen gehören, die Gott irrtumslos haben wollte oder konnte, und
welche nicht?
4.5 Es wird behauptet, die Bibel sei zeit- und kulturbedingt. Gewisse Aussagen in ihr seien deshalb:
a) wissenschaftlich überholt. So wird der Bibel im Alten Testament z.B. ein geozentrisches, dreistöckiges Käseglocken-Weltbild unterschoben, da es in einer Zeit entstand, als die Völker rund um Israel herum ein solches Weltbild hatten.
Antwort: In der Bibel kann man bei vorurteilsfreiem Lesen dieses Weltbild nirgends finden. Im Gegenteil: die Schriftsteller des Alten Testaments überraschen immer wieder mit „modernen“ Kenntnissen, die man ihnen eigentlich gar nicht zugetraut hätte.
b) heute nicht mehr gültig, da wir in einer anderen Zeit und Kultur lebten und die Dinge eben nicht mehr gleich verständen wie damals. Der Massstab für die Gültigkeit einer biblischen Aussage sei nicht ihre wörtliche, sondern ihre sinngemässe, dem Evangelium Jesu oder der Liebe Jesu entsprechende Auslegung. So gälte zum Beispiel die Ablehnung des Geschlechtsverkehrs ausserhalb der Ehe heute nicht mehr, da Jesus ja alle Menschen liebe, und folglich auch niemand ein Recht habe, diese Menschen wegen ihres sexuellen Verhaltens zu verurteilen, das heute allgemein anders beurteilt werde.
Antwort: Auch hier wieder die Frage: Woher nehme ich mir das Recht und die Kompetenz, darüber zu urteilen, was denn nun zeit- und kulturbedingt, und was allgemein gültig sei? Mit einer solchen Argumentation kann sich jedermann und jedefrau ihre eigene Bibel zusammenstellen.
5. Widersprüche in der Bibel?
Gibt es, wie so oft behauptet wird, in der Bibel Widersprüche
(vor allem in den Doppelberichten der Geschichtsbücher des Alten Testaments
(Samuel; Könige; Chronik) und in den drei ersten Evangelien)?
Nein! Begründung:
a) Sh. die Bibelstellen unter 6., die die durchgehende und allgemeine Wahrheit der Bibel bezeugen.
b) Verschiedene Berichte können verschiedene Aspekte ein und desselben Ereignisses wiedergeben, die sich ergänzen, nicht aber widersprechen (Bsp.: Die verschiedenen Passions- und Auferstehungspassagen bei den 4 Evangelien).
c) Es sind gar keine widersprüchlichen Angaben über ein und denselben Bericht, sondern es handelt sich um verschiedene Ereignisse. Bsp.: Die Tempelreinigung Jesu in Joh.2,13-25 bei Dienstantritt und in Matth.21,12-17 kurz vor der Kreuzigung; die Speisung der 5000 in Matth.14,13ff und der 4000 in Matth.15,32ff. Hierzu gehören auch die beiden Stammbäume Jesu in Matth.1 und Luk.3: Matth.1 ist der jüdisch-rechtliche von Joseph, Luk.3 ist der biologisch-„geistliche“ von Maria (wegen Ps.132,11).
d) Es gab Fehler bei der Überlieferung des Textes, so dass zwischen einzelnen Handschriften Widersprüche auftraten, die aber in der Urfassung nicht vorhanden waren. Dies kommt im Alten Testament sehr sehr selten und dann besonders bei den Zahlen vor. Dabei ändert sich aber nichts an der prinzipiellen Inspiration und Irrtumslosigkeit des Urtextes.
e) Wir finden keine Lösung. Dies kann es in ganz seltenen Fällen geben, weil unser menschlicher Verstand zu klein ist, um Gottes volle Grösse und gesamte Wirklichkeit erfassen zu können. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Verstand in Demut zu halten und der Bibel (bzw. Gott) zu glauben (z.B. wenn es um die Frage des Zusammenspiels vom freien menschlichen Willen und der Vorsehung Gottes (Prädesetination) geht).
6. Das Selbstzeugnis der Bibel
Zum Schluss: Was sagt die Bibel über sich selber? Wie will sie selber, dass man sie versteht? Einige Bibelstellen in Auswahl:
a) Joh.21,24: "Das ist der Jünger, der dies alles bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist."
b) Joh. 5,46-47: Jesus sagt: "Denn wenn ihr Mose
glaubtet, so würdet ihr mir glauben, denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr
aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?"
Wer dem nicht glaubt, was Mose (und zwar er selber) in seinen 5 Büchern
geschrieben hat (dies gilt vor allem auch für die Urgeschichte in 1.Mose 1-11,
die am meisten bestritten wird), wird früher oder später auch Jesus Christus
ablehnen, und wenn nicht er/sie selber, so doch seine/ihre Nachfolger. Die
Kirchen- und Theologiegeschichte hat es zur Genüge bestätigt. Kritik an der
Glaubwürdigkeit der Bibel begann fast ausnahmslos in den ersten 11 Kapiteln;
aber sie blieb auch fast so ausnahmslos nicht dabei stehen. Wie Recht doch Jesus
hatte.
c) 2.Petr.1,21: "Denn niemals wurde eine Weissagung
durch den Willen eines Menschen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten
Menschen, getrieben vom Heiligen Geist."
und 1.Joh.5,6: "Der Geist ist die Wahrheit."
d) 2.Tim.3,16: "Alle Schrift ist von Gott eingegeben (wörtlich:
vom göttlichen Geist eingehaucht)"
und 4.Mose 23,19: "Gott ist kein Mensch, dass er lüge."
© generell by Pfr. Marcel Wildi,
Heldaustr. 16, CH-9470 Buchs.
Nichtkommerzielles Verwenden und Kopieren unter Wahrung von Form, Inhalt und
Autorenangabe erlaubt.
Quelle: http://www.progenesis.ch/articles/gl_bibelkritik/Wildi_Bibelkritik.html