Zeugnisse über das innere Wort Gottes
Die christlich-mystische Literatur zeugt vielfältig vom inneren Wort Gottes. Hier sind einige Beispiele aufgeführt.
Es ist der innerliche Meister, der lehrt, Christus lehrt, Seine Eingebung lehrt. Wo Seine Eingebung und Seine Salbung nicht ist, da machen die Worte von außen ein vergeblich Geräusch. Der aber, der uns erschaffen und erlöst und durch den Glauben berufen hat und durch Seinen Geist in uns wohnt - wenn der nicht inwendig zu uns redet, so ist vergeblich, viel Wortgeprell zu machen. (Extrakt. Epist. Joh. 5)
Ich will hören, was Gott der Herr in mir redet, spricht der Prophet. Gott redete inwendig in ihm, und die Welt machte ihm auswendig ein Geräusch; so zog er sich ab vom Geräusch der Welt und kehrte sich zu sich selbst und von sich an den, dessen Stimme er inwendig hörte. Ferner spricht er: Gehe nur in dich selbst, denn du kannst Gott nirgends besser finden als in dir selbst. Gehst du in dich selbst, so gehst du in Gott, denn Gott ist in dir. O du edle Seele! O du edle Kreatur! was bemühst du dich doch, außer dir zu suchen den, der wahrhaftig ganz bloß in dir ist. (Schriften, 6. Teil, Pag. 279, üb. Ps. 85)
Nehmet
zu in der Liebe, welche ausgegossen wird in eure Herzen durch den Hl. Geist, der
euch gegeben ist, daß ihr brünstig im Geiste seid und das Geistliche liebet und
das geistliche Licht und die geistliche Stimme, welche die fleischlichen und
tierischen Menschen nicht ertragen können; nicht in einem Zeichen, das in die
leiblichen Augen, noch durch einen Ton, der in die leiblichen Ohren fällt,
sondern durch das inwendige Gesicht und Gehör erkennen möget. Also wird
geschehen, daß ihr solche Dinge, welche der Herr damals nicht hat sagen wollen,
nicht von äußerlichen Lehrern lernen werdet, sondern alle von Gott gelehrt
seid. Hat nun jemand Lust, der wende sich mit Ernst zu Christus und liebe Ihn
von Herzen, so wird er empfangen solche Gabe des Heiligen Geistes; und diese
Salbung wird ihn alsdann alles lehren, daß kein Geist des Irrtums in ihm Platz
hat. (Trakt. 3 in 1. Joh. 1. Kap. 2 und Joh. 16, 12)
Allerdings
müßte inwendig, inwendig in der Wohnung der Gedanken die Wahrheit selbst -
nicht eine hebräische, nicht griechische, nicht lateinische, nicht deutsche
Stimme - ohne die Instrumente des Mundes, der Zunge, ohne Geräusch der Silben
zu mir sprechen: er redet wahr. Dein Wort selbst ist's, welches auch der Anfang
(Urgrund) ist, das auch zu uns redet. Also redet es im Evangelium durch das
Fleisch, und das ist erklungen auswendig in die Ohren der Menschen, daß es
geglaubt und dann inwendig gesucht und gefunden würde in der
ewigen Wahrheit, wo der gute und einige Meister allein alle Jünger lehrt.
Daselbst höre ich, o Herr, Deine Stimme zu mir reden.
Die
Menschen im Reiche Christi werden alle von Gott gelehrt sein (Joh. 6), und
nicht von Menschen hören. Innerlich scheint es ihnen, innerlich
wird es ihnen offenbart. Wenngleich sie es von Menschen hören, so gibt Er es
ihnen doch inwendig, was sie hören. - Was tun wir Prediger, wenn wir zu euch
reden?
Wir machen ein Wortgeräusch vor euren Ohren; wenn aber der es nicht offenbart,
der in euch ist, was rede ich lange? Ich bin ein Pfleger des Baumes äußerlich,
der inwendige ist dessen Schöpfer ... Erhoffet und erbittet es darum ja nicht
von dem Lehrer, der vor euren Ohren schallet, d. i. äußerlich mitarbeitet,
pflanzt und begießt, sondern von dem, der das Wachstum gibt. Denn wenn man's
recht bedenkt, so lernt man gar nichts von Menschen. Die Lehrer pflanzen nur
äußerlich mit Erinnern, die Wahrheit aber, die in der Seele wohnt, gibt durch
ihr inwendiges Lehren das Gedeihen. Der Schall unserer Worte trifft eure
Ohren; der Meister aber ist inwendig. Denkt nicht, daß ein einziger Mensch
etwas von dem anderen lerne. Wir können wohl vermahnen mit unserer Stimme, aber
wenn der Lehrer nicht inwendig ist, so ist unser Geräusch vergeblich. Wo die
Salbung nicht innerlich lehrt und wo der Heilige Geist nicht führt, da kommt
man ungelehrt zurück; die äußerliche Lehre ist eine Beihilfe und Erinnern.
Christus
lehrt euch, Sein Eingehen lehrt euch. Wo Sein Eingehen und Seine Salbung nicht
da ist, da schallen die Worte von außen vergebens. Darum, weil zwar alle
lernen, aber dennoch nicht alle glauben, sondern die allein, zu denen Gott
inwendig
redet. (Konfess. 1. 3. Kap. 3 ibid. Kap. 8 Trakt. 5 in Epist. 1. Joh. Kap. 2)
Solch
große Dinge tut unser Heiland täglich: Er zieht zur Gottseligkeit, bereitet zur
Tugend, Er lehrt von der Unsterblichkeit, Er erweckt das Verlangen nach
himmlischen Dingen, Er offenbart die Erkenntnis des Vaters, Er gibt Kraft wider
den Tod, und Er erzeigt sich selbst einem jeden.
Ich
will mich bereiten soviel ich kann, denn ich will mich von allem Geräusch der
Welt entziehen und mein Ohr verstopfen wider die Unruhe und den Tumult dieses
Lebens und will in mein Innerstes einwärts kehren, daß ich höre mit dem
inneren Gehör.
Welche
zuvor dem Fleische folgten, die müssen sich hernach in ihr Herz wenden.
Darum kann Gott nicht Frieden reden Seinem Volk, als allein denen, die in ihr
Herz einkehren. Aus allem Volk werden etliche Heilige sein, und aus allen
werden etliche in ihr Herz einkehren. Die aber kehren in ihr Herz ein, die
bedenken, wie sie zu Gottes Bild geschaffen sind, und ihr Herz reinigen lassen
von den mancherlei unreinen Gedanken des Irdischen, die sie hindern an der
Beschauung des Himmlischen. Zu solchen wird oft gesagt: „Kommet wieder, ihr
Übertreter, in euer Herz“ (Jes. 46, 8).
Viele meinen, wenn Moses redet und spricht: „So spricht der
Herr“, und wenn Jesaja und andere sagen: „Das Wort des Herrn geschah zu mir“,
daß der Prophet durch das äußere Ohr höre, was der Herr redet. Aber dem ist
nicht so. Was sagt der Herr zu den Pharisäern und Juden? „Wer Ohren hat zu
hören, der höre.“ Und Jesaja sagt: „Der Herr hat mir ein Ohr gegeben; weil
ich das Ohr nicht hatte, das in dem Herzen ist, so hat Er mir's gegeben, daß
ich Gottes Rede hören kann.“ Denn wenn wir in unserem Herzen schreien „Abba,
lieber Vater“, so ist dies Geschrei ein Stillschweigen, und doch wird das
Stillschweigen von Gott gehört. Und Gott redet dann auch zu unserem Herzen.
Darum spricht der Prophet: „Ich will hören, was der Herr in mir redet.“ So
sagt auch Habakuk: „Ich will in der Beschauung stehen und sehen, was der Herr
in mir antwortet, und was ich Ihm antworte.“ (Comm. Ps. 85. Tom. 8, opp. P.
100)
11.-13. Jahrhundert
Es
braucht sich keiner zu bemühen, daß er diese innere Stimme vernehme. Es
kostet eher Mühe, die Ohren zu verstopfen, um nicht zu hören. Die Stimme bietet
sich von selbst dar, drängt sich auf und pocht ohne Unterlaß an des Herzens
Tür. Auch jetzt ist sie uns nahe und spricht zu uns; aber vielleicht ist
niemand da, der sie hört. Auch jetzt ruft sie: Kehret heim zu eurem Herzen! Es
ist nicht nur eine Stimme voll Macht, sondern auch ein Lichtstrahl, der die
dunklen Winkel erhellt. Es ist kein Unterschied zwischen dieser inneren Stimme
und dem inneren Licht, denn ein und dasselbe ist der Sohn Gottes, das Wort des
Vaters, der Abglanz der Herrlichkeit.
Wie
Gott zum Heil der Welt einmal im Fleische und sichtbar erschien, so kommt Er
noch täglich zur Rettung der einzelnen Seelen unsichtbar und im Geiste. Du
brauchst, um selig zu werden, nicht übers Meer zu eilen oder über die Wolken
emporzudringen; keine lange Reise wird von dir verlangt. Gehe nur in dich und
begegne da deinem Gotte! Denn nahe ist dir das Wort in deinem Herzen ...
Ich
habe einen herrlichen Garten gefunden. Schön wäre es, wenn wir zusammen dort
wohnen könnten! Da werden die Augen erleuchtet durch den Anblick der reinen
Wahrheit, das Ohr wird erfreut von der lieblichen Stimme des inneren Trösters,
und himmlische Ruhe umfängt die Seele ... Wenn du fühlst, daß es ein Segen ist,
Gott näher zu kommen, wenn du dich danach sehnst, bei Christus zu sein, wenn du
es inbrünstig wünschest und unablässig daran denkst, so wirst du das Wort
empfangen.
Deshalb
wandelt in den Wegen des Herzens, daß eure Seele stets in euren Händen sei,
damit ihr hören möget, was Gott in euch redet.
Was
ich in meinen Gesichten schaue und erfahre, behalte ich lange im Gedächtnis, so
daß ich, wenn ich das Licht sehe und höre, mich erinnere und zugleich
sehe, höre, weiß und gleichsam in einem Augenblick, was ich weiß, besitze und
behalte. Was ich in meinen Visionen niederschreibe, das sehe und höre ich. Ich
schreibe auch keine anderen Worte als die, welche ich höre, nieder und bringe
sie in ungefeilten lateinischen Worten vor, wie ich sie eben in der Vision
höre; denn ich lerne in den Gesichten nicht wie ein Philosoph zu schreiben.
Auch sind jene Worte nicht wie Worte, die aus Menschenmund ertönen; es ist
vielmehr wie eine blitzende Flamme und wie eine Wolke, die sich in reiner Luft
bewegt.
Herr,
Du bist mein Trost, mein Begehr, mein fließender Lichtquell, und ich bin Dein
Spiegel... Du bist die Sonne aller Augen, die Lust aller Ohren, die Stimme
aller Worte, die Kraft aller Freudigkeit, die Lehre aller Weisheit, das Leben
in allem Lebenden und die Ordnung alles Seienden.
Das
Allerbeste und Alleredelste ist dies: schweigen und schweigend Gott wirken und
reden lassen. „Mitten in dem Schweigen ward zu mir das heimliche Wort
gesprochen.“ Das heißt: je mehr du alle Kräfte einzuziehen und in ein Vergessen
aller Dinge und Vorstellungen zu gelangen vermagst, je mehr du der Kreatur
vergissest, desto näher bist du der Geburt (Gottes in der Seele) und desto
empfänglicher. Soll Gott Sein „Wort“ in der Seele sprechen, so muß sie in Ruhe
und Frieden stehen; dann spricht Er Sein „Wort“ und sich selber in der Seele.
Nimmermehr wirst du die Wahrheit erkennen, Lebst außen nur du in der Sinnlichkeit Fessel. Von innen urständet das klare Erkennen, Von innen das Licht, das die Finsternis bricht.
Ein
jeder Mensch, der zum inneren Wort Gottes gelangen will, muß sich üben
in den Tugenden. Denke beileibe keiner, daß ihm Gott die Tugend eingieße ohne
Arbeit. Auch habe ein Mensch fleißig acht, wenn er vom heiligen Geist geheißen
wird, entweder zu wirken oder still zu sitzen, d. h. mit dem schauenden oder
mit dem wirkenden Leben umzugehen. Wozu er vermahnt wird, das soll er willig
tun, und entweder wirken oder ruhen nach des Heiligen Geistes Unterweisung und
Antrieb. Wer das tut, kann seine Werke mit Freude und Ruhe verrichten ...
Es
ist aber jedem Menschen nützlich und gut, daß er sich selbst eine gelegene Zeit
erwählt, am Tage oder in der Nacht, wo er sich in seinen Grund versenke; jeder
nach seiner Weise und Gewohnheit. Die vollkommenen und vortrefflichen Menschen,
die sich lauter in Gott zu kehren wissen ohne alle Form und Bild, sollen es tun
auf ihre Weise. Die unvollkommenen und geringen auch nach ihrer. Doch soll sich
jeder wenigstens eine Stunde am Tage darin üben; denn wir können nicht alle
Augen sein. Aber in den andern Zeiten soll jeder gutwillig sich in den Werken
üben, die ihm Gott zuschickt, mit großer Liebe und Frieden. Denn wer Gott dient
nach seinem Willen, dem wird Gott antworten nach seinem (des Menschen) Willen.
Wer aber Gott dient nach seinem eigenen Willen, dem wird Gott nicht vergelten
oder antworten. (Predigten)
Wisset,
daß das ewige Wort uns so unaussprechlich nahe ist, inwendig in unserem Grunde,
daß der Mensch sich selber, noch alles, was man sagen und verstehen kann, nicht
so nahe und so inwendig ist, als das ewige Wort im Menschen ist. Es spricht
ohne Unterlaß im Menschen; aber der Mensch hört das alles nicht aus großer
Taubheit seines Herzens. (Predigten)
Gott,
Du bist mir näher, als ich mir selber bin! Wer dessen inne ward, findet zur
Freiheit hin. Wenn er nach innen schreitet, erscheinet ihm ein Licht,
das
ihn zu Gott geleitet und alle Fesseln bricht. Die Einheit, die er findet, ist
ewig, ohne Grund, sie wohnet in ihm selber. Das Wie ist niemand kund.
1 Johannes
Tauler, der Gottesfreund in Straßburg, ist derjenige der frühmittelalterlichen
Mystiker, der, wohl unter dem Eindruck des damals herrschenden klösterlichen
Verfalls und eines veräußerlichten Kirchentums, wie schon Bernhard v. Clairvaux
dem aktiven, neben dem passiven Leben in Gott nachdrückliches Gewicht beilegte.
Passiva und Aktiva, bete und arbeite gehören zusammen und müssen einander
harmonisch ergänzen. Nur der gehört wahrhaft der Gemeinschaft des Geistes
Christi an, der arbeitet und betet, kämpft und glaubt. „Der Mensch muß an die
Grenze seines Möglichen gehen. Erst an der Grenze des Menschenmöglichen wird
der heilige Geist lebendig.“ (Arthur Schult, „Damaskus - Gegenwart Christi“.
TurmVerlag, Bietigheim.)
14. Jahrhundert
Glücklich, wen die Wahrheit durch sich selbst belehrt, nicht durch vergängliche Stimmen und Bilder, sondern wie sie an sich selbst ist. Unsere Meinung und unser Sinn trügen uns oft und erkennen nur mäßig. Zu dem das ewige Wort gesprochen wird, der wird von vielen Meinungen ledig. Aus einem Wort sind alle Dinge, und ein Wort sprechen sie alle, „und das ist der Anfang, der auch zu uns redet“. Ohne ihn vermag keiner zu erkennen oder recht zu urteilen. Der, dem alles Eines ist, der alles auf Eines bezieht und alles in Einem sieht, kann standhaft im Herzen sein und friedlich in Gott bleiben. O Gott, Du Wahrheit, mach mich eins mit Dir in ewiger Liebe! Oft widerstrebt es mir, viel zu lesen und zu hören; in Dir ist alles, was ich will und ersehne. Möchten doch alle Lehrer verstummen, alle Geschöpfe still sein vor Deinem Angesicht: Du allein rede zu mir! (Nachfolge Christi, 1. Buch, III)
Wenn Jesus da ist, ist alles gut und nichts scheint schwer; wenn aber Jesus nicht da ist, ist alles hart. Wenn Jesus innen in dir nicht spricht, ist Trost wertlos; wenn aber Jesus nur ein einziges Wort spricht, ist großer Trost fühlbar. Ohne Jesus sein, ist die schwere Hölle; und mit Jesus sein, süßes Parames.
Wer Jesus findet, findet den guten Schatz, ja das Gute über allem Guten. Und wer Jesus verliert, verliert über die Maßen viel und mehr als die ganze Welt. Ganz arm ist, wer ohne Jesus lebt, und am reichsten, wer gut mit Jesus steht. Große Kunst ist es, den Umgang mit Jesus zu kennen, und Jesus bei sich zu halten, große Weisheit. Rasch kannst du Jesus verscheuchen und Seine Gnade einbüßen, wenn du dem Äußerlichen dich zuneigen willst. Ohne Freund kannst du nicht gut leben, und wenn Jesus dir nicht vor allem Freund ist, wirst du gar traurig sein und verlassen. Von allen Lieben also sei Jesus allein der besonders Geliebte. Es sollen alle um Jesu willen, Jesus aber um Seiner selbst willen geliebt werden. (ibid., 2. Buch, VIII)
„Laß mich hören, was in mir Gott, der Herr, redet.“ Selige Seele, die den Herrn in sich reden hört und aus Seinem Munde das Wort des Trostes vernimmt! Selige Ohren, die das Nahen des göttlichen Rauschens vernehmen und von den Geräuschen dieser Welt nichts innewerden!
Vollends selige Ohren, die keine von außen tönende, sondern die innerlich die Wahrheit lehrende Stimme erhorchen! Selige Augen, die dem Außen verschlossen, dem Innen aber aufmerksam sind!
Selig, die das Innere durchdringen und mehr und mehr in täglichen Übungen sich befleißen, zur Erfassung der himmlischen Geheimnisse sich zu bereiten! Selig, die Gott offenstehen und von jedem weltlichen Hemmnis sich freimachen! Achte darauf, meine Seele, und schließe die Zugänge deiner Sinnlichkeit; daß du hören könntest, was in dir Gott, der Herr, spricht. Dies sagt dein Geliebter: „Ich bin dein Heil, dein Friede und dein Leben. Halte dich bei Mir, und du wirst den Frieden finden. Laß alles Vergängliche und suche das Ewige.“ (ibid., 3. Buch, I)
„Neige mein Herz zu den Worten Deines Mundes, und wie Tau fließe Deine Beredsamkeit.“ Es sagten einst die Kinder Israels zu Moses: „Sprich du zu uns, und wir werden hören. Nicht spreche zu uns der Herr, daß wir nicht etwa sterben.“ Nicht so, Herr, nicht so, sondern eher mit dem Propheten Samuel flehe ich Dich demütig und sehnlich an: „Sprich, Herr, denn es hört Dich Dein Knecht.“
Nicht spreche mir Moses oder einer der Propheten; sondern Du sprich lieber, Herr Gott, Begeisterer und Erleuditer aller Propheten; denn Du allein ohne sie kannst mich vollkommen unterweisen; jene aber vermögen ohne Dich nichts.Sie können zwar Worte tönen machen, aber den Geist schaffen sie nicht herbei.
Schön reden sie, aber wenn Du schweigst, entzünden sie nicht das Herz.
Buchstaben schreiben sie, aber Du öffnest den Sinn. Geheimnisse tragen sie vor, aber Du erklärst den Geist der Zeichen.
Gebote künden sie, Du aber hilfst zur Vollbringung. Den Weg zeigen sie, Du aber stärkst zum Wandel. Sie wirken nur außen, Du aber lehrst und erleuchtest die Herzen. Sie begießen von außen, Du aber gönnst Fruchtbarkeit. Sie rufen mit Worten, aber Du gibst das Verstehen zum Gehör. (ibid., 3. Buch, II)
„Das Reich Gottes ist inwendig in euch“, sagt der Herr. Lerne also das Äußerliche verschmähen und dem Innerlichen dich hingeben; so wirst du das Reich Gottes in dich kommen sehen. Es ist nämlich das Reich Gottes „Frieden und Freude im Heiligen Geist“ und wird den Gottlosen nicht beschieden. Christus wird zu dir kommen und dir Seine Tröstung weisen, wenn du Ihm innerlich eine würdige Wohnung bereitet hast.
Häufig besucht Er den innerlichen Menschen, süß ist Sein Gespräch, willkommen Sein Trost, Sein Friede reich, Seine Vertraulichkeit gar sehr zum Erstaunen. Eja, treue Seele, bereite diesem Bräutigam dein Herz, da Er ja zu dir zu kommen und in dir zu wohnen geruht.
Denn Er sagt so: „Wenn einer Mich liebt, wird Er Meine Rede bewahren, und zu ihm werden Wir kommen und bei ihm Unsere Wohnung aufschlagen.“Gib also Christus Seine Stätte, und allen anderen weigere den Eingang. Wenn du Christus hast, bist du reich und hast genug. Er selbst wird dein Vormund sein und dein treuer Sachwalter in allem, daß du nicht auf Menschen hoffen mußt. Denn schnell ändern sich die Menschen und vergehen rasch: Christus aber bleibt ewiglich und steht uns bei bis ans Ende. (ibid., 2. Buch, I)
16. Jahrhundert
In
Auslegung der vierten Bitte des Vaterunsers: Was ist das tägliche Brot oder Wort
Gottes? - Das Brot, das Wort und die Speise ist niemand denn Jesus
Christus, unser Herr Selbst, wie Er gesagt hat Joh. 6: Ich bin das lebendige
Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist. Das Brot oder Wort, Jesus Christus,
kann niemand haben von sich selbst, weder durch Studieren, Hören, Fragen noch
Suchen. Denn Christus zu erkennen sind alle Bücher zu wenig, alle Lehrer zu
gering, alle Vernunft zu stumpf; allein der Vater selbst muß Ihn offenbaren und
uns geben.
Nun
wird uns Christus auf zweierlei Weise gegeben, erstens äußerlich durch Menschen
oder Lehrer. Zum andern innerlich durch Gottes Selbstlehren, und das muß bei
dem äußerlichen sein, oder das äußerliche ist umsonst. Wenn aber das äußerliche
recht geht, so bleibt das innerliche (Wort Gottes) nicht außen. Denn Gott läßt
Sein Wort nimmermehr ohne Frucht ausgehen; Er ist dabei und lehrt innerlich
sich selbst, was Er äußerlich gibt durch die Priester. Daraus werden rechte
Christen, die Christus erkennen und empfindlich schmecken.
Den
Geist kann man in keine Buchstaben fassen, er läßt sich nicht schreiben mit
Tinte in Bücher, sondern wird nur in das Herz geschrieben und ist eine
lebendige Schrift des Heiligen Geistes, ohne alle Mittel. Denn der Heilige
Geist lehrt einen besser denn alle Bücher; darum bedarf man der Bücher nicht
weiter, als solchen Glauben zu stärken und andern auch zu beweisen, daß es so
geschrieben ist, wie es der Heil. Geist (innerlich) lehrt. Darum siehe zu, daß
du den Heil. Geist nicht für einen Gesetzmacher hältst, sondern für den, der
das Evangelium Christi ins Herz predigt und den Menschen so frei macht, daß
kein Buchstabe da bleibe, oder nur um des Beweises willen. (Tom. Jen. Pag. 379
und Tom. Altenb. Pag. 578)
Die Väter haben Gott gedient mit dem Vorteil, daß sie nichts aus Büchern lehrten; sie haben geantwortet aus dem Geist. Denn es ist ein großes Zeichen der Gebrechlichkeit und des bösen Verstandes und Gedächtnisses der Natur, daß wir müssen Bücher haben. Es ist fein gelehrt ohne Schrift durch die lebendige Stimme. (T. 4 Jen. 42)
Denen,
die nicht selbst von Gott gelehrt sind und den Heiligen Geist selbst zu
einem Meister haben, ist mit keinem Schreiben zu helfen, wenn man auch die
Welt voll Bücher machte. (T. 3. Altenb. 161)
Niemand
kann Gott recht erkennen oder das Wort Gottes verstehen, er empfange denn
solches unmittelbar vom Heiligen Geist. Und keiner kann solches vom
Heiligen Geist empfangen, er empfange es denn durch die Erfahrung in sich
selber. In dieser Erfahrung lehrt der Heilige Geist als in seiner eigenen
Schule, außer welcher nichts als ein bloßes Geschwätz gelernt wird. Wenn
solche rechten Gedanken kommen, so soll man die andern Gebete (oder Übungen)
fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und mit einer Stille hören. Das
ist mit David niedersitzen und hören, was der Herr mit ihm rede, und beileibe
nicht verhindern. Denn da predigt der Heilige Geist selber. (Im Büchlein an
den Adel)
Man
soll nicht leugnen, daß auch oft recht fromme Christen unter den Heiden gewesen
sind. Darum ist's glaubhaft, daß auch dieser König (der Philister Abimelech)
gläubig gewesen. Denn laßt es nicht ein Schimpf sein, wo Gott solche Gnade tut
wie diesem König, daß Er zu ihm kommt und sich offenbart, mit ihm innerlich
redet. (T. 4 Jen. T. 4 Alt.)
Die allein die leibliche und
äußere Stimme hören, die hören das Geschöpf; weil Gott ein Geist ist, wird
Er weder gesehen noch erkannt noch gehört denn durch den Geist. Dessen werden
die wahrhaft Andächtigen bis heute inne. Es sind alle jene, welchen das
äußerliche Wesen der Religion nicht genügt, sondern sich ernstlich ans
Christentum halten und nicht ruhen, bis sie dessen kräftige Wirkungen in ihrem
Herzen fühlen, die sie von den Sünden erlöst. (In Annot. super b. Joh.)
Unsere
Gottesgelehrtheit allein in Büchern und Schriften zu suchen, ist - den
Lebendigen unter den Toten suchen. Suche Gott in dir; Er wird mit einer
verständlichen Berührung erkannt. Wir müssen das Wort des Lebens mit Augen sehen,
mit Ohren hören und Händen tasten. Die Seele hat ihre Sinne gleichwie der Leib.
Deshalb weist uns auch David, wenn er lehrt die Güte Gottes erkennen, nicht auf
das grübelnde Ersinnen, sondern auf die Empfindung: „Schmecket und sehet, wie
freundlich der Herr ist!“ Die mit Schweiß und Mühe des Gehirndenkens erlangte
Erkenntnis ist weder die beste noch die wahrhaftige Erkenntnis Gottes, sondern
die ist's, die mit dem himmlischen Feuer in unseren Herzen angezündet wird.
(Auserlesene Schriften. Cambridge)
Wir
besitzen ein äußerliches Zeugnis von Gott: Himmel, Erde und Meer verkünden den
Ruhm Seines Namens. Wir besitzen weiter das schriftliche Zeugnis in den
heiligen Büchern. Aber zum dritten sollte jeder auf die Stimme Gottes in
seinem Herzen hören, die ihn wohl unterweist. Spricht Gott doch: In euch
will Ich wohnen, in euch will Ich wandeln.
Wer
in die Stille geht und nach innen lauscht, der hört, was der Geist Gottes in
ihm bezeugt. Und nicht nur den Christen, auch den Heiden ist dies Zeugnis
gegeben, und man predigt dem Menschen umsonst, wenn die Stimme Gottes nicht in
ihm lebendig ist. Das Licht leuchtet in den Herzen aller Menschen, die in die
Welt kommen, denn es ist von Anbeginn darin; und dieses Licht gibt jedem
Menschen, der zu ihm erwacht, die Freiheit und die Kraft, ein Kind Gottes und
ein Erbe des Reiches Gottes zu sein.
Die
Schrift und die äußeren Worte sind nur des wahren, wesentlichen inneren
Wortes Nachhall und Schatten, das vorher und immer in uns ist. Wer auf das
innere Wort in seinem Herzen acht hat und auf das Licht, welches in ihm
angezündet
ist, der hört und sieht wahrhaft und wird freudig von dem Zeugnis geben, so daß
kein Gottloser im Nein bestehen kann und jeder Suchende ihn als Glied der
unsichtbaren Kirche erkennt, die nicht an Zeit, Personen und Stützen gebunden
ist, sondern ein geistiger Leib Christi ist, aus Gott geboren. Ihre Mitglieder
versammeln sich nicht an bestimmten Orten äußerlich, sondern im Geiste und in
der Wahrheit. Sie bilden die Gemeinschaft aller gottverbundenen gutherzigen
Menschen in aller Welt, durch den Heiligen Geist im Frieden Gottes mit dem Band
der Liebe geeint ... In dieser unsichtbaren Kirche lebe ich. Sie ist gänzlich
innerlich. In ihr ist Liebe das einzige Zeichen und Merkmal.
Grundlage
aller Religion ist die eigene Erfahrung, das Erwachen zum inneren
Licht. Wer zu wissen wünscht, was im Tempel ist, der darf nicht außen stehen
bleiben und die Leute über Gott reden hören, sondern muß nach innen gehen
und es selbst erfahren. Dann wird Religion für ihn Leben und sein Leben
Religion.
Bleibe
nach dem Gebet bei dir selber eingekehrt und warte schweigend auf Gott, was Er
mit dir rede und wirke. Und ob du gleich nicht bald süßen Trost findest, so
wird Er doch zu Seiner Zeit und Stunde kommen. Die beste Übung ist das rechte
Beten, und ist keinmal umsonst, auch wenn wir nach der Rückkehr aus der Stille
gar nichts in uns finden. Je nach solcher Übung, da wir oft gar nicht daran
denken, ergießt sich das göttliche Licht in uns, daß wir im Glauben wachsen von
Tag zu Tag.
Tut
die Augen auf, ihr Theologen, und sehet euch wohl um, daß ihr Christus
erkennet! Es ist nicht genug, über Sein Leben und Werk zum Volke zu reden; es
gilt den neuen Menschen, in dem Christus Selbst zum Prediger und Gottweiser
wird. Es gilt, von der Christologie zur Christognosis weiterzuschreiten ...
Sorgt, daß die Menschen von Gott erfüllt, gelehrt und geleitet werden und Seine
Stimme in sich vernehmen. Wenn das geschieht, dann sind wir eins in Christus
und allzumal Kinder Gottes.
Je
leerer und lediger aller äußeren und inneren Dinge, desto näher dem Licht, der
Liebe und dem Einssein mit der Göttlichen Weisheit. Desto rascher bewahrheitet
sich, was im Buch der Weisheit (18, 14) gesagt ist: „Da alles still war und
ruhete und die Mitternacht gekommen war, fuhr Dein lebendiges Wort vom
Himmel aus königlichem Thron.“
(Johannes
hat dieses Einssein mit der Göttlichen Weisheit an sich selbst erfahren:)
...
Da ward, wiewohl ich ohne Wissen war, Mir mehr als alle Weisheit offenbar.
So
war ich in inneres Schauen
Im
Geiste vertieft und trunken, so ganz in mich selber versunken,
Daß
jedes Gefühl mir vergangen, auch hatte der Geist es empfangen,
Zu
fassen, ob nimmer erfassend, sämtliches Wissen!
Wer
wahrhaft dahin sich erhebet,
Entsagt
sich und auf sich verzichtet: wie ärmlich scheint, wie vernichtet
Ihm,
was er für Wissen gehalten! Jetzt wird sich ihm Weisheit entfalten
Und
mehren, daß nie er ergründet sämtliches Wissen!
Dies
Höchste von sämtlichem Wissen
Ist
also erlaucht und erhaben, daß Scharfsinn und menschliche Gaben
Es
ewiglich nimmer ergründen. Nur wer sich wird selbst überwinden,
Erfaßt,
wiewohl nicht begreifend, sämtliches Wissen!
Liebendes
Zwiegespräch
„Brennst in Liebe Du zu mir, Wie ich brenne, Herr, zu Dir? All mein Sinnen, sag', wo's ruht, Und das Deine, höchstes Gut?“
Was begehrest du von Mir?
„Herr, zu schau'n dein Angesicht.“
Was macht einzig Kummer dir?
„Daß ich Dich verlier', mein Licht.“
„Gib
mir Liebe, die dich minnt, Bis sie dich für stets gewinnt,
Daß ich bau' ein Nestlein warm, Drin ich ruhe sonder Harm.“
Freundin!
Gott in deinem Herzen, Welcher Mangel kann dich schmerzen? „Meine Liebe, Herr,
zu mehren, Das ist einzig mein Begehren.
Darum
will ich stets und treu, Mich zur Liebe kehren neu.“
Suche
Gott in dir selbst!
Seele,
suche dich in Mir, Such' Mich nirgends als in dir!
Meines
Geistes Liebe schuf, Seele, dich nach Meinem Bilde; Keines Malers beste Kunst,
Größte Liebe, höchstes Sinnen Brächt' dies Bild so hehr zusammen.
Liebe
rief ins Dasein dich;
Bist
geschmückt mit Reiz und Schönheit, Die Mich selber ganz entzückt.
Sollst,
Geliebte, dich verlieren, Such' dich nirgends als in Mir!
Ich
lebe, doch nicht mehr in mir
Ich
lebe, doch nicht mehr in mir, Ein heilig Sehnen lebt in mir,
So
daß ich sterb', weil ich nicht sterbe.
Seitdem
ich aus Liebe sterbe, Leb' nicht ich,
Er
lebt in mir,
Der
für sich mich auserwählte. Als ich Ihm mein Herze weihte,
Hat
Er dies dort eingeschrieben: Stirb dir selbst, und du wirst leben!
Diese
Gotteshaft hienieden Durch die Lieb', in der ich lebe, übergibt mir Gott
gefangen, Während sie mein Herz befreiet. Schmerzlich ist es mir, zu sehen Gott
in meinen engen Banden, Denn ich sterb', weil ich nicht sterbe. (Schriften, VI)
1 Theresia von Avila (1515-82) ist eine der großen christlichen Mystikerinnen. Walter Nigg nennt die spanische Heilige, die zur Nationalheiligen Spaniens neben den Apostel Jakobus gestellt wurde, mit Recht eine der größten Frauen der Weltgeschichte. Wie ihr geistlicher Freund, der große spanische Mystiker Johannes vom Kreuz, hat diese große Liebende der Kirchengeschichte in einzigartiger Weise das große Gespräch mit Gott geführt. „Für sie als Christin war Gott keine unpersönliche Macht, so wie der Pantheist das Göttliche auffaßt . . . , sondern eine Persönlichkeit, mit der der Mensch ins Gespräch kommen kann. Die Fähigkeit zum Beten unterscheidet den Menschen vom Tier. Theresia wollte mit Gott reden, wie es von Hiob erzählt wird. Um dieses Reden führte sie einen jahrelangen Kampf. Er enthält den eigentlichen Sinn ihres Lebens... Der Inhalt ihrer Gebete hat nicht nur Bitte und Dank zum Gegenstand. Ihr liegt nichts an der Erhörung persönlicher Wünsche. Die geheimnisvolle Berührung, welche im Gebet zwischen Gott und Mensch stattfindet, hat sie als das Gewaltigste empfunden, welches mit nichts anderem verglichen werden kann“ (Nigg, Heilige. Artemis-Verlag, Zürich). In ihrer Lyrik ist, wie in ihren großen Werken über die Wege zur Vollkommenheit, das innere liebende Verglühen an Gott ergreifend dargestellt, das die Heilige Spaniens bis zur Stufe der Gotteinung führte.
Der
Jünger sprach zum Meister: Wie mag ich zum übersinnlichen Leben gelangen?
Der
Meister antwortete: Wenn du dich einen Augenblick in das schwingest, da keine
Kreatur wohnt, so hörst du, was Gott redet.
Der
Jünger: Ist das nahe oder ferne?
Der Meister: Es ist in dir, und so du magst eine Stunde schweigen von deinem Wollen und Sinnen, so wirst du unaussprechliche Worte Gottes hören.
Der
Jünger: Wie mag ich hören, so ich von Wollen und Sinnen stille stehe?
Der
Meister: Wenn du von Sinnen und Wollen deiner Selbstheit stille stehst, so
wird in dir das ewige Hören, Sehen und Sprechen offenbar, und Gott hört
und sieht durch dich; dein eigen Hören, Wollen und Sehen hindert dich, daß du
Gott nicht siehst und hörst.
Der
Jünger: Womit soll ich Gott hören und sehen, da Er über Natur und Kreatur ist?
Der
Meister: Wenn du stilleschweigst, so bist du das, was Gott vor Natur und
Kreatur war, daraus Er deine Natur und Kreatur machte; so hörest und siehest du
es mit dem, damit Gott in dir sah und hörte, ehe dein eigen Wollen, Sehen und
Hören anfing.
Der
Jünger: Was hält mich dann auf, daß ich nicht dahin komme?
Der
Meister: Dein eigen Wollen, Hören und Sehen, und daß du wider das strebst,
daraus du kommen bist. Mit deinem eigenen Willen brichst du dich von Gottes
Willen ab, und mit deinem eigenen Sehen siehst du nur in dein Wollen. Und dein
Wollen verstopft dir das Gehör mit Eigensinnlichkeit irdischer, natürlicher
Dinge und überschattet dich mit dem, das du willst, auf daß du nicht magst zu
dem übernatürlichen, übersinnlichen kommen ... Würde sich dein Wille eine
Stunde von aller Kreatur abkehren und dahin schwingen, da keine Kreatur ist,
er würde überkleidet mit dem höchsten Glanz der Herrlichkeit Gottes, und würde
in sich schmecken die Liebe Christi, die kein Mensch beschreiben kann, und in
sich empfinden unaussprechliche Worte unseres Herrn von Seiner großen
Barmherzigkeit
... Jetzt liebst du noch irdische Weisheit; wenn du aber überkleidet bist mit
himmlischer Weisheit, so siehst du, daß aller Welt Weisheit nur Torheit ist.
Der
Jünger: Was ist die Liebe (zur himmlischen Weisheit) in ihrer Kraft und Tugend
und in ihrer Höhe und Größe?
Der
Meister: Ihre Tugend ist das Nichts und ihre Kraft ist durch alles. Ihre Höhe
ist so hoch als Gott und ihre Größe ist größer als Gott: wer sie findet, der
findet nichts und alles.
Der
Jünger: Sage mir doch, wie ich das verstehen soll!
Der
Meister: Daß ich sprach, ihre Tugend ist das Nichts, das verstehst du, wenn du
von aller Kreatur ausgehest und aller Natur und Kreatur ein Nichts wirst; so
bist du in dem ewigen Ein, das ist Gott selbst, und empfindest der Liebe
höchste
Tugend. - Daß ich aber sagte, ihre Kraft ist durch alles, das empfindest du in
deiner Seele und Leib: so die große Liebe in dir angezündet wird, brennt sie,
wie kein Feuer vermag. Auch siehst du an allen Werken Gottes, wie sich die Liebe
in alles ausgegossen hat und aller Dinge innerster und äußerster Grund ist,
innerlich nach der Kraft, und äußerlich nach der Gestalt. - Daß ich ferner
sprach, ihre Höhe ist so hoch als Gott, das verstehst du in dir selber, daß sie
dich in sich so hoch führt, als Gott selber ist: wie du das an Christus nach
Seinem Menschlichen erkennst, das die Liebe bis in den höchsten Thron in die
Kraft der Gottheit führte. -
Daß
ich aber auch sprach, ihre Größe ist größer als Gott, das ist auch wahr: denn
wo Gott nicht wohnt, da gehet die Liebe hinein. Als Christus in die Hölle
stieg, da war die Hölle nicht Gott, aber die Liebe war da und zerbrach den Tod,
auch wenn dir angst ist, so ist Gott nicht die Angst, aber Seine Liebe ist da
und führt dich aus der Angst in Gott, und wenn Gott sich in dir verbirgt, so
ist die Liebe da und offenbart Ihn in dir. - Daß ich weiter sagte, wer sie findet,
der findet nichts und alles, das ist auch wahr: denn er findet einen
übernatürlichen,
übersinnlichen Grund, da keine Stätte zu ihrer Wohnung ist, und findet nichts,
das ihr gleich wäre. Darum kann man sie mit nichts vergleichen, weil sie tiefer
ist als das Ich; darum ist sie in allen Dingen als ein Nichts, weil sie nicht
faßlich ist. Und weil sie nichts ist, ist sie von allen Dingen frei und ist das
einzige Gut, das man nicht aussprechen kann. - Daß ich endlich sagte, der
findet alles, wer sie findet, ist auch wahr: sie ist aller Dinge Anfang gewesen
und beherrscht alles. So du sie findest, so kommst du in den Grund, daraus alle
Dinge hervorgekommen sind und darin sie stehen, und du bist ein König über alle
Werke Gottes.
Der
Jünger: Und wie mag ich den nächsten Weg dorthin finden?
Der
Meister: Wo der Weg am härtesten ist, da gehe hin. Was die Welt wegwirft, des
nimm dich an, und was sie tut, das tue nicht. Wandle der Welt in allem zuwider,
so kommst du auf den nächsten Weg. Der Weg zur Liebe Gottes ist der Welt eine
Torheit, aber den Kindern Gottes eine Weisheit. Wenn die Welt solch Liebesfeuer
in Gottes Kindern sieht, nennt sie sie töricht. Aber den Kindern Gottes ist es
der größte Schutz, den kein Mund aussprechen kann: das Feuer der inflammenden
Liebe Gottes, welches weißer ist als die Sonne, kräftiger als jede Speise und
Trank und lieblicher als alle Freuden der Welt. Wer dies erlangt, ist reicher
denn alle Könige auf Erden und stärker als alle irdischen Mächte.
Der
Jünger: Wo finde ich zum Quell des Lichts, der mich zu erleuchten vermag? So
ich in der Natur stehe, wie vermag ich durch die Natur und ihr Licht
hindurchzudringen in den übernatürlichen und übersinnlichen Grund, aus dem das
wahre Licht, das Licht der Seele, quillt, ohne dabei meine Natur zu zerstören
oder ihr Licht, nämlich die Vernunft auszulöschen?
Der
Meister: Indem du ablässest von deinem eigenen Tun und deinen Blick stetig
richtest auf einen Punkt. Zu dem Ende sammle alle deine Gedanken und tritt mit
Hilfe des Glaubens in das innerste Zentrum. Sei stille vor dem Herrn, indem du
allein mit ihm in deiner innersten und verborgensten Zelle sitzest, so daß dein
Geist ganz in sich gesammelt ist und in der Geduld der Hoffnung auf Gottes
Willen harrt. So wird das innere Licht wie die Morgenröte hervorbrechen und,
nachdem die Morgenröte vergangen, wie die Sonne selbst, auf die du wartest, in
dir aufgeben; unter ihren Flügeln wirst du frohlokken und dich in ihren hellen
und heilenden Strahlen wiegen. Sieh, dies ist der wahre, übersinnliche Grund
des Lebens. (Vom übersinnlichen Leben)
1 Jakob Böhmes
(1575-1624) gnadenhaftes Ergriffensein von Gott geschah im „Aufleuchten eines
kosmischen und überkosmischen Bewußtseins in ihm selber, das ihn in
göttlicher Zentralschau alle Welten durchdringen ließ. Alles, was er
geschrieben hat, sollte im Grunde nur Interpretation dieses hohen
Erleuchtungserlebnisses sein.“ (A. Schult, Maria-Sophia. Turm-Verlag,
Bietigheim.) Wir wissen aber von Böhme selbst, daß ihm dabei, wenngleich
getrieben vom Feuer des Geistes, die Worte nicht mühelos zuflossen, sondern
daß er oft hart ringen mußte, um das nahe Unaussprechliche und Unaussagbare
seiner Schau mit irdischen Worten auszudrücken. Die Werke Jakob Böhmes sind
also im engeren Sinne nicht durch das innere Wort entstanden; dessen ungeachtet
war es das ewige Wort und Licht, von dem erleuchtet Böhme seine Werke schrieb,
denn Gott redet und spricht auf mannigfache Weise Sein ewiges Wort in den
Menschen aus.
17. Jahrhundert
Das
Gebet ist ein Gespräch mit Gott, ein Himmelsschlüssel, eine Blume des
Paradieses, ein freier Zugang zu Gott, ein Hausgenosse Gottes, eine Erkennerin
der Heimlichkeiten Gottes. (Wahres Christentum, II)
Alle
Worte, die ich davon (vom inneren Gebet) rede, sind nur ein Schatten, denn das
Köstliche, das ich in meiner Seele empfinde, kann ich nicht ausreden. Das ist des
ewigen Wortes Stimme und Rede zu der liebhabenden Seele. (ibid.)
Gleichwie
die Liebe und Freundschaft zwischen frommen Menschen ein Gespräch sucht, so
wirst du Gottes Stimme in dir hören, wenn du Gott herzlich lieb hast.
Denn wer Mich liebt, spricht der Herr Joh. 14, 29, der wird Mein Wort hören, -
nicht allein in äußeren Versammlungen der Kirchen, sondern im rechten Tempel
des Herzens. Wenn es da nicht gehört wird, dann wird das äußere nicht viel
Frucht schaffen. Darum ist alles daran gelegen, daß du Gott liebst, damit du
Ihn hörst in deinem Herzen mit deiner Seele reden ...
Was
ist's, daß du des heiligen Leidens deines Herrn gedenkst in erloschener,
blinder Liebe, bringst aber Christi Leiden nicht in Übung, sondern läßt es in
bloßen Gedanken hangen und willst nicht im geringsten deiner Hoffart, Ehre und
Trägheit entsagen? So wirst du Christus nimmermehr recht sehen können, noch
Seine Wirkung in dir empfinden. Denn wie die Sonne und der Himmel in der Tiefe
der Erde wirken, so Christus in der Tiefe der Demut, wie Er selber in Seiner
Niedrigkeit die höchsten Werke gewirkt hat. Das ist aber die Lauterkeit der
Demut, daß ein Mensch sich gering achtet und sich nicht zugute hält, was er
getan hat oder hinfort tun mag. Denn ist etwas Gutes in deinem Werke, so ist
das Gottes und nicht des Menschen.
In
diesen Grund der Demut mußt du kommen, sollst du die seligen Augen haben, die
Christus sehen. Denn den kleinen, demütigen Menschen offenbart der
himmlische Vater die Geheimnisse von Christus und die verborgene Weisheit
(Ps. 51, 8). Denn in dieser Niedrigkeit und Kleinheit ist allein Verständnis
und Erkenntnis der lauteren göttlichen Wahrheit, darin das Wesen der ewigen
Seligkeit verborgen liegt. Daselbst offenbart sich die Hoheit der Majestät
Gottes. Und je mehr die Hoheit Gottes dem Menschen offenbart wird, desto mehr
wird ihm bekannt seine eigene Nichtigkeit.
Ich
suchte in der Welt Den, der die Welt gemacht hat, darum fand ich Ihn nicht. Ich
suchte Ihn in den Büchern und Schulen; aber ich fand Ihn in allen Kreaturen
mehr als bei ihnen, die nur Worte hatten, aber die wesentlichen Fußstapfen mir
nicht zeigten. Ich lief herum auf den Gassen und Straßen und fragte die
Wächter; ob sie nicht gesehen hätten Den, den meine Seele suchte. Aber sie
kannten Ihn nicht, und sie höhnten mich und schlugen mich und nahmen mir meinen
Schleier und hielten mich bald für einen Toren, bald für einen Sonderling, der
ich mehr wissen wollte als sie und mehr haben wollte als sie.
Aber
ich ließ mir's nicht verleiden, sondern suchte fort und fort und wollte Ihn
sehen, den ich heimlich fühlte, und davon ich gehört hatte, daß Ihn andere
hätten und von Ihm so sehr erquickt würden. Ich ging den Brüdern nach, die Ihn
zwar haben mochten, sie konnten Ihn mir aber nicht geben. Ich traf audt im
Fortgehen herrliche Seelen, Töchter von Jerusalem an und bat sie, daß sie für
mich beten und dem Geliebten sagen möchten, daß ich von großem Suchen matt und
vor Liebe zu Ihm krank wäre. Sie wiesen mich indessen auf Sein Wort; ich las
es, ich suchte, aber ich suchte eigenwillig und meinte, mein Verstand müßte Ihn
finden. Aber Er blieb mir verborgen, weil ich Ihn selbst noch nicht hatte, der
die Schrift gemacht hat, und Sein Geist mir fehlte zur Aufschließung der
Schrift.
Da
ich nun zu Ihm eindrang, der in mir war, da fand ich Ihn, in der Stille
und unter vielen Seufzern, den ich bei allem meinem Laufen und Eigenwillen und
Verstand, auch bei Freunden und Gefährten nicht gefunden hatte. Die Schrift
war mir eröffnet von Dem, der mir so nahe war und nicht außer mir, sondern in
mir, in meinem Herzen durch den Glauben wollte gefunden und geküßt werden. Nun
habe ich Ihn und erreiche in der Schrift den Sinn des Geistes . . .
Gehet
hin zu eurem Ursprung, ihr Menschenkinder, eilt zur lebendigen Quelle, sie wird
in euch entspringen und euch ein Brunnen sein zum ewigen Leben. So werdet ihr
auch ins Heiligtum ungehindert aus- und eingehen und Weide finden.
„Mein
Wort, das Ich durch den Mund aller Meiner Propheten und Apostel geredet habe,
ist ein lebendiges Wort, ein Wort voll Geist und Kraft, das in Mir von
Anfang verborgen war, aber hernach durch Mich geoffenbart ist. Denn ohne
Offenbarung
ist kein Wort. Ich offenbare Mich aber im Geiste denen, die Mich lieben und dem
Worte glauben, das Ich geredet habe; die sehen Mich und hören Mich und kennen
Meine Stimme. Es ist Mein Wort so herrlich, daß sich die, welche Meine Wahrheit
nicht haben, doch gern mit ihm rühmen, als hätten sie es. Sie schmücken sich
damit und haben es doch weder gesehen noch erkannt. Hätten sie Mein Wort in der
Wahrheit lieb, dann würden sie der Offenbarung nicht feind sein, ohne die sie
nichts aus Meinem großen Wort wahrhaft verstehen können. Aber nun verwerfen
sie solche und verketzern alle, die lehren, daß das Wort Geist sei und
ohne den Geist und ohne seine Offenbarung nicht verstanden werde.
Wo
Mein Wort ist, da bin Ich, und wo Ich bin, da ist Mein Wort, durch das Ich Mich
offenbare. Aber was die Unwiedergeborenen aus ihrem Geist lehren, das kommt
von ihnen und können es wohl auch ohne Mich und Meine Offenbarung auslegen,
denn es ist ihr eigenes. Mein Wort aber kommt von Mir und Ich spreche es allein
aus und offenbare es allein und lege es aus und erkläre es in den Herzen Meiner
Gläubigen, die alsdann mächtig sind, es wieder auszulegen und zu verkündigen.
. . „ (Tausend Öffnungen des Geistes)
„Seid
von Herzen demütig und werdet nicht entrüstet, wenn euch andere gering achten.
Wo ihr es aber noch nicht leiden möget, habt ihr noch nicht den rechten Grund
der Demut erreicht. Darum kommen solche Gelegenheiten, daß ihr euch selbst
offenbar werdet und desto tiefer in die wahre Niedrigkeit des Herzens
eindringet.
Was
habe Ich erduldet, der Ich der Höchste bin und Mich dennoch unter alle
gedemütigt habe! Ich habe die Lästerungen der Sünder erduldet und für Meine
Beleidiger gebeten, und so soll auch euch Mein Geist machen, wenn ihr euch ihm
ganz ergebet.
Es
reden viele von der Demut und sagen wohl auch von sich aus, was ihnen noch
fehlt, wenn aber andere ihnen dasselbe sagen und sie dessen erinnern, so tut
es ihnen weh und verraten eben damit, daß sie noch nicht zum wahren Adel der
Demut gekommen sind. So ihr aber in der Niedrigkeit eures Herzens alles, was
Widriges euch auch zustößt, von Meiner Hand annehmt, so habt ihr den Frieden in
euch, den niemand stören kann. Zu solcher Seele komme Ich mit Meiner ganzen
Seligkeit und wohne beständig daselbst und gebrauche sie zu
Meinen
größten Werken, weil sie nichts aus sich selbst macht, sondern zufrieden ist
mit dem, was ihr aus Meiner Hand zukommt. Diese Kleinen, die sich selbst
erniedrigen, will Ich erhöhen; jene aber, die sich selbst erhöhen, will Ich
herunterstoßen, damit sie aus dem Staube reden lernen und endlich zu Mir
kommen.“ (ibid.)
Mag
jemand von der, Liebe zur Genüge reden? Wer hat ihre Macht ausgesprochen? Wer
weiß die Art ihrer Schmelzung? Und die Hitze, die nichts verbrennt, ohne was
nicht lauter ist. Der Liebe Kohlen sind feurige Kohlen, die auf dem Altar des
Glaubens angezündet werden, die angezündet werden vom Himmel und unterhalten
werden vom Himmel und seinen Kräften. Die Liebe vereinigt die Geliebten und
schmilzt sie zusammen und verwandelt das Schwache in die Stärke des Starken
und vermag alle Dinge. - O so durchfeure denn mich, Du, der Du nichts als Liebe
bist, und brenne alles hinweg, was dir nicht gefällt. Schwängere Mich und flöße
mir ein Deinen Liebesgeist, der mich fruchtbar mache, und Du mich dann mehr
liebst, wenn ich Dir geboren und Deine Gestalt in mir hervorgebracht habe. Ich
will keinen Liebhaber zu mir lassen denn Dich; Dein Eifergeist leidet es auch
nicht. Und ich vermag auch nichts neben Dir zu lieben, weil Deine Schönheit und
die Pracht Deiner Hoheit in mir offenbar geworden ist und alle andere Liebe
verschlingt. Ich sehe ja wohl Deine Kreaturen, wie noch mitten unter ihrem
Verfall das Paradiesische und Gute von Dir heraussieht, es sind auch Deine
reinen Geister, die um Deinen Thron sind, von großen Kräften, und Deine Gaben
sind edle Gaben, die Du Deinen Auserwählten gibst, - aber sie sind mir doch
nicht, was Du mir bei Deiner göttlichen Liebe, o mein Gott, bist, und können
mein Ziel nicht sein, darin ich. ruhe. Das ist, daß Du Dich und Deine
Herrlichkeit Mir so groß machst und mich doch kühn machst, daß ich zu Dir trete
und Dich umfasse. - Gelobet seist Du, mein Gemahl, und hochgepriesen sei Deine
Liebe ewiglich. (ibid.)
1 J. W.
Petersen (1649-1727) ist eine der Blüten am Baume der Mystik, die der
Protestantismus hervorgebracht hat. Von Kaiser und Papst verfolgt, aber
beschützt vom Kurfürsten von Brandenburg lebte er als Superintendent in Eutin
und Lüneburg. Die Niederschriften der ihm zugeflossenen göttlichen
Einsprachen, veröffentlicht unter dem Titel „Tausend Öffnungen des Geistes“,
geben Zeugnis seines reichen mystischen Gnadenlebens.
Ich
lese oft die Bibel; aber näher als die Schrift ist mir das unmittelbare Wort
Gottes im Herzen, das die Worte der Schrift erst lebendig macht. Wichtiger
als äußere Beleuchtung ist das innere Licht, das kein natürliches, sondern
geistiges und göttliches Licht ist, an dem jeder teil hat, der sich schweigend
einwärts wendet. Darum sage ich: Nicht Schrift, sondern Geist, nicht Christus
mit uns, sondern Christus in uns.
18. Jahrhundert
Es ist nichts Neues, sondern die uralte Weise des lebendigen Gottes, daß Er mit den Seinen vertraulich handelt und redet. Er hat auf mancherlei Weise geredet zu den Vätern von Anbeginn der Welt her, zuletzt durch Seinen Sohn und seitdem zu den Aposteln und allen Nachfolgern. Wie geschieht dieses Reden Gottes? Aufs Einfältigste und Gewisseste durch Seinen heiligen Geist, zumal Er nicht stumm in dem Herzen ist, in welchem Er wohnt, angeredet und gefragt wird. Wer demnach hören will, was der Herr rede in ihm, der muß das Geräusch und die Verwirrung der irdischen Dinge verlassen und vergessen lernen und von seinem eigenen Tun ablassen, damit Gott Sein Werk in ihm habe. Darum lerne ein jeder beizeiten, in sein Herz zu gehen, so wird er seinen Schatz selbst finden: das ewige Wort, welches ihm in allen Anliegen Rat, Gewißheit, Kraft und Sieg, Trost und Heil schenken wird.
Nimmer
wird man fähig, gegenüber Gott oder Menschen weise und unsträflich zu wandeln,
wenn man nicht lernt, mit Gott bekannt und von Ihm gelehrt zu werden. Denn die
Stunde ist schon jetzt und kommt noch immer, in welcher die Toten und in
Gottes Liebe erstorbenen Menschen die Stimme des Sohnes Gottes hören werden,
und die sie hören und fassen wer den, die werden leben. Darum spricht dieses
Wort ohne Unterlaß in die Seele: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf
von den Toten, so wird dich Christus erleuchten!“
Gott
hat das ewige Wort, Seinen Sohn, gesandt und sendet Ihn noch immer. Wisset, daß
das lebendige Wort der Wahrheit noch immer aus des Vaters Munde geht. O
macht euch deshalb keine fremden Bilder von Christus; es ist nichts
Phantastisches, auch kein bloß äußerlicher Hall, sondern ein neues Wesen in der
Seele: Gottes Ausspruch und Rede ist es, die ihr merket, wenn ihr acht habt.
Sobald ihr nun solche Bewegung in euch fühlt, so glaubt: das vom Vater gesandte
Wort ist euch nahe und will euch seine Erkenntnis leicht machen. Sprecht dann
wie Samuel: „Rede, Herr, Dein Knecht hört!“ (Epist. Predigt)
Ist
man ganz in sich selbst versenkt und nach innen gesammelt, von Gottes
Gegenwart bis auf den Grund durchdrungen, so gilt es, sich in liebevoller Ruhe
und Gelassenheit der Gegenwart Gottes hinzugeben und in dieser unbewegt zu
verharren. Nach und nach wird's Gewohnheit, und im gleichen Maße wächst das
untrügliche Gefühl und Gewißheit Seiner Gegenwart.
In
diesem Gesammeltsein sprechen wir das Vaterunser und sind uns dabei lebendig
bewußt: Gott ist in mir und will gern mein Vater und Helfer sein! Wir
überlassen alles, was uns bekümmert, Ihm und warten alsdann, bis der Vater
Seinen Willen kundtut. Wir machen uns dabei kein Bild von Gott; die lebendige
Hingabe an Seine Gegenwart und das Bewußtsein, daß Er unser Vater, unser Arzt,
Führer und Helfer ist, genügt.
Wenn
die Seele eine Zeitlang diesen Weg nach innen gegangen ist und fühlt, daß es
ihr nun leichter fällt, sich Gott im Gebet hinzugeben und zu überlassen, kann
sie vom Herzgebet zum Gebet des Schweigens übergehen, indem sie sich ganz der
Stille in Gott, dem unendlichen Frieden Gottes anheim gibt und bewegt darin
verweilt.
Diese
Hingabe sei von dem Gewißsein begleitet, daß alles, was uns widerfährt, Gottes
Wille und darum für uns notwendig und gut ist und von uns willig hingenommen
wird. Diese gänzliche Überlassung unserer selbst an Gott ist der Schlüssel zur
Vollendung und Einswerdung. Sie äußert sich im Aufhören jeder Sorge um uns
selbst und in dem gelassenen Vertrauen zur göttlichen Führung. Da nur noch Gott
unser Denken beherrscht und nichts sonst, lieben und bejahen wir alles, was
von ihm kommt.
Je
lebendiger man Gottes in seinem Herzen inne wird, desto stiller und
liebeerfüllter wird man. Und je mehr nach innen gekehrt, desto freier auch von
den Sinnen und allem Niederen, das einem noch anhaftet. Denn je näher bei Gott,
desto mehr Kraft empfängt die Seele von innen her und desto leichter gelingt
ihr die erneute Hinwendung zu Gott und damit zugleich die Lösung vom
Vergänglichen. Immer stärker spürt sie die wachsende Anziehungskraft des
Mittelpunktes, welcher Gott ist, und immer rascher gelangt sie zur Einswerdung.
Nach
und nach fühlt die Seele, wie Gott sich ihrer ganz bemächtigt, wie das
Stillesein in Gott und die Liebe Gottes sie beseligend erfüllt. Die Seele tut
nun nichts mehr, sondern läßt Gott in sich wirken. So ist das Größte in der
Religion zugleich auch das Leichteste.
Ist
die Seele einmal bis hierher gelangt, bedarf sie keiner anderen Vorbereitungen
mehr als der Ruhe und schweigenden Selbstversenkung. Johannes sagt uns, daß „im
Himmel ein großes Stillschweigen sei“. Der Himmel ist der Grund und
Mittelpunkt
unserer Seele, wo alles schweigen muß, wenn Gottes Majestät darin erscheinen
und Gottes Licht uns erleuchten soll. Erst wenn der Lärm der Ichheit und
Eigenheit verklungen ist, wird, im Schweigen des Reiches Gottes in uns, das
göttliche Wort vernehmbar und das Licht der göttlichen Weisheit sichtbar.
Wir
sollen mit Gott reden im Gebet, es geschehe mündlich oder mit unserm Herzen;
aber wir sollen nicht allein beten, sondern wir müssen auch Gott schweigen, daß
Er zu unserem Herzen auch wiederum ein Wörtlein reden könne. (Brosamen, I)
Andacht
bei nächtlichem Wachen
Nun
schläfet man,
Und
wer nicht schlafen kann, Der bete mit mir an
Den
großen Namen, Dem Tag und Nacht Wird von der Himmelswacht Preis, Lob und Ehr
gebracht, O Jesu, Amen.
Weg
Phantasie!
Mein
Herr und Gott ist hie. Du schläfst, mein Wächter, nie, Dir will ich wachen.
Ich
liebe Dich,
Ich
geb zum Opfer mich Und lasse ewiglich Dich mit mir machen.
Es
leuchte Dir
Der
Himmelslichter Zier; Ich sei Dein Sternlein, hier Und dort zu funkeln. Nun kehr
ich ein;
Herr,
rede Du allein Beim tiefsten Stillesein Zu mir im Dunkeln. (Blumengärtlein)
Der innige Zug der Liebe Gottes in unserem Herzensgrund ist wie ein göttliches Gewicht. Wie glücklich sind die Seelen, die mit geschlossenen Augen nur fahren lassen und nachgehen! Bei diesen zieht das Gewicht nach sich und der Geist sinkt ohne Mühe hinab. Wer sich dann festhalten will, wird aufgehalten und martert sich ab ohne Nutzen; wer sich aber ganz hingibt, der findet Freiheit, Raum und Ruhe auf einem Boden, der Gott selbst ist, wenn durch Loslassen und Leiden alle Stützen gefallen sind ... Damit will ich sagen: Wir dürfen dem innigen Zuge von Gottes Gnade in unserem Innern nichts von dem vorenthalten, was er nimmt und fordert, sondern müssen milde werden, alles zulassen und uns in allem willig fügen.
Im Zustand, wo die Seele noch wirklich handeln muß, kann man sagen: „Tue dies, und meide jenes!“ - wenn aber die Kraft Gottes das Übergewicht bekommt, dann bleibe man im Innern und lasse sich belehren und leiten von dem, der uns Eigenheiten und Stützen zeigt und entreißt, die weder wir noch eines anderen Menschen Auge entdeckt haben würden. Treu und gut ist dieser Führer, der uns aus Gnade bei der Hand faßt, dem wir uns so ganz anvertrauen, um in willenloser Abhängigkeit von Ihm und in Ihm zu leben! Man spürt es ja, daß die Seele arm und gebrechlich bleibt, die noch etwas will oder hat, was nicht Gottes ist, und daß die Seele reich und vollkommen ruhig lebt, die sich allein mit Gott begnügt ...Wir würden die lockende Stimme des Hirten, die Wirkungen Seiner Liebe und Gnade zu jeder Zeit, in unserem Herzensgrund, deutlich hören und kräftig spüren, wenn wir nur zu jeder Zeit dazu hinlänglich gestimmt wären. Denn Gott ist unaufhörlich tätig und uns nahe, wir aber leider nicht immer Ihm. (Briefe)
19. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Daß
Du, o Gott, mein Leben erleuchtet hast, mit einem Strahl des Lichtes, stetig
unschwächbar Deiner Gnade entflossen, Licht, unschätzbar, unaussagbar,
erleuchtend, das wahre Licht über alle Zeichen, Beschreibungen und Sprachen
hinaus, dafür, o Gott, und sei es mein letztes Wort, hier auf den Knien, alt,
arm und schwach, danke ich Dir!
Der
Meister nahm Seine drei auserwählten jünger nicht nur um der Ruhe willen mit
auf den Bergesgipfel. Dort sollten sie vielmehr für einen Augenblick die
Wirklichkeit Seines herrlichen göttlichen Wesens zu sehen bekommen, zu deren
Offenbarung der tägliche Umgang mit Ihm sie vorbereitet hatte. Sie hatten
Seine Wunder gesehen und jene wunderbaren Worte gehört, die bis dahin noch
niemals ein Mensch gesprochen. Aber es genügte nicht, daß sie nur in Anbetung
und erstaunter Verwunderung dabei standen. Es war sehr nötig für sie, daß sie
ihr überfülltes Tagewerk verließen und in der stillen Einsamkeit des Berges
die überweltliche Herrlichkeit Seiner göttlichen Person betrachteten. Doch auch
die Verklärung Seiner irdischen Gestalt war in sich selbst noch nicht genug.
Vielmehr mußten auch noch ihre Augen aufgetan werden; denn wenn ihre
Geistesaugen
nicht aufgetan worden wären, dann hätten sie weder Christi Angesicht gesehen noch
erkannt, daß Mose und Elia bei Ihm waren. Ebenso mußten sie sich die Ohren
auftun lassen, denn ohne jene geöffneten Ohren hätten sie nichts von „Seinem
Tode, den Er sterben sollte“, und erst recht nicht Gottes eigene Stimme hören
können, die da sagte: „Höret Ihn“ (Luk. 9,28-36).
Gott
wurde in Christus Mensch und spricht durch Ihn zu uns, und wir sollen Ihm in
ganzem Gehorsam nachfolgen und nicht fragen: Wie? oder Warum? Wir können Seine
liebliche Stimme nur hören, wenn wir unsere Ohren gegen die ablenkenden Stimmen
der Welt verschließen; auch können wir Ihm nur begegnen und mit Ihm
Gemeinschaft haben, wenn wir aus ganzem Herzen danach verlangen. Wenn wir
selber nicht schweigen, können wir nicht hören, was andere sagen; wir können
sie erst dann ganz verstehen, wenn wir ihnen volle Aufmerksamkeit schenken. So
müssen wir, wenn wir die Stimme unseres himmlischen Vaters hören wollen, in
der Stille vor Ihm warten und unser Gemüt und Herz ganz auf Ihn richten; denn
Er offenbart sich noch immer denen, die Ihn unermüdlich suchen. Und nicht nur
dies, sondern wer so sucht, wird das Vorrecht der Gemeinschaft der Heiligen
haben, so wie jene drei Apostel, weil sie mit Ihm verbunden waren, sich der
Gemeinschaft mit Mose und Elia erfreuten.
Wir
dürfen diese heilige Gemeinschaft auch nicht suchen, damit wir mit ihrer Hilfe
in der Welt vorankommen, wie jene beiden jünger taten: sie baten, zur Rechten
und Linken des Königs sitzen zu dürfen, wenn Er in Sein herrliches Reich kommen
werde (Mk. 10, 35-37). Stelle dem den besseren Weg Marias gegenüber: sie suchte
nicht einen hohen Platz am Thron, sondern war zufrieden, zu den Füßen des Herrn
selbst zu sitzen und Seine Leben-spendenden Worte zu hören. So erwählte sie
„das gute Teil, das soll nicht von ihr genommen werden“ (Luk. 10, 39-42).
Wenn
wir uns innern, so spricht Gott zu unserem Herzen; und wenn wir unsere Herzen
demütig bringen zu ihm, dem Brunnquell allen Lebens, dann wird Er in uns
hereinströmen mit der ganzen Fülle Seiner Gegenwart. Wie die Quelle das Gefäß
füllt, das unter ihren Wasserstrahl gestellt wird, so fließen Gottes Geist und
wahrer Friede in das Herz dessen, der sein Herz demütig macht, um sie zu
empfangen.
Hugo
(v. St. Victor) hat gesagt: „Der Weg, emporzusteigen ist, in sich selbst
hinabzusteigen.“
„Ich
wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, die zerschlagenen und
demütigen Geistes sind“ (Jes. 57,15). Hylton hat diese Worte geschrieben:
„Christus ist wie das Geldstück im Gleichnis verloren; aber wo? In deinem
Hause, das ist in deiner Seele. Du brauchst nicht nach Rom oder nach Jerusalem
zu laufen, um Ihn zu suchen. Er schläft, wie einst im Schiffe, so in deinem
Herzen. Wecke Ihn mit dem lauten Ruf deines Verlangens. Wie dem auch sei, so
glaube ich, du schläfst häufiger, wo Er dich ruft, als umgekehrt.“
Nachdem
wir in die Einsamkeit des Gebetsberges gestiegen und Ihm dort begegnet sind,
sollen wir nicht, wie jene jünger wollten, unsere Zeit damit vergeuden, daß wir
planen und Hütten bauen wollen, sondern sollen mit unserer neugefundenen Kraft
zur Menschenwelt zurückgehen und das Werk vollenden, das uns aufgetragen
ward.*)
*) Entnommen Friso Melzer, Sadhu
Sundar Singh, Gesammelte Schriften.
1 Sadhu
Sundar Singh (geb. um 1880) ist der große christliche Mystiker des Ostens, dem
zahlreiche Christusvisionen geschenkt wurden und der auch an dem großen
Gespräch teil hatte, das Gott mit allen jenen führt, die Ihn lieben und Seine
Gebote halten.
Die
Vollendung des Menschen geschieht nicht durch die höchste Entwicklung seines
egoistischen Intellekts, seiner vitalen Kräfte und dem körperlichen
Wohlbefinden; nicht durch das Streben nach äußerster Befriedigung seines
mentalen, vitalen und körperlichen Verlangens. Sie vollzieht sich mit der Flut
des Göttlichen in seiner größten Macht der Weisheit, Kraft, Liebe und Einheit
in ihn. Diese Flut ist es, die ihn zur erhabensten Verwirklichung all der nur
möglichen Schönheit und Freude des Daseins befähigt.
Die
Freude Gottes ist etwas Geheimes und Wunderbares, ein Mysterium und eine
Verzückung, über die der gewöhnliche Verstand spöttisch den Mund verzieht, doch
wenn die Seele audi nur einmal davon gekostet hat, kann sie nie wieder davon
lassen, auch wenn es noch soviel weltliche Schande, Qualen und Kummer bringt.
Das
Gesetz ist für die Unfreien und für die, deren Augen versiegelt sind; wenn sie
ihm nicht gehorchen, werden sie fallen. Doch du, den Krishna befreit hat und
der Sein lebendiges Licht sah, halte, wenn du gehst, die Hand deines Freundes
und geh im Licht des ewigen Veda2.
Vedanta3
ist die Lampe Gottes, die dich aus der Nacht, der Sklaverei und der Selbstsucht
führt, doch wenn das Licht des Veda in deiner Seele aufgeht, dann brauchst du
auch diese göttliche Lampe nicht mehr, dann kannst du frei und sicher im ewigen
Sonnenlicht gehen.4
1 Sri
Auribindo gilt als einer der großen Propheten Indiens. Wie selten einer ist er
Zeuge dessen, wie das Ewige Wort sich nicht nur über alle Zeiten, sondern auch
über alle Religionen und Bekenntnisse hinweg jenen offenbart und zum inneren
Führer wird, die das Gebot der Liebe halten. - „Sri Auribindo war in
besonderer Weise schicksalsmäßig dazu bestimmt, Orient und Okzident miteinander
zu versöhnen. Er war ein Mensch, der beiden Kulturen angehörte und bis zu jenem
geistigen Quellgrund hinabstieg, aus dem sowohl der Orient wie der Okzident
seine Kraft schöpft. Hier gibt es`, wie Auribindo selber sagt, keinen
Unterschied zwischen der westlichen und der östlichen menschlichen Natur, hier
spricht die Menschheit mit Gott.“ (Arthur Schult, Menschenleben und Johannesevangelium
im Lichte der Wandelsterne. Drei Eichen Verlag München.)
2 Heilige
Schrift der Inder.
3 Die
weitere Entwicklung der Veden, die Upanishaden.
4 Die
Zitate sind einer Sammlung von Gedanken und Aphorismen Sri Auribindos „Kurz und
bündig“ entnommen. Verlag Sri Auribindo Ashram, Pondicherry.
(Das
innere Wort:) „Nun denn, so zeichne auf und erkenne im Lichte der Liebe deines
Vaters das, um was die Meinen bitten sollen, wenn sie sich mit dem Vater
vereinen in einem Gebet:
„O
guter Vater, ich bitte Dich um ein reines, stilles, Dir ergebenes Herz, das
nur achtet auf Dich und Deine Liebe. Laß, guter Vater, mir stets vor meinen
Augen meine Ohnmacht schweben! Schreibe hinein in mein Herz mit ewig
unvergänglichen
Buchstaben, daß ich nichts ohne Deine Liebe vermag! Gestalte Du meinen Sinn in
Deine Liebe um, wohne Du in Deinem Heiligtum, um Deiner Liebe und um des Heiles
meiner Mitmenschen willen. Nur darum, guter Vater, gib mir Kraft und laß
durchleuchten das Licht Deiner Liebe! Mache Du mich geringsten Menschen stark
im Unterordnen unter Deinen Willen, damit ich meine Lebensbahn in Deinem
Willen ergeben wandle! Dein Wille geschehe. Amen."
Mein
Kind, bittest du Mich im Einklange dieses Sinnes mit deinem Leben, so lebe Ich
in dir, so leite Ich deine Bahnen in die ewigen Tiefen deines Seins und
erleuchte sie, auf daß weichen die Schatten des Todes und Licht werde in den
geheimsten Räumen deines Herzens. O Mensch, nur in der Demut wachsen die
geistigen Schätze; nur im Besitzen des Geringsten für dich, o Menschenkind,
besitzest du alles nach dem Glanze deiner Demut. Klein und gering sind Meine
Kinder, so ihnen erkenntlich wird die Gnade ihres Vaters. Darum kommt ernstlich
zu Mir und bittet Mich um Kraft, auf daß wir miteinander wirken können. denn
die Nacht ist groß im Geiste der Menschheit. Wir wollen heilen, lindern,
stärken, kräftigen und leuchten mit geistigen Schönheiten in der Aufopferung
und Hingebung. Im Lichte der Lehre Jesu, deines Herrn, veredelst du deinen
Sinn, o Menschenkind, nach der ihm innewohnenden und frei gewordenen Kraft.“
(Bahnbrecher d. Göttl. Liebe)
„Ich,
die Wahrheit, das Leben alles Lebens, bin bei dir, Mein Kind, um dich zu
kräftigen und zu stärken nach Meiner Weise, wie du es bedarfst, o Kind, zur
Reife deiner Seele, welche sich willig und ganz Mir, der Liebe in deinem
Herzen, unterord
Mein
Kind, komm her an Meine Brust und genieße den Ausfluß Meiner väterlichen
Liebe, auf daß sich deine Seele kräftig erheben und aufschwingen mag, zu
ergreifen den Lebensbecher, um zu schöpfen aus dem Quell der Liebe in dir, das
Lebenswasser verteilend nach Liebeart an die, welche es bedürfen und die da
schmachten nach einem Tropfen. Darum laß es dringen immer tiefer in dich, das
große lebendige Wort deines Vaters, damit lebendig werde dein ganzes Sein in
der Liebe deines Herrn, der dich erheben möchte über alles materielle, auf daß
Ich ganz dein sein kann und Ich dich Mein nennen darf schon hier auf Erden.
Mein Kind, Ich lasse dich nicht. Erkenne dich, arbeite an dir, sieh auf Jesum,
das Vorbild; schmücke dich, Mein Kind, mit Perlen der Tugenden, auf daß Ich
dich geschmückt finde, so Ich, Einlaß begehrend, deine Hütte betrete zur Zeit
und Stunde, die Ich Mir vorbehalten habe.“ (ibid.)
„Mein
Kind, es sei nach deinem Liebeflehen; Ich habe deinen Ruf vernommen, Mein Kind,
du klagtest, du zagtest. Hatte Ich dir nicht zugerufen, daß Ich dich führen
will in die Tiefen deines Seins, auf daß da Licht werde, auf daß du dich
erkennen
lernest, daß es allda noch viel zu veredeln gibt? Denn nur in Meinem Wesen
findest du Mich und in Mir dich. Kind Meiner Abstammung, darum zage nimmer, so
wir noch manches haben, das vor deinen Augen hervortreten muß. Ich bin und
bleibe bei dir, Mein Kind. Was ich beginne, das wird vollendet. Du weißt, wer
Der ist, der da spricht. Darum gehe in dich! Verschließe deine Sinne nach
außen, das heißt, gebrauche sie nur insoweit, als es nötig ist zur Erfüllung
deiner Pflichten als Mensch, auf daß sich die inneren auftun mögen, damit du
fähig wirst, deinem Vater zu dienen nach deinem Liebeflehen, nach deinem
Versprechen.“ (ibid.)
Selig,
wer die Worte hört, und selig, selig, der die Worte versteht, dreimal selig,
der diese Worte ins Leben umsetzt, der da nicht hört auf den Rat der Welt,
sondern auf den Rat seines Heilandes, der nicht die Freude in der Welt sucht,
sondern in seinem Heiland und dann sagen kann: Bald wird auch mich mein Vater
verklären. (ibid.)
Jedes
Wort unseres Heilandes ist ein Schlüssel zu einer geistigen Tiefe. Und wenn
man ein solches Wort in die Tat umsetzt, schließt man sich selber wieder ein
geistiges Lebenskämmerlein auf. (ibid.)
Wer
die Wahrheit aufnimmt, gibt der Wahrheit Raum und wird in die Wahrheit
verwandelt - und die Wahrheit ist Jesus Christus. (ibid.)
„Reife gehört dazu, um Mein Leben aufnehmen zu können. Ihr sollt Mich aufnehmen. Ihr sollt Meiner Gottheit heilige Strahlen brechen lassen durch eure Herzen, durch alle Räume der Unendlichkeit, durch alle Sphären; denn im Lebensstrahl, der da dringt aus eurem ganzen Sein, werde Ich offenbar. Wohl auch als der König der Ehren, doch aber vorzüglich als die Ewige Liebe, die nicht eher ruhen kann, bevor nicht das letzte Kleinod heiliger Liebe am Heimatherd Meiner göttlichen Liebe ruht.“ (ibid.)
Es
regt sich still im Herzen
Es
regt sich still im Herzen ein Leben, sanft und süß;
es
kündet nichts von Schmerzen, zeugt nur vom Paradies.
Es
lispelt nur von Liebe und bittet um mehr Raum; es heiligt alle Triebe gleich
wie ein Liebestraum.
Dies
ist das Licht von oben, das einst kam in die Nacht und für mich Leidensproben
als Jesus hat vollbracht.
Dies
Leben, das sich reget, will in mir auferstehn, oft es mein Herz beweget mit
zartem Himmelswehn. Es rüttelt an den Kerker, den es sich selbst erwählt, und
suchet immer stärker Befreiung, die ihm fehlt.
So
mancher Wonneschauer kündet den Durchbruch an, wo sich für ew'ge Dauer Gott mit
mir einen kann.
Gott
als das ew'ge Leben - in Jesus offenbart -
will
sich zu eigen geben mir nach der Liebe Art. Viel hat Er schon geheiligt mit
Seinem blut'gen Schweiß, manch Hindernis beseitigt zu Seiner Liebe Preis.
Nun
Er in mir sanft klopfet wie's Küdielchen im Ei,
als
ob die letzte Schranke noch zu durchbrechen sei.
Die Himmelspforte
Was
ist es wohl, das in der Brust sich regt, wenn Liebefeuer sich bemerkbar machen,
wenn sich das Herz im Menschen sanft bewegt und Kraft er fühlt in seiner Seel,
der schwachen? - daß ein Gedanke nach dem andern lacht,
als
ob die Engel auf- und abwärts steigen, daß all die Liebefeuer sind entfacht
und
alle irdischen Gedanken schweigen.
Wie
bist, o Mensch, du doch so reich bedacht, wo trotz der Sünde, die dich sucht zu
lähmen, das Auge deines Vaters wacht und läßt des Himmels Gaben dir nicht
nehmen, weil Er oft selbst kommt in Sein Eigentum, um durch dasselbe dann zu
uns zu reden. Dies bleibt der Vaterliebe höchster Ruhm: Sie sucht ihr Kind, und
sucht's in einem jeden!
Und
wer sich suchen läßt, steht nicht allein, da mit dem Vater er kann Zwiesprach
halten! O höchstes Glück im Erdensein: ich darf mich selbst zum Gotteshaus
entfalten! Wo aller Himmel Reichtum aufgetürmt, darf ich in mir die
Himmelspfort entdecken, durch welche Gottes Wort fließt - treu beschirmt von
Ihm, der mich will für die Heimat wecken.
Hat unser Vater dann in einem Kreis von Menschen nur ein einz'ges Herz gefunden, das an die große Gnade glaubt und weiß, daß wir nicht ewig an die Welt gebunden, - so geht die Himmelspfort für alle auf. In solchem Dom wird Gottes Wort verkündet, da eine Gottesader ihren Lauf hierher genommen und - im Menschen mündet.
Quelle:
Johannes Tennhardt, Vom inneren Wort, Lorber-Verlag