Der Hochmut ist die Mutter aller Sünden
empfangen durch Jakob Lorber am 06.04.1849

29] Ich sage es hier nun allen der vollsten
Wahrheit gemäß, die allein jeden Menschen wahrhaft frei machen kann: Es gibt
vor Mir im Grunde des Grundes nur so ganz eigentlich eine einzige Sünde, welche
die Mutter aller anderen Sünden ist, und diese Sünde heißt: Hochmut!
30] Aus dem Hochmute aber geht dann alles andere,
was nur immer Sünde heißt, hervor - als da ist die Selbstsucht, Herrschlust,
Eigenliebe, Neid, Geiz, Wucher, Betrug, Dieberei, Raub, Zorn, Mord, Trägheit
zur rechten Arbeit, der süße Müßiggang auf Kosten der unhochmütigen
Arbeiter, Hang zum Wohlleben und Großtun, Geilheit des Fleisches, Unzucht,
Hurerei, Gottesvergessenheit und endlich wohl auch oft eine gänzliche
Gottlosigkeit und mit dieser der vollste Ungehorsam gegen alle Gesetze, mögen
sie göttlichen oder bloß politischen Ursprunges sein.
31] Betrachtet jede dieser aufgezählten Hauptsünden
für sich ganz analytisch, und ihr werdet am Grunde einer jeden den Hochmut
ersehen. Wer dann aller seiner vermeintlichen tausend Sünden wie mit einem
Schlage los sein will, der sehe allein darauf, daß er seines wie immer
gearteten Hochmutes ledig werde, so wird er auch ledig sein aller seiner anderen
Sünden. Denn viele Sünden sind ohne Hochmut gar nicht denkbar, und das darum,
weil er der alleinige Grund dieser Sünden ist.
32] Sünden aber, die ohne Hochmut begangen werden,
sind keine Sünden, weil sie den Grund zur Sünde nicht in sich bergen. - -
33] Es würde aber jemand sein, der sonst gerecht wäre
und niemand zu ihm sagen könnte: Siehe, dieser und jener Sünden hast du dich
schuldig gemacht, - aber er täte sich darauf viel zugute und achtete sich für
viel besser als jene, die er als grobe Sünder erkennt. Wahrlich, da nützete
ihm alle seine Gerechtigkeit nichts. Denn da er sich auf seine Gerechtigkeit und
Unbescholtenheit etwas zugute täte, so wäre er schon vom Hochmute befangen und
somit vor Mir schlechter als einer, der sein Leben lang - aber natürlich ohne
allen Hochmut - in seinem Fleische gesündigt hätte, was an und für sich wohl
auch eine starke Sünde ist, aber selbst mit dem geringsten Hochmute in gar
keinem Vergleiche steht.
34] Daher lasse sich aber nun auch ein jeder durch
dieses Morgenrot ganz scharf durch und durch erleuchten und spüre ja sorgfältigst
in seinen erleuchteten Lebenswinkeln und Kammern fleißig nach, ob er nicht
irgendwo etwas antreffen möchte, was so mit dem Hochmute irgendeine Ähnlichkeit
haben könnte. Trifft er so etwas in seinem Inneren an, so verabscheue er es
augenblicklich und strebe alsbald mit allen Kräften danach, daß er seines noch
so gering scheinenden Hochmutes loswerde, sonst wird dieser mit der Zeit zu
wachsen anfangen wie eine Schmarotzerpflanze am sonst gesunden Aste eines
Fruchtbaumes und den sonst edlen Menschen ebenso zugrunde richten geistig, wie
die Schmarotzerpflanze den sonst ganz gesunden Baum.
35] Der Hochmut, wie immer geartet er auch sein möchte
und von wo immer er seinen Ursprung nehmen mag, ist für Seele und Geist eine
allergiftigste Stickluft aus der Hölle, durch die in kurzer Zeit alles Leben
zugrunde gehen muß. Daher noch einmal für tausendmal gesagt:
36] Hütet euch vor allem nur vor dem Hochmute,
wollt ihr vor Mir als gerecht und gerechtfertigt erscheinen - und wollt ihr am
kommenden großen Tage euch Meiner sichtbaren Gegenwart erfreuen!
37] Aber so nur ein Atom irgendeines Hochmutes in
euch verbleibt, so werdet ihr von Mir zwar sagen hören, daß Ich auf der Erde
zu Meinen Freunden gekommen bin; so ihr aber rufen werdet: "Herr! Herr!
Komme auch zu uns!" - da werde Ich dennoch nicht zu euch kommen, dieweil
ihr nicht allem Hochmute entsagt habt.
38] Wohl wisset ihr vieles, was Millionen nicht
einmal zu ahnen vermögen; aber darum seid ihr nicht um ein Haar besser als
jene, die von alldem keine Ahnung haben, was bei euch schon ein
erfahrungsreiches Wissen, ja manchmal sogar ein förmliches Schauen geworden
ist. Aber so ihr mit eurem Wissen auch die rechte Demut vereiniget, dann wird
euch freilich das tiefe Wissen im Bereiche des rein Geistigen von einem
unberechenbar großen Nutzen sein.
39] Auf daß sich aber ein jeder Mensch richten
kann und erforschen sein ganzes Wesen, so will Ich zu dem Behufe eine
sonderheitliche Anleitung geben, nach der man gar leicht wird ersehen können,
an welche Eigenschaften sich der schändlichste Hochmut beim Menschen anklebt
und allda fortwuchert. -
40] Manche Menschen beiderlei Geschlechts haben
gewisserart von Geburt an ein züchtigeres Fleisch und enthalten sich demnach
auch um vieles leichter von all den sinnlichen Gelüsten des Fleisches. Diese
Menschen triumphieren dann aber gewöhnlich nicht über sich selbst, sondern
hauptsächlich über ihre Nebenmenschen, deren Natur nicht aus so keuschen
Substantialspezifiken zusammengesetzt ist. - Diese also um vieles leichter
keusch lebenden Menschen aber verachten dann gewöhnlich diejenigen, die es
wirklich einen großen Kampf kostet, um sich der fleischlichen Werke zu
enthalten. Ja, solche Menschen können oft beim besten Willen nicht das in die
Ausführung bringen, was den andern ein leichtes ist.
41] Wenn nun solche sich der fleischlichen Werke
leicht enthaltenden Menschen über die in diesem Punkte Schwachen sich lustig
machen, sie schmähen, oft verfluchen und ihnen die Hölle an den Hals
schleudern, da sie sich natürlich für besser und unfehlbarer halten als ihre
schwächeren Brüder und Schwestern, - da verfallen solche fleischlich ohne ihr
besonderes Verdienst Reineren schon dem Hochmute und sind dadurch schon bei
weitem größere Sünder in sich selbst als ihre schwachen Nebenmenschen. Denn
jedes sich für Mehr, Höher, Besser- und Vorzüglicherhalten als seinen
Nebenmenschen in was immer rührt schon vom Hochmute her und ist an sich vor Mir
schon schlechter, als was ein Hochmütiger in was immer als schlecht bezeichnen
möchte. Denn schon die geringste Art des Hochmuts ist bei weitem ärger, als
jede andere Sünde für sich.
42] Denn jede Sünde, einfach für sich genommen,
ist nur wie das Fleisch eines Apfels oder einer Pflaume oder einer Birne, das an
und für sich keiner Fortpflanzung und Vermehrung fähig ist. Aber der Hochmut
ist das Samenkorn oder die fabelhafte Büchse der Pandora, aus dem wie aus
dieser alle erdenklichen Übel erwachsen können und sich dann aber auch also
vermehren wie das Gras auf dem Erdboden und der Sand im Meere. Denn wer von sich
selbst in was immer eine zu gute Meinung hat, der verlangt, daß auch andere von
ihm das meinen sollen. - - demütiger Gelehrter stiften, und wie gesegnet wären
alle seine Arbeiten, die er mit Mir zum Frommen der armen Menschheit vollführte!
Wie würde er wahrhaft geschätzt, geliebt und gesucht sein!
43] Nun aber setzen wir den Fall - der sich leider
nur gar zu oft ergibt -, daß andere solch eine ihre eigenen Fähigkeiten überwiegende
Vortrefflichkeit anerkennen und sehr beloben, so wird dann der vortreffliche A
noch lobbegieriger. Er wendet bald alles an, um seine Vortrefflichkeit noch mehr
zu heben. Es gelingt ihm, er wird ein Virtuose, will dann schon viel mehr
Weihrauch. Man streut ihm Blumen und Kränze. Er fühlt sich als eine Art Gott,
wird am Ende selbst von Bewunderung über sich, sozusagen, ganz hingerissen. Und
wenn dann aber etwa doch jemand so keck wäre und sagte zu ihm: "Freund! Du
überschätzest dich, es ist nicht soviel an dem, was du bist und leistest.
Siehe, einige interessierte Lobhudler und Weihrauchstreuer haben dich mit ihrem
ganz leeren Lobgequake trunken und verwirrt gemacht, und du warst so
uneinsichtig und nahmst ein glänzendes wertloses Geflitter für bares
gediegenes Gold an. Werde aber nun nüchtern und beschaue deine vermeinte außerordentliche
Vortrefflichkeit mit klaren Augen, und du wirst finden, daß daran neun Zehntel
rein zu verwerfen sind." - -
44] Auf solch eine recht weise Belehrung wird dann
der vortreffliche A erbost und wird dem recht weisen Belehren auf eine Art übers
Maul fahren, wie man zu sagen pflegt, daß sich dieser für alle Zeiten den
Gusto (die Lust, Neigung) wird vergehen lassen, ihm je wieder einmal mit einer
weisen Belehrung zu kommen. - Und seht, so wuchert dann der Hochmut fort und
verzehrt endlich alles Edle, was sonst der Geist vermöge seiner besseren und
ausgezeichneteren Talente hätte zum Frommen vieler schwächer begabten Menschen
zustande bringen können. - -
45] Wenn jemand recht viel gelernt hat und hat
seinen Verstand mit recht tüchtigen Wissenschaften ausgerüstet, so daß
andere, ungelehrte Menschen im Fache des Wissens als bare Nullen gegen ihn sich
verhalten, und wenn es nun einem Ungelehrten einfiele, dem Hochgelehrten gegenüber
zu behaupten, daß er auch etwas verstehe und es sogar eine Schande wäre, so
jemand, der etliche zwanzig Jahre nichts als studiert hat und sich mit
Wissenschaften über Wissenschaften beschäftigte, nicht mehr verstünde als
einer, der dazu weder Vermögen noch Gelegenheit hatte, - ja da wäre es aus
beim Herrn Doktor! Der würde so einem naseweisen Lümmel ganz kurios begegnen
und ihm zeigen, ob er das Recht habe, ihm gegenüber solch impertinente
Bemerkungen zu machen.
46] Seht, das ist schon wieder Hochmut, der aus dem
Herrn Doktor statt des Segens nur einen Fluch für die arme Menschheit zieht.
Wie viel Gutes könnte ein demütiger Gelehrter stiften, und wie gesegnet wären
alle seine Arbeiten, die er mit Mir zum Frommen der armen Menschheit vollführte!
Wie würde er wahrhaft geschätzt, geliebt und gesucht sein!
47] Ja, je weniger er aus sich machte, desto mehr würden
die anderen aus ihm machen. - Aber nein, der Hochmut als Eigendünkel der
meisten Gelehrten vermengt und verbrennt all das Edle und Gute, das aus ihnen hätte
hervorgehen können, da er sie, je älter und größer er wird, für die arme
und und bedürftige Menschheit ganz unzugänglich macht.
48] Desgleichen steht es auch mit den meisten
Beamten, die gewöhnlich auf ihre Amtswürde ein so großes Gewicht legen, daß
sie die anderen, ihnen untergeordneten Menschen nicht selten für nahe weniger
als nichts betrachten. Diese nicht mit dem Amt, das etwas Nützliches ist,
verbundene, sondern eigenmächtig geschaffene Amtserhabenheit des Beamten ist
gleichfalls wieder nichts als ein barster Hochmut, der dem Amte nie einen Segen,
sondern allezeit nur ganz notwendig den Fluch bereitet. - Wer kann da aufstehen
und sagen, daß es nicht also sei?
49] Der Priester, der ein Vorbild aller Demut sein
sollte, bildet sich Himmel und Erde ein, huscht nach Gold und Silber, um sein
vermeintes himmlisches Ansehen auf einen Glanz zu stellen, vor dem sogar die
Sonne, so es möglich wäre, sich weidlichst schämen müßte.
50] Ein Lehrer oder Professor der Jugend macht
nicht selten förmliche Studien, wie er den jungen Würmern so recht
handgreiflich zeigen könnte, was Außerordentliches da hinter ihm stecke. Es
liegt ihm meistens weniger daran, daß seine Schüler von der Nützlichkeit
seiner Stellung überzeugt werden möchten, als daß sie nur zittern vor ihm und
seiner professorlichen Amtsautorität.
51] Es ist allerdings wahr, daß bei manchen
Kindern ein ziemlicher Ernst angewandt werden muß, um sie vom Nutzen und von
der Notwendigkeit dessen, was sie lernen müssen, zu überzeugen und sie dadurch
mit Liebe zu den zu erlernenden Gegenständen'zu erfüllen. Aber es ist demgegenüber
auch das sehr wahr, daß ein Lehrer, der seine Schüler mit der rechten uneigennützigen
Liebe zu behandeln versteht, mit ihnen bei weitem mehr ausrichten wird als ein
Ehren- und Ansehenschnapper.
52] Ich sage euch: Suchet, sei es in was immer, nie
die Ehre der Welt; denn diese ist eine Pest für Seele und Geist, und ihre
Folgen kommen früher oder später, die Erde verheerend, zum Vorschein.
Himmelsgaben, Bd. 3, Seite 477-481, "Das große Morgenrot oder der Voraufgang zur Ankunft des Herrn"