Johannes Gommel
(1811-1841)


Ziehe den Balken aus deinem Auge

Wie viele Christen meinen, eine große Tat getan zu haben, wenn sie in ihrer eigenen Weise arbeiten und sich opfern, wie sie meinen, wenn sie andere zu bekehren suchen, wenn sie andern ihre Fehler vorhalten, und wissen nicht, daß das vor dem Herrn nicht angenehm ist.

Ihr eigenes Herz bleibt das Alte, ihre eigenen Fehler erkennen sie nicht, so daß der Herr zu ihnen sagen muß: „Du Heuchler, ziehe am ersten den Balken aus deinem Auge, danach siehe, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst.“ - So gibt's viele Menschen, die umher gehen, die andern zu bekehren, selbst aber wissen sie nichts von Bekehrung, und wollen sich nichts gefallen lassen von dem Nächsten.

Wenn man sie tadelt, wollen sie sich nicht beugen unter das Joch Jesu, kennen keine Verleugnung ihrer selbst, keine Nahrung ist ihnen recht. Mit den Kleidern prangen sie und wollen nicht als demütige Christen wandeln, was dem Herrn sehr mißfällt; denn der demütige Heiland hat sich nicht der Welt gleichgestellt auch in der Kleidung.

 

Man sucht Umgang mit anderen, aber nicht mit Gott

Man jammert und klagt, wenn so vieles kommt, das einem nicht angenehm ist, man ist betrübt über das, was einem täglich widerfährt, und wenn man dieses und jenes nicht mitmachen kann; man sucht Genuß in der Gesellschaft mit andern, im Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten. Man freut sich stets, mit Geschöpfen im Umgang zu sein, und wenn man das entbehren soll, ist man unglücklich und betrübt.

An das denkt man aber am wenigsten, mit Dem Umgang zu haben, welcher einen allein befriedigen und glücklich machen kann, man sucht diesen Umgang am wenigsten, man will nicht in der Stille mit Jesu dem Herrn sich unterhalten, wo man doch so viel gewinnen könnte; viel lieber ist einem der Genuß des Umgangs mit Menschen.

Suchet das, was im Himmel ist, und lasset die andern, welche nicht wollen, ihren Weg ziehen. Haltet euch nicht auf mit solchen trägen Seelen, die immer wieder ihren Blick zur Erde wenden und auf das, was drinnen ist, die sich festhalten an der Kreatur und den Gütern dieser Zeit.

Nicht die Welt lieben

Warum lasset ihr euch so verblenden von dem Fürsten der Finsternis, welcher eine große Freude hat, wenn er sieht, daß eure Seele beim Irdischen hängen bleibt, welcher sich freut, wenn er sieht, daß ihr euren Geist einst nicht empor schwingen könnet?

Ihr meinet, ihr habet das ewige Leben, aber ihr habt das irdische Leben, an welchem ihr hängen bleibt; denn wer irdisch gesinnt ist muß ja auf der Erde bleiben, der Magnet zieht ihn dahin zurück, wo er seither gelebt hat. Geistig sollt ihr werden, solche Kinder, denen das Irdische nicht das Wichtigste ist, das Wohlleben und Guthaben auf Erden, sondern das himmlische Erbteil, der Segen des Herrn soll euch wichtig sein, euch, die ihr Jesu Namen traget, nicht irdischer Gewinn.

Sind das nicht niedere Seelen, die nur irdischen Gewinn suchen und darüber so viele hohe, himmlische Gaben verlieren? Sind das nicht niedere Seelen, die so gerne hier unten bleiben mit ihrem ganzen Wesen, da sie doch eine Heimat haben in einer unvergänglichen Welt?

Unnötiges Geschwätz

Bittet, recht um das, daß der Herr euch schenke das rechte Aufmerken, die rechte Wachsamkeit, daß ihr euch nicht überlisten lasset von jenem bösen Fürsten. Täglich und stündlich verliert man so viel mit unnützigern Geschwätz, oft mit bösen Reden, oft mit allzu großer Strenge gegen den Nächsten. Man bedenkt es nicht, wie viel man immer verliert dadurch, daß man so viel anrichtet auch bei anderen.

Denn ein Jegliches muß das auch wieder tragen, was es mit seinen unnützen Reden angerichtet hat, entweder hier oder dort. Wenn man das immer bedächte, würde man wohl seine Reden wägen, seufzen und sagen zu dem Herrn: „Herr, lege Du mir immer die rechten Worte in den Mund!“

Das tut man aber nicht, sondern man redet unbedacht, man redet nach seinem Natursinn und läßt den Geist Gottes nicht walten. Ich möchte euch nur zeigen können, wie viel ihr gerade durch solch unbedächtes, oft auch unnützes Geschwätz, bei vielen auch bösartiges Gerede, schon angerichtet und dabei verloren habt für die Ewigkeit.

Menschliche Weisheit

So viele Seelen suchen menschliche Weisheit, sie hören auf wohlgeschmückte Reden, in welchen kein Geist und kein Leben ist. Was geschmückt und künstlich zugerichtet ist, das gefällt ihnen, da meinen sie Befriedigung zu haben; sie suchen, sie wünschen und begehren etwas für die äußeren Sinne.

Sie suchen Gefühl und Wohlbehagen auch bei dem Christentum; sie suchen ein ruhiges, gemütliches Leben, wo man allezeit genießen kann. Das Verleugnen ist ihnen noch nicht bekannt, weil sie nicht bei der einfachen Lehre Jesu stehen bleiben, bei den einfachen, kindlichen Worten des Herrn. Denn die Lehre Jesu ist trotz ihrer Weisheit und Fülle eine einfache, kindliche Lehre; aber das genügt den Seelen nicht, die mit ihren Sinnen draußen sind.

Sie suchen die Lehren und Weisheit der Menschen, es gefällt ihnen besser, wenn etwas so wohlgeformt, zugerichtet und geschmückt ist, daß man den Kern der Wahrheit des göttlichen Wortes gar nicht mehr findet. Suchet das, was vom Geist Gottes durchdrungen ist, denn alles, was nur äußerlich ist, befriedigt die Seele nicht.

Nachfolger Jesu

Ihr sprechet: „Ich möchte ein Nachfolger Jesu werden, ich will Ihm dienen, ich möchte Ihm ähnlich werden“, und wenn nur etwas Geringes euch in den Weg tritt, das ihr überwinden sollt, dann seid ihr mürrisch und haltet euch auf daran. Oft nicht nur stundenlang, sondern ganze Wochen und Monate könnet ihr in euren Herzen nicht fertig werden, wenn ihr auch äußerlich davon schweiget.

Ihr wollt Nachfolger Jesu sein und könnet gar nichts auf euch nehmen; ihr wollet Kinder des Höchsten genannt werden und bringet Ihm noch so wenig Ehre; ihr wollt sagen: „Ich bin ein Kind Gottes" und habt doch noch so wenig angezogen von dem höchsten Licht; ihr wollet eingehen in die Herrlichkeit und traget noch gar nichts von ihr in euch. Es muß noch ganz anders mit euch werden!

Ihr haltet noch viel zu viel von euch selbst und von eurem Tun; ihr seid noch lange nicht so, daß ihr euch für den größten Sünder haltet, sonst würdet ihr nicht immer an die Fehler des Nächsten hinblicken und noch so vieles bei ihm finden und alles so groß hinstellen, es würde euch alles so klein vorkommen gegen eure Sündhaftigkeit.  

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